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Erste Hilfe: Martin Göksu (weißer Helm; mit Brille) bei Johann Westhauser (liegend) im Biwak 5.

Mediziner über die Rettung Westhausers

Höhlen-Drama: „Seine Chance war gering“

Vogtareuth – Der Arzt Dr. Martin Göksu aus Vogtareuth bei Rosenheim war als einer der ersten Retter beim Höhlenforscher Johann Westhauser. Beinahe wäre der Verunglückte gestorben, berichtet er.

Als der erste Anruf der Höhlenrettung Österreich (ÖHR) kam, war ich gerade „mit meinen Mädels beim Zelten“, sagt Dr. Martin Göksu (37). Der Stationsarzt, der seit 2011 in der Schön Klinik Vogtareuth am Fachzentrum für Neurochirurgie arbeitet, hörte eine „wilde Geschichte“. Offensichtlich war ein Höhlenforscher schwer verunglückt: Schädel-Basis-Bruch und Thoraxverletzungen. „Sie brauchten einen Mediziner, der gleichzeitig Höhlenbergsteiger ist. Da sagte ich zu.“

Die Begeisterung habe sich bei seiner Frau und den beiden drei und sechs Jahre alten Töchtern in Grenzen gehalten, erinnert sich Göksu. Doch es hieß, keine Zeit zu verlieren. Von seinem Heimatort bei St. Pölten machte er sich sofort nach Stephanskirchen auf, wo er während der Woche lebt. Er raffte seine Ausrüstung zusammen und fuhr nach Berchtesgaden zur Riesending-Schachthöhle. Mit drei Schweizern stieg er ein.

Im Schleifsack, einem speziellen Rucksack für Höhlenkletterer, hatte er das Notwendigste dabei: Medikamente, Flüssigkeit für die künstliche Ernährung, Stetoskop und Blutdruckmanschette. „Uns war klar, dass es eine schwierige Mission wird. Einige hatten ja schon aufgegeben und waren umgekehrt. Das sollte uns nicht passieren.“ Vom Einstieg bis zum Unfallort waren es sechs Kilometer, das wussten sie. Bald war das Tageslicht weg, die Stirnlampen wurden eingeschaltet. Mühsam kämpften sie sich Meter für Meter voran. Bergauf, bergab, über Canyons, durch Wasserfälle, durch glitschige Felsspalten mit oft nur 40 Zentimeter Höhe. „In so einer Höhle ist alles schlitzig und schlatzig“, meint er. Schnell geht das Zeitgefühl verloren. Geschlafen und gegessen wird nach Gefühl. Als das Team bei Biwak 3 in 750 Meter Tiefe angekommen ist, sind die drei Schweizer am Ende ihrer Kräfte. Sie wollen umdrehen. „Allein weiterzugehen, war zu gefährlich, ich kannte die Höhle ja nicht. Doch aufgeben würde bedeuten, dass wieder keine Hilfe zum Verletzten kommt, der da unten liegt. Eine emotionale Katastrophe, für uns alle.“ Göksu ist hin und her gerissen. Dann kommt die Meldung über „Cave-Link“, eine Art „Höhlentelefon“: Fünf Italiener erreichen das Biwak. Statt mit den Schweizern geht Göksu nun mit ihnen weiter. „Wir verstanden uns auf Anhieb, waren auf einer Wellenlänge und verständigten uns auf Englisch und Französisch.“ Es sei manchmal sogar richtig lustig gewesen. Schließlich erreichten sie eine große Höhle mit rund 28 Meter Durchmesser und 18 Metern Höhe. Wie durch ein schmales Ofenrohr klettern sie seitlich ein, erreichen Biwak 5 und wären fast über Westhauser gestolpert. „Es ist ja alles dunkel und ganz still.“ Der Schwerverletzte lag auf einer Isomatte, eingewickelt in Schlafsäcke und war in einem äußerst kritischen Zustand: Er reagierte überhaupt nicht. „Seine Chance, zu überleben, war gering“, sagt Göksu im Nachhinein. Westhauser lag seit drei Tagen in der fünf Grad kalten Höhle ohne Essen und Trinken, unversorgt.

„Einer der Italiener ist Kardiologe. Beide taten wir unser Möglichstes. Nach zwei bangen Tagen reagierte der Patient erstmals. Welche Freude!“ Der Heimweg setzte bei allen Helfern enorme Kräfte frei. „Wir sind echte Freunde geworden“, sagt Göksu und meint: „Beim nächsten Mal nehme ich aber zwei warme Einlagen für die Gummistiefel mit.“

Sigrid Knothe 

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