Nur mit dem Segen der Gemeinde

München - Wenn sich kein Widerstand in der Gemeinde bildet, können künftig homosexuelle Pfarrer mit ihren Partnern im evangelischen Pfarrhaus leben. Was der Landeskirchenrat beschlossen hat, wird kommende Woche in der Landessynode für Diskussionen sorgen.

Für die Herbsttagung der bayerischen Landessynode vom 21. bis 25. November in Neu-Ulm ist eine heftige Grundsatzdiskussion programmiert: Und zwar über die Frage, ob homosexuelle Pfarrerinnen oder Pfarrer mit ihrem Partner als Paar im Pfarrhaus leben sollen. Also, ob sie wie die Pfarrerehepaare offiziell als Paar auftreten können.

Der Landeskirchenrat, der in der evangelischen Landeskirche über die Einstellungen von Pfarrerinnen und Pfarrern befindet, hat hier bereits einstimmig eine neue Regelung verabschiedet. „Im Einzelfall kann der Landeskirchenrat Paaren, die in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben, das gemeinsame Leben im Pfarrhaus gestatten, wenn es dazu eine Einmütigkeit (Magnus consensus) von Kirchenvorstand, Landeskirchenrat, Dekan/Dekanin, Regionalbischof/Regionalbischöfin gibt“, lautet die neue Regelung, die Landesbischof Johannes Friedrich am Montag in München vorstellte.

Der Landesbischof, dessen zwölfjährige Amtszeit Ende 2011 ausläuft, berichtet von einem Unbehagen im Umgang mit homosexuellen Pfarrern in den vergangenen Jahren. Schließlich sei es in der evangelischen Landeskirche schon bisher so, „dass gleichgeschlechtlich orientierte Personen Pfarrerinnen und Pfarrer werden konnten und dass grundsätzlich keine Stelle im Gemeindedienst davon ausgeschlossen war“. Legt der Kandidat seine sexuelle Orientierung offen, ist auch hier schon ein O.K. von Kirchenvorstand, Landeskirchenrat , Dekan und Regionalbischof nötig. Ein offizielles Zusammenleben im Pfarrhaus aber war bisher nicht erlaubt. Inzwischen, sagt Friedrich, sei die Gesellschaft in dieser Frage liberaler und offener geworden. Aber so, wie er als Landesbischof von den schwulen Pfarrern erwarte, „dass sie sich zuerst um den Frieden in ihrer Gemeinde und in der Kirche sorgen, vor der Bemühung um ihre eigene Lebensform“, so fühlt Friedrich sich auch den homosexuellen Paaren verpflichtet. Er sieht es als nicht konsequent an, homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer einerseits im Gemeindedienst einzusetzen, ihnen aber nicht zu gestatten, im Pfarrhaus zusammenzuleben.

Wenn es zu keinem Unfrieden in der Gemeinde führe – warum dann nicht? Allerdings macht Friedrich klar: Das Leitbild für die christliche Verkündigung „ist und bleibt Ehe und Familie“. Zumal die betroffenen Pfarrerinnen und Pfarrer eine deutliche Minderheit sind. Genaue Zahlen liegen freilich nicht vor, nicht alle Betroffene outen sich. Christine Untch, Pfarrerin der Immanuel-Gemeinde in München und Sprecherin des Lesbisch-Schwulen Konvents, geht von zehn Prozent der 2500 evangelischen Pfarrer in Bayern aus. Die 40-Jährige, die seit 15 Jahren mit ihrer Partnerin zusammenlebt – seit fünf Jahren in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft – , sieht in der Regelung des Landeskirchenrats eine Möglichkeit, das bisherige Gemauschel zu beenden. „Jetzt ist es offiziell geregelt“, freut sie sich. Wobei sie es als sinnvoll betrachtet, dass die Gemeinde vor Ort entscheidet. „Ich möchte ja nicht in einer Gemeinde arbeiten, wo ich schon aufgrund meiner Lebensform Schwierigkeiten habe und es Unfrieden geben könnte.“ Als sie sich in Immanuel als lesbische Pfarrerin vorstellte, hat der Kirchenvorstand einstimmig zugestimmt. Sie erhofft sich von der Synode kommende Woche, dass der Vorschlag durchgeht. „Es sind doch Einzelfälle. Keiner muss Angst haben, dass künftig überall gleichgeschlechtliche Pfarrer leben.“

Landesbischof Friedrich weiß von fünf Paaren, die in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft verbunden sind. Doch er weiß auch, dass es auf der Synode zu lebhaften Auseinandersetzungen kommen kann. Schließlich liegen 35 Gegenanträge vor – auch von Gruppen, die sogar die „Einheit der Kirche“ in Gefahr sehen. So lehnt der konservative Arbeitskreis Bekennender Christen in Bayern (ABC) die Entscheidung ab und ärgert sich: „Eine ethisch umstrittene Frage lässt sich nicht einfach über das Organisationsrecht des Landeskirchenrats klären.“

Auch den Fortschritt in der Ökumene könnte die neue Regelung belasten. Friedrich erhofft sich von seinen katholischen Gesprächspartnern, dass sie das in der selben Weise akzeptieren, wie die evangelische Seite Eigenheiten bei der katholischen Schwester akzeptiere. „Das schwierige Thema der Anerkennung des Amtes ist ohnehin noch ein langer Weg.“ Jetzt muss erst die eigene Synode das Thema bewältigen.

Claudia Möllers

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