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Bei der bewegenden Trauerfeier im Augsburger Dom hatten die Polizeikollegen von Mathias Vieth zwischen zahlreichen Kränzen ein Bild von ihm aufgestellt.

Neue Vorwürfe gegen Angeklagte

Höchste Sicherheit bei Prozess um Polizistenmord

Augsburg - Vor dem Augsburger Landgericht beginnt am Donnerstag der Prozess gegen die mutmaßlichen Polizistenmörder. Auf der Anklagebank zwei Brüder, die alles abstreiten – und gegen die kurz vor Prozessbeginn neue Vorwürfe laut werden.

Ein Gedenkstein steht an der Stelle im Siebentischwald, an der in der Nacht zum 29. Oktober 2011 die tödlichen Schüsse fielen. Der Stein erinnert an Mathias Vieth, den ermordeten Augsburger Polizisten, der damals wohl einen Raubüberfall verhindert hat – und das mit seinem Leben bezahlen musste. Der Mord schockierte, sorgte wochenlang für Schlagzeilen. Selten war der Augsburger Dom so voll wie damals zur Trauerfeier. Das Schicksal des 41-jährigen Familienvaters hat viele Menschen tief bewegt. Am 21. Februar beginnt der Prozess gegen seine beiden mutmaßlichen Mörder. Es wird ein Prozess, der die Justiz vermutlich das ganze Jahr beschäftigen wird.

Auf der Anklagebank sitzen zwei Brüder, die eisern zu den Vorwürfen schweigen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen nicht nur vor, Mathias Vieth kaltblütig mit einer Kalaschnikow erschossen zu haben. Auch eine Reihe von Raubüberfällen und der illegale Besitz eines ganzen Waffenarsenals sollen auf ihr Konto gehen. Beide Männer sitzen seit Dezember 2011 in Untersuchungshaft und gelten als hochgefährlich. Der Mord, der ihnen vorgeworfen wird, gleicht einer Hinrichtung.

In der Nacht zum 29. Oktober 2011 ist Mathias Vieth auf Streife unterwegs. Er will mit seiner Kollegin auf einem Augsburger Parkplatz zwei Verdächtige kontrollieren. Die beiden Männer, die in jener Nacht einen Raubüberfall geplant haben sollen, rennen zu ihrem Motorrad und versuchen zu flüchten. Vieth und seine Kollegin rasen im Auto hinterher. Die wilde Verfolgungsjagd endet im Stadtwald. Dort stürzen die Motorradfahrer auf einem Waldweg. Vieth steigt aus dem Polizeiwagen, er zieht seine Pistole. Noch bevor er etwas tun kann, trifft ihn der erste Schuss. Die Männer feuern mit einem Schnellfeuer-Gewehr auf ihn, als er bereits am Boden liegt. Auch seine Kollegin wird getroffen. Sie bleibt verletzt bei dem Sterbenden zurück, als die Täter fliehen.

Bereits kurz nach dem Mord rücken die Brüder Rudi R. (57) und Raimund M. (59) ins Visier der Ermittler. Die Polizei entdeckt noch in der Tatnacht ein Auto mit warmer Motorhaube, das auf einen Bekannten von Rudolf R. zugelassen ist. R. und M. werden rund um die Uhr überwacht. Im Dezember schlägt die Kripo zu, durchsucht nach der Festnahme die Wohnungen und Häuser der gesamten Familie und findet nicht nur zahllose illegale Waffen – darunter auch eine Kalaschnikow – sondern auch eine große Menge Geld, das von Überfällen stammen könnte. Beim Schwager von Raimund M. entdeckt die Polizei einen Seesack mit Blutspuren. Die Untersuchung ergibt: Es ist das Blut von Mathias Vieth. Am Tatort werden DNA-Spuren von Raimund M. gefunden.

Sein Bruder Rudi R. ist für die Polizei kein Unbekannter: 1976 ist er bereits einmal wegen Mordes an einem Polizisten verurteilt worden. Damals war er 19, bekam lebenslänglich. 19 Jahre später wurde er wegen einer guten Sozialprognose vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen.

Zwölf Seiten lang ist die Anklageschrift, wegen der sich die beiden Brüder nun in Augsburg verantworten müssen: Gemeinschaftlicher Mord, versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Verstöße gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz, gemeinschaftlicher schwerer Raub in vier Fällen. Und nur wenige Tage vor Prozessbeginn werden neue Vorwürfe laut.

Nach Informationen der Augsburger Allgemeinen sollen die Brüder vergangenen Sommer geplant haben, sich aus dem Gefängnis freizupressen. In ihren Gefängniszellen sind damals Rasierklingen gefunden worden, Raimund M. habe aus einem Einmalrasierer ein Messer gebastelt und soll einem Mitgefangenen anvertraut haben, er werde den Augsburger Richter Karl-Heinz Haeusler nach dem Ausbruch als Geisel nehmen, um seinen Bruder freizupressen. Die Ermittler nahmen die Hinweise damals ernst, beide Brüder sitzen seitdem in strenger Isolationshaft, das Haus des Richters wurde technisch gesichert.

Die Verteidiger der beiden bezeichnen die Erpressungsvorwürfe als „totalen Quatsch“. Der Mitgefangene, von dem die Hinweise stammen, erhoffe sich wohl Vorteile durch seine Aussage, vermutet M.s Verteidiger Adam Ahmed. „Gerade bei Prozessen mit großer Öffentlichkeit kommt so was immer wieder vor.“ Die Staatsanwaltschaft habe den Vorwurf genutzt, um die Haftbedingungen zu verschärfen. Auch sein Kollege Markus Meißner, Verteidiger von Rudi R., dementiert die Vorwürfe. „Wie groß ist die Glaubwürdigkeit eines Häftlings einzuschätzen?“ fragt er. Beide Verteidiger gehen trotz der Beweislage optimistisch in den Prozess. Die Indizien seien nicht nachhaltig, sagt Meißner. „Wenn die Sache so klar wäre, bräuchte man keine 49 Verhandlungstage.“ Es werde auf jedes Detail ankommen.

In einem Punkt sind sich beide Juristen einig: In der Öffentlichkeit sind ihre Mandanten bereits vorverurteilt. Die Erpressungs-Vorwürfe, die so kurz vor Prozessbeginn aus Ermittlerkreisen kommen, sind für sie ein Beweis dafür.

Die Justiz will kein Risiko eingehen. Die Sicherheitsvorkehrungen für den Prozess vor dem Landgericht sind so streng wie selten zuvor. Alle Personen, die in den Gerichtssaal wollen, müssen durch zwei Sicherheitskontrollen, die angeklagten Brüder werden mit Hand- und Fußfesseln in den Saal gebracht, das Sicherheitspersonal soll ständig ausgetauscht werden.

Als Nebenkläger werden im Prozess die Witwe des verstorbenen Polizisten sowie dessen 31-jährige Kollegin auftreten. Die junge Beamtin arbeitet seit Sommer 2012 wieder – allerdings im Innendienst. Sie wird nach wie vor von einer Seelsorgerin betreut. Ihr Zustand sei inzwischen stabil, sagt Polizeidekan Andreas Simbeck. Doch er ist sich sicher: „Der Prozess könnte wieder alte Wunden aufreißen.“

Von Katrin Woitsch

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