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Strebsam: Eine konzentriert mitarbeitende Schülerin meldet sich im Unterricht. Der verbreitete schulische Ehrgeiz könnte Bayern vor Probleme stellen: Immer mehr Schüler schaffen den Sprung aufs Gymnasium.

Hohe Übertrittsquoten: Mit allen Tricks aufs Gymnasium

Rund 381 000 Schüler werden im kommenden Schuljahr Bayerns Gymnasien besuchen. So viele waren es noch nie. Das Gymnasium wird zur neuen Volksschule – und besorgte Eltern arbeiten mit vielen Tricks, um den Übertritt zu meistern.

Das Mädchen, nennen wir es Claudia, ging in die 4. Klasse der Grundschule Lenggries, es war „ein sehr liebes Kind“, erzählt Schulleiterin Brigitte Berger. Für die Eltern stand früh fest, dass es ihr Kind zu etwas bringen müsste. Schon ab der 3. Klasse bekam Claudia Nachhilfe, zwei bis drei Mal in der Woche. Aber die Noten, das zeichnete sich in der 4. Klasse ab, würden vielleicht nicht reichen. Wer aufs Gymnasium will, braucht einen Schnitt von 2,33 in Mathe, Deutsch sowie Heimat- und Sachunterricht (HSU). Bei Claudia lief es eher auf eine 2,66 hinaus.

Entscheidend, das zeichnete sich bald ab, würde die HSU-Note sein. Claudia brauchte eine Zwei – aber sie schaffte nur eine Drei. Das war der Punkt, an dem die Eltern ansetzten. Sie bezeichneten die Fragestellung in einer HSU-Probe als nicht „grundschulgerecht“, klagten sich vor Münchner Gerichten durch die Instanzen – und gewannen schließlich.

Zwei von fünf Fünftklässlern gehen aufs Gymnasium

„Es war eine Entscheidung um Spitzfindigkeiten“, erinnert sich Hans-Peter Etter, der Leiter der Rechtsabteilung beim Volksschullehrerverband BLLV, bei dem Brigitte Berger Rat suchte. An den Gerichten in Bayern sind derzeit etwa 50 solcher Fälle anhängig, bei denen sich die von den Eltern auf dem Gerichtsweg verfolgten Lehrer hilfesuchend an den BLLV wandten. Der Lehrerverband beklagt, es sei mancherorts gesellschaftlich geradezu inakzeptabel, sein Kind nicht aufs Gymnasium zu schicken. In den Landkreisen Starnberg gehen rund 57 Prozent, im Kreis München sogar mehr als 60 Prozent der Fünftklässler aufs Gymnasium. Der bayernweite Schnitt wird im kommenden Schuljahr erstmals über 40 Prozent liegen – bei 41,5 Prozent, sagt der BLLV. Das Kultusministerium spricht von 40,5 Prozent. Zum Vergleich: 2000/01 waren es erst 34,4 Prozent.

Podiumsdiskussion

„Ist das Übertrittsverfahren in der Grundschule begabungs- und kindgerecht?“, ist der Titel einer Podiumsdiskussion des BLLV am Dienstag, 30. Juni, ab 19.30 Uhr in der Schlossberghalle Starnberg. Es diskutieren Ursula Männle (CSU), Hans-Ulrich Pfaffmann (SPD), Thomas Gehring (Grüne), Renate Will (FDP), Dr. Gudrun Kilian-Kornell (Kinderärztin) und Simone Fleischmann (BLLV). Die Moderation übernimmt Merkur-Redakteur Dirk Walter.

Das Gymnasium war früher einmal für die „besten 20 Prozent“ gedacht, sagt der SPD-Bildungspolitiker Martin Güll. Das war einmal. Güll hat das Wort vom Gymnasium als „wahrer Volksschule“ geprägt. Er war früher selbst Hauptschulrektor in Markt Indersdorf (Kreis Dachau), er ist ein Querdenker, gewiss kein Parteisoldat oder dogmatischer Gesamtschulanhänger und fürchtet ernsthaft um den Bestand der Hauptschule. Die Zahlen sind ja auch deutlich. In zehn Jahren wird die Zahl der Hauptschüler nach der im April vorgelegten Schülerprognose des Kultusministeriums von 240 000 auf 180 000 sinken – ein Rückgang um 25 Prozent.

Zitat

„Wenn ein Schüler eine Rechenschwäche hat, würde die Mathe-Note wegfallen.“ Thomas Fischer, Referent im Kultusministerium

Hinter den nackten Zahlen stehen existenzielle Nöte von Schülern und Eltern. „Auf den Eltern lastet Bildungsdruck“, sagt der BLLV-Kreisvorsitzende von Starnberg, Udo Wiese. Der Gautinger Hauptschulrektor kennt Tipps und Tricks, die unter den Eltern kursieren. In der Schule treffen Bittbriefe ein, „eventuell mal ein Auge zuzudrücken“, wie es in einem Schreiben heißt. Auf einmal soll es unüblich sein, dass in einem Aufsatz Rechtschreibfehler gewertet werden. „Sie haben doch alle Möglichkeiten, die Proben leichter zu gestalten“, appellierte eine Mutter in diesem Schuljahr zugunsten ihrer Tochter wortwörtlich. Es falle den Lehrern „schwer, dem Druck standzuhalten“, sagt Wiese dazu.

Er hält es für keinen Zufall, dass im Landkreis Starnberg die Zahl attestierter Legasthenie-Fälle steigt – also die von Schülern mit amtlich beglaubigter Lese- und Rechtschreibstörung. Denn mit Attesten lassen sich Schüler durch die Schullaufbahn mogeln – was immer öfter versucht wird.

„Ja, das ist so“, bestätigt Helga Ulbricht, Leiterin der Staatlichen Schulberatung in München. Sie klagt über Eltern, „die ihre Kinder durch Schularten knechten, für die sie nicht geeignet sind“. Ihr Appell, es müsse nicht immer das Gymnasium sein, verhallt aber meistens. „Wenn ich als Mutter nach Gründen für schlechte Noten meines Kindes suche, habe ich zwei Möglichkeiten“, sagt die Schulpsychologin. Entweder man akzeptiere „unangenehme“ Tatbestände – dass das Kind zu wenig lernt oder es auch einfach an Begabung mangelt. Oder man schiebe die Gründe eher von sich weg – und hole sich Atteste.

Die Lesestörung ist eine Wissenschaft für sich. Die leichteste Form, die so genannte „Lese- und Rechtschreibschwäche“, wird von Schulpsychologen attestiert und als korrigierbare Schwäche eingestuft. Daher gibt es den viel zitierten Nachteilsausgleich – mehr Zeit bei Proben etwa oder das Nicht-Bewerten von Rechtschreibfehlern – nur für zwei Jahre. Danach muss das Kind erneut untersucht werden.

Die Legasthenie hingegen gilt unter Medizinern als lebenslange Behinderung – hier urteilen Kinder- und Jugendpsychiater. Eigenartig ist, dass die Legasthenie in Oberbayern und speziell in Oberbayern-West bayernweit am häufigsten diagnostiziert wird. Allein an den Volksschulen in Oberbayern-West (ohne München), wozu Starnberg gehört, gab es 2004/05 exakt 623 Fälle von Leseschwäche. In der ganzen Oberpfalz waren es 415. Helga Ulbricht verkneift sich eine Bewertung, nennt die regionale Häufung aber „sehr auffällig“. Möglicher Grund: Die Eltern könnten sich in wohlhabenden Landstrichen stärker um ihre Kinder kümmern, drückt sie es positiv aus.

Womöglich haben Psychologen und Psychiater bald ein neues Betätigungsfeld. Das Stichwort heißt Dyskalkulie – Rechenschwäche. Unter Experten wird heiß diskutiert, ob hier auch ein Notenausgleich gewährt werden kann. „Ich bin auch hin- und hergerissen“, gesteht Ulbricht. Thomas Fischer, im bayerischen Kultusministerium Referent für Teilleistungsstörungen, ist eher zurückhaltend. „Dann würde ja die komplette Mathe-Note wegfallen“, gibt er zu bedenken. Und ein Zeugnis ohne Mathe-Note sei „ohne Aussagekraft“. Noch in diesem Jahr will das Kultusministerium solche Fragen auf einer Experten-Anhörung durchleuchten.

Im schlimmsten Fall droht eine neue Klagewelle. „Was machen wir eigentlich mit einem Schüler, der Legastheniker ist, Dyskalkulie hat und am Zappelphilipp-Syndrom ADHS leidet?“, fragt Ulbricht rethorisch. „Darf der dann auch Abitur machen?“ Quasi ohne Noten?

Dagegen war der Fall Claudia noch harmlos. Zur Erinnerung: 2004 hatten sich die Richter mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob die Frage in einem HSU-Test „grundschulgerecht“ gewesen war. Die bayerische Justiz kaute an folgender Formulierung herum: „Du fährst mit dem Rad auf einen Fußgängerüberweg zu. Wie verhältst Du Dich? a) Bremsbereit sein b) Blickkontakt suchen c) Anhalten“. Dass die Lenggrieser Schulleiterin Brigitte Berger dem Mädchen in der Bewertung der Probe zwei Punkte abgezogen hatte, wollten die Richter nicht akzeptieren. Sie gaben den Eltern recht. Das Kultusministerium ging in Berufung und erwirkte eine Einstweilige Anordnung, nach der das Grundschulzeugnis gültig blieb. Aber die Eltern erreichten in der Hauptsache-Verhandlung, dass die Note geändert wurde. Ein Sieg mit arger Verspätung: Das Kind war mittlerweile längst in der 5. Klasse einer Realschule. Die Eltern entschieden, dass sie im darauffolgenden Schuljahr die Klasse wiederholen würde – diesmal am Gymnasium.

Mitschüler hänselten das Mädchen mit den ehrgeizigen Eltern

Schon in der Grundschule, erinnert sich Brigitte Berger, hatten die Klassenkameraden den Fall schnell spitzbekommen. Das Mädchen wurde gehänselt. Als es eines Tages im Unterricht in Tränen ausbrach, wurde es von der Schulpflicht befreit. Schulleiterin Berger erinnert sich noch, dass sich ein Bub bei Claudia sogar mit einer Rose für das Mobbing in der Schule entschuldigte. Ob aus Claudia eine gute Gymnasiastin geworden ist, weiß Brigitte Berger nicht.

Von Dirk Walter

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