+
Ein Bild der Zerstörung: Eine Schlammsuppe hat sich über Simbach gelegt.

Hochwasser in Niederbayern

Tote, Tränen und überall Schlamm: Der Tag nach der Flutkatastrophe

  • schließen
  • Josef Ametsbichler
    Josef Ametsbichler
    schließen

Simbach/Triftern - Häuser sind zerstört, Autos wurden wie Spielzeug durch die Gegend gewirbelt, überall ist Schlamm. Nach dem Hochwasser erkennt man langsam die Dimension des Unglücks. Jetzt geht die Sorge um, dass es noch mehr Tote gibt.

Auf den Tag genau 33 Jahre lang haben Alois und Helga Feyrer ihre Metzgerei in Simbach am Inn betrieben. Jetzt stehen sie vor den Trümmern ihrer Existenz. Am 1. Juni 1983 feierten die Feyrers die Geschäftseröffnung, am 1. Juni 2016 zerstörte der zu einer Schlammlawine angeschwollene Simbach binnen Minuten ihr Lebenswerk. Die Massen aus Wasser, Unrat und Geröll rissen die schweren Metallplatten, mit denen die Familie ihr Geschäft verbarrikadiert hatte, einfach mit sich.

Bis in den ersten Stock drang die Flut – die Feyrers flüchteten ins Dachgeschoss, bis die Feuerwehr sie am Abend retten konnte. „Die Produktion, das Geschäft, es ist alles weg. Das ist der schlimmste Tag meines Lebens“, sagt Helga Feyrer mit Tränen in den Augen und blickt auf die ruinierte Metzgerei. „Man schläft ein, weil man einfach nicht mehr kann“, erzählt sie von der Nacht auf Donnerstag, in der sie bei ihrer Tochter unterkommen musste. Um 4.30 Uhr war Feyrer wieder auf den Beinen.

Jetzt, am Tag nach der Katastrophe, packen Angestellte und völlig Fremde mit an. Gemeinsam räumen sie das, was von der Metzgerei noch übrig ist aus dem Gebäude. Der Simbach hat eine Schneise der Verwüstung durch den Ort geschlagen. An Brücken und Häusern sind entwurzelte Bäume und Autos angeschwemmt, die die Flut wie Spielzeug durch die Straßen wirbelte. Es liegt scharfer Ölgeruch leckgeschlagener Heizungstanks in der Luft. Der Schlamm, der sich den Weg bis in den hintersten Winkel jedes Zimmers gebahnt hat, hat überall das gleiche Bild hinterlassen: Zerfetzte Matratzen, Lampenschirme und Geschirr ragen aus dem schweren, graubraunen Matsch. Die Feuerwehr zieht in kleinen Trupps von Haus zu Haus und vergewissert sich, dass niemand mehr eingeschlossen ist. Auf die Türen bereits durchkämmter Häuser sprühen die Einsatzkräfte ein großes, blaues Kreuz.

Hochwasser in Niederbayern: Tochter, Mutter und Oma ertrinken

Es ist erstaunlich ruhig in der 10.000-Einwohner-Stadt, nur selten hört man Sirenen oder das Rotorknattern eines Rettungshubschraubers. Die Menschen reden wenig, erkundigen sich nur mit knappen Worten nach Freunden und Nachbarn oder fragen, wo man anpacken kann. Werkzeug der Stunde ist die Schaufel. Die Flutopfer stellen sich eisern gegen den Schlamm. Sie schaufeln, schleppen und schuften – Zeit für Entsetzen bleibt wenig. Dass das nicht so bleiben wird, merkt man dann, wenn die Rede auf die Todesopfer kommt, die viele Einheimische persönlich kannten. Dann gerät die Arbeit ins Stocken, es fließen Tränen.

Mutter (56, re.) und Tochter (28) starben in den Fluten.

Das gesamte Ausmaß des Unglücks ist längst nicht bekannt, aber es lässt sich erahnen: Es sind mindestens fünf Menschen gestorben, darunter drei Frauen aus einer Familie. Oma Erika, Tochter Andrea und die Enkelin Nadine. Sie alle sind im Haus der Großmutter ertrunken, nur wenige Meter entfernt vom Simbach. Eine 80-Jährige aus Untertürken wurde von der Flut aus ihrem Haus gerissen – Retter fanden ihren Leichnam mehrere Kilometer weiter. Noch immer werden Menschen vermisst. Der Schaden geht in den dreistelligen Millionenbereich. Mindestens 500 Häuser sind beschädigt oder ganz zerstört. Diese Katastrophe wird noch auf Jahre nachwirken.

Dann schreit plötzlich eine Frau: „Hilfe! Hilfe!“ Sie ist etwa 45 Jahre alt und beim Versuch, sich durch den tiefen Matsch zu kämpfen, auf dem Hosenboden gelandet. Sie kann sich nicht mehr befreien. Feuerwehrmänner eilen herbei. Die Frau hält eine Tüte, so gut sie kann, im Trockenen. Sie muss weinen, als die Feuerwehrmänner sie ansprechen. Ihre Mutter benötige Herzmedikamente, sagt sie, seit fast 24 Stunden habe sie nichts von ihr gehört. Nun sei sie verzweifelt auf der Suche nach einem begehbaren Weg. Die Nacht hat sie an ihrem Arbeitsplatz verbracht, es war unmöglich, durch die verschlammten Straßen nach Hause zu kommen. Ein Feuerwehrmann rät der Frau nach der Befreiung, es über einen Umweg zu versuchen. Sie lächelt tapfer und geht weiter.

50 Kinder mussten in Schule übernachten

Auch in der Grund- und Mittelschule Triftern ein paar Kilometer weiter herrschte in der Nacht zum Donnerstag Ausnahmezustand. Die Schule wurde zur Notunterkunft umfunktioniert. Weil Zufahrtswege abgeschnitten waren, mussten 50 Schüler im Alter von sechs bis 15 Jahren in der Schule übernachten. „Wir haben Matten und Decken ausgelegt und die Schüler auf die Turnhalle, unseren Meditationsraum und auf Klassenzimmer aufgeteilt“, erzählt Rektorin Margot Auer am Telefon. 15 Lehrer blieben mit ihr in der Schule und betreuten die Kinder – zur Erleichterung vieler Eltern, die zu Hause gegen die Fluten kämpften. „Die Schule ist vielleicht der sicherste Platz in ganz Triftern“, sagt Auer. Sie liegt auf einem Hang. Trotzdem: „Die Kleinen waren anfangs schon sehr aufgeregt“, sagt sie. „Abends haben es dann einige als kleines Abenteuer betrachtet.“

Schon vor drei Jahren hat das Hochwasser Niederbayern heimgesucht. Damals kamen Helfer aus dem Landkreis Rottal-Inn nach Deggendorf, um den Menschen im überschwemmten Ortsteil Fischerdorf zu helfen. Am Donnerstag revanchieren sich die Fischerdorfer: Die Feuerwehr reiste mit 130 Helfern nach Triftern. Das ist die eine Seite: eine gigantische Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Die Kehrseite davon ist niederträchtig: Plünderer nutzen die unübersichtliche Lage für Diebstähle. Die Polizei nahm in Simbach zwei Plünderer aus Österreich fest. Drei junge Männer wollten in einem Kiosk Zigaretten klauen, auch sie wurden geschnappt.

Überschwemmungen in Niederbayern: Der Tag danach

Aber es gibt auch kleine Momente des Glücks. Ein Rentner-Ehepaar stapft am Donnerstagmorgen auf dem mitgenommenen Damm des Simbachs entlang. Die beiden suchen zwischen Schuttbergen und angespülten Autos einen Weg zu ihrer Eigentumswohnung, die im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses liegt. So weit ist die Flut nicht vorgedrungen. Sorgen macht sich das Paar trotzdem: um die dort lebende Mieterin, eine ältere Frau mit Herzproblemen. Unvermittelt entfährt der Ehefrau ein Schrei der Erleichterung: „Das ist sie ja!“ Sie zeigt auf eine Trage, auf der die ältere Frau von Helfern zu einem Krankenwagen getragen wird. Die Frau, die die Nacht über ohne Strom und Wasser in ihrer Wohnung eingeschlossen war, hat einen Schock, ist aber sonst unversehrt. Das Ehepaar dreht erleichtert um, zusammen mit dem aus der Wohnung geretteten Hund der Mieterin im Schlepptau. Ein winziges Glück mitten in der braunen Schlammsuppe, die Niederbayern erdrückt hat.

Alle Neuigkeiten rund um das Hochwasser in Niederbayern erfahren Sie in unserem Live-Ticker

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Hageljäger in Bayern: So  „impfen“ sie die Gewitterwolken
Wenn Georg Vogl in die Luft geht, braut sich am Himmel etwas zusammen. Der 59-Jährige ist Hagelflieger. In 2000 Metern Höhe „impft“ er Gewitterwolken mit Silberjodid. …
Hageljäger in Bayern: So  „impfen“ sie die Gewitterwolken
Knapp 1,4 Millionen Besucher beim Gäubodenvolksfest in Straubing
Fast 1,4 Millionen Menschen haben das Gäubodenvolksfest in Straubing besucht. Das entspricht etwa den Zahlen der vergangenen Jahre, wie eine Sprecherin der …
Knapp 1,4 Millionen Besucher beim Gäubodenvolksfest in Straubing
Gleitschirmflieger stürzt in Baumkrone
Ein Gleitschirmflieger ist in Neumarkt in der Oberpfalz zehn Meter tief in eine Baumkrone gestürzt. Er war gerade gestartet, da überraschte ihn eine heftige Windböe.
Gleitschirmflieger stürzt in Baumkrone
Buben zerkratzen Autos - und beichten es dann dem Papa
Da hat das schlechte Gewissen gedrückt: Ein Siebenjähriger hat seinem Vater gebeichtet, gemeinsam mit einem Freund in Nürnberg zahlreiche Autos beschädigt zu haben. …
Buben zerkratzen Autos - und beichten es dann dem Papa

Kommentare