Uri Chanoch war Vorsitzender der Vereinigung der Überlebenden der KZ-Außenlager Dachau.

Trauer um große Persönlichkeit

Holocaust-Überlebender Uri Chanoch gestorben

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München - Er war ein gefragter Zeitzeuge, eine Persönlichkeit – „ein Freund“, wie die Leiterin der Dachauer KZ-Gedenkstätte sagt: Der KZ-Überlebende Uri Chanoch ist am Dienstagabend mit 87 Jahren in Israel gestorben.

Was für ein Leben: Was Uri Chanoch in den wenigen Jahren 1941 bis 1945 durchlitten hat, reicht für mehrere Bücher. Uri Chanoch sprach über diese Zeit im hohen Alter völlig offen. „Manchmal weiß ich nicht mehr, was vorgestern war“, pflegte er zu sagen. Aber die Schrecken während der NS-Zeit – „das werde ich nie vergessen“.

1928 im litauischen Kovno geboren, begann der Schrecken für den damals 15-Jährigen nach der Eroberung Litauens durch die deutsche Wehrmacht 1941. Nach drei furchtbaren Jahren im Ghetto deportierte die SS die Überlebenden Richtung Westen. Schon in der ersten Etappe, im KZ Stutthof (bei Danzig) im Juli 1944, zerriss es die Familie: Die Mutter und die Schwester Miriam wurden dort festgehalten und später ermordet. Uri Chanoch sah sie nie wieder. Mit seinem Bruder Daniel („Dani“) und seinem Vater kam Uri in das KZ Kaufering, einem Nebenlager von Dachau. Mit tausenden anderen Häftlingen schuftete er auf der Bunkerbaustelle „Weingut II“ – einem Rüstungsprojekt für den Flugzeugbauer Messerschmitt. Er überlebt Schikanen der Aufseher. Einmal musste er eine eiskalte Nacht im Freien zur Strafe stehen, mit einer Kartoffel im Mund, die der ausgehungerte Jugendliche stiebitzt hatte. Chanochs Vater wurde entkräftet nach Auschwitz deportiert und vergast, Uris jüngerer Bruder überlebte dort als eines von ganz wenigen Kindern.

Im April 1945 wurde Uri Chanoch auf einen Güterzug getrieben – die Häftlinge sollten vor den anrückenden US-Truppen evakuiert werden. Bei Schwabhausen (Kreis Landsberg) bombardierten US-Flieger irrtümlich den Zug. Chanoch entkam und versteckte sich in einem verlassenen Bunker – bis er den ersten amerikanischen Panzer sah. Dann war er frei.

Chanochs drittes Leben – nach der Jugend in Litauen und dem Schrecken der KZ – begann 1946, als er zusammen mit seinem Bruder Dani auf dem Schiff „Wedgwood“ illegal ins damalige Palästina gelangte. Uri Chanoch schloss sich der Palmach („Sturmtruppen“), einer Eliteeinheit des jungen werdenden Staates Israel an. Der ehemalige ARD-Korrespondent in Israel, Friedrich Schreiber, traf Chanoch in den 1990er-Jahren. Er drehte mit ihm bei Kastel, einer Anhöhe vor Jerusalem – und Chanoch erzählte ihm über die Kämpfe im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948.

Später ging Chanoch in die Privatwirtschaft. Erst in den 1990er-Jahren wurde er als Zeitzeuge entdeckt. Der Israeli ließ sich gerne befragen, scheute auch keine Kontakte zu CSU-Größen. Dutzende Male war er in Bayern, sprach vor Schulklassen und bei Gedenkfeiern. Beim Verein „Gedenken im Würmtal“, der jedes Jahr einen Gedenkzug organisiert, war Chanoch Ehrenmitglied. Er wurde Mitglied im Stiftungsrat der Bayerischen Gedenkstätten und Vorsitzender der Vereinigung der Überlebenden der KZ-Außenlager Dachau. Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, würdigt Chanoch als „langjährigen Wegbegleiter der Gedenkstättenarbeit und Freund“.

Chanoch war ein charmanter, gut deutsch sprechender Gentleman, dem im ersten Moment nicht anzumerken war, was er bis 1945 durchgestanden hatte. Nur manchmal, in stillen Augenblicken, wenn Uri Chanoch zum Beispiel über seine Mutter sprach, weinte er.

Dirk Walter

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