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Ein Leben ohne Dialekt fände Horst Münzinger „todlangweilig“. Außerdem mache das die Sprache ärmer. 

Horst Münzinger im Interview

Sprachpfleger klärt auf: „Bairisch ist das echte Hochdeutsch“

Horst Münzinger ist bairischer Sprachpfleger und begeisterter Weltreisender. Im Förderverein Bairische Sprachen und Dialekte (FBSD) engagiert er sich für den Erhalt der deutschen Sprachvielfalt, vor allem für Dialekte.

München - Zudem gibt er regelmäßig Bairisch-Volkshochschulkurse. Münzinger beruft sich auf die Wissenschaft: Mit dem Begriff „Hochdeutsch“ seien ursprünglich süddeutsche Dialekte gemeint gewesen. Im Kampf um Dialekte organisierte Münzinger den ersten Bairisch-Unterricht an einem Münchner Kindergarten mit. Ein Gespräch über Wortschatz und Berge.

Herr Münzinger, warum müsste man eigentlich Bairisch als Hochdeutsch bezeichnen?

Hochdeutsch war früher der Name für eine Sprache, die vor über 1400 Jahren im süddeutschen Raum entstanden ist. Bairisch ist eine Ausprägung dieser hochdeutschen Sprachen. „Hoch“ ist also keine Wertung. Es ist eine neue Sprache gemeint gewesen, die von den Bewohnern gesprochen wurde, die topografisch gesehen höher gelebt haben als die Menschen im Norden.

Und wie nennt man die Sprachen in flacheren Regionen wie Norddeutschland?

Das wurde und wird als Niederdeutsch bezeichnet, auch als „Platt“ bekannt.

Was ist mit dem heutigen Hochdeutsch?

Die dialektfreie Schriftsprache Hochdeutsch ist eine Kunstsprache. Sie ist viel später entstanden als Bairisch. Das entspricht also nicht der ursprünglichen Wortbedeutung.

„Von keinem Sprachwissenschaftler der Gegenwart angezweifelt“

Wie müsste man das heutige Hochdeutsch dann korrekterweise bezeichnen?

Man könnte es Standard-Deutsch oder eben Schriftdeutsch nennen.

Von welchen wissenschaftlichen Ergebnissen stammen Ihre Erkenntnisse?

Soweit ich weiß, wird das von keinem Sprachwissenschaftler der Gegenwart angezweifelt.

Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Mich interessieren Sprachen seit über 20 Jahren. Speziell mit dem Bairischen beschäftige ich mich seit über 15 Jahren intensiv. Ich habe viel gelesen und recherchiert. Und weil es noch kein Buch für Laien darüber gab, habe ich ein Buch geschrieben: „Auf den Spuren der bairischen Sprache.“ Das habe ich dem Sprachwissenschaftler Professor Ludwig Zehetner vorgelegt und überprüfen lassen.

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Können Sie mir ganz grob eine Chronologie der Sprachentwicklung in Deutschland geben, von der Sie gesprochen haben?

Also etwa im 5. und 6. Jahrhundert hat es in Deutschland eine Art urgermanische Sprache gegeben. Im Süden, also in der Großregion Baden-Württemberg, Bayern, Österreich, Schweiz, in Teilen Hessens und auch in Südtirol, entstand eine neue Sprache, wegen der sogenannten zweiten Lautverschiebung.

Münzinger berichtet über weit verbreiteten Irrtum

Was passierte da?

Die Aussprache änderte sich, Worte auch. Aus der Tid wurde die Zeit, aus dem Appel wurde der Apfel.

Was schließen Sie aus all dem?

Hochdeutsch bedeutet für viele: Das ist die älteste und hochwertigste Form der deutschen Sprache, aus der Mundarten entstanden sind. Das ist eben falsch. Die neue deutsche Sprache, auch Neuhochdeutsch genannt, ist gerade mal 500 Jahre alt. Die Mundarten sind viel älter und reicher an Wortschatz. Aber dieser weit verbreitete Irrtum hat eine weitere Folge, die ich besonders schlimm finde.

Nämlich?

Die Tatsache, dass viele Eltern, Lehrer und Teile der Öffentlichkeit Mundarten ablehnen und entwerten. Völlig zu Unrecht! Denn es ist auch wissenschaftlich nachgewiesen, dass gerade Kinder, die beides können, also Standardsprache und Mundart, überwiegend bessere schulische Leistungen erzielen als Mono-Sprachler. Auch deshalb fordere ich, dass beides wertfrei nebeneinander bestehen kann.

Stirbt denn Bairisch aus?

Lassen Sie es mich so sagen: Aktuelle norddeutsche Sprachgewohnheiten verdrängen die traditionellen süddeutschen Dialekte, wie eben das Bairische. Viele äffen meist unbewusst norddeutsche Aussprache und Ausdrücke nach. Auch Plattdeutsch und Alemannisch sind übrigens in Gefahr. Jeweils heimischer Wortschatz, Redewendungen und Aussprache verschwinden. Daher ist es wichtig, Mundart zu sprechen. Das schützt und pflegt das natürlich gewachsene Wortinventar, die darin verankerte Mentalität der Sprecher – und damit die kulturprägende Identität.

„Aus gschmackig wird lecker - und keiner widerspricht“

Haben Sie Beispiele?

Das Phänomen finden Sie überall, Bairisch verschwindet schleichend, ob es in der Handwerkerverordnung ist, in der Saatgutverordnung oder im Alltag. Plötzlich wird aus „Grüß Gott“ das Hallo, aus „Auf Wiedersehen“ ein „Tschüss“, aus dem Samstag der Sonnabend, aus dem Metzger der Fleischer, aus dem Kraut wird Kohl, aus dem Buben wird der Junge, aus gschmackig wird lecker – und keiner widerspricht. Diese Gleichgültigkeit einheimischer Sprecher finde ich bedenklich. Jeder sollte seinen einheimischen Wortschatz lebendig halten, nicht alles aufgeben und grundlos einfach alles importieren, was sprachlich aus dem Norden kommt.

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Welche Gefahr sehen Sie?

Ich glaube, wenn nicht bewusst darauf geachtet wird, nutzen wir irgendwann von Flensburg bis Berchtesgaden die gleichen Worte und die gleiche Aussprache. Keine Unterschiede mehr. Das fände ich schon sehr schade. Grau statt bunt. Das wäre todlangweilig.

Glauben Sie, das Schriftdeutsch an sich ist schuld an dieser Entwicklung?

Da muss ich ausholen. Schriftdeutsch begann seinen Siegeszug unter Martin Luther, weil er ja die Bibel aus dem Althebräischen und Altgriechischen übersetzt hat. Und aus den damals geschriebenen Kanzleisprachen wurde ziemlich schnell die gesprochene. Die Leute hoben sich mit dem Schriftdeutsch als die vermeintlich Besseren ab. Und jetzt denken viele, Dialekte wären nur was für die soziale Unterschicht.

So gelingt es, Dialekte zu erhalten

Sie sind bekannt als großer Freund der Dialekt-Vielfalt. Welche gefallen Ihnen am besten?

Natürlich die bairischen. Da bin ich voreingenommen. Der Oberpfälzer Dialekt ist sehr melodisch, auch wenn ich nur Teile verstehe. Die südbairische Mundart in Kärnten ist ebenfalls wunderschön. Da merkt man den slawischen Einfluss. Unwahrscheinlich unterhaltsam finde ich das Niederdeutsch, also das Plattdeutsch. Auch Berlinerisch oder die Kölner Mundart „Ripuarisch“ sind gut anzuhören. Sie geben Einblick in das Denken der Menschen. Es gibt so viele schöne Dialekte in Deutschland!

Wie gelingt es, Dialekte zu erhalten?

Man muss im jüngsten Alter anfangen. Später wird’s schwierig. Kinder ahmen nach. Eltern, Großeltern, Erzieher und Lehrkräfte sind sprachliche Vorbilder. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, sagt man ja. Deshalb haben wir von unserem Verein aus vor einigen Jahren den Bairisch-Unterricht im Kindergarten angeboten. Das Interesse ist sehr groß und wächst. Wir bekommen regelmäßig Anfragen.

Interview: Hüseyin Ince

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