Impf-Streit in Bayern: Hubert Aiwanger (freie Wähler) sitzt bei der Hauptalmbegehung auf einer Bank
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Auch auf der Alm wird Hubert Aiwanger von Corona-Spritzen verfolgt. Eigentlich wollte er ja gar nicht über Impfungen reden...

Auf der Alm

Impfskeptiker Hubert Aiwanger: Ein Mann mit Risiken und Nebenwirkungen

  • Christian Deutschländer
    VonChristian Deutschländer
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  • Stefan Sessler
    Stefan Sessler
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Hubert Aiwanger wird mit einer Spritze verfolgt – und er hält eine bemerkenswerte Rede. Eine Geschichte über den bekanntesten Pieksverweigerer der Republik.

Unterwössen – Eine Dreiviertelstunde, nachdem Hubert Aiwanger, 50, auf der Agers-gschwend-Alm zwangsgeimpft werden sollte, sitzt er auf der Terrasse und bewundert die Berge. 1040 Höhenmeter, tiefster Chiemgau, Sensationsblick, wenn diese fiesen Wolken nicht wären. Es gibt hier zum Glück noch saftige bayerische Wiesen, 25 Kühe und kaltes Bier für die Wanderer, aber leider manchmal auch Wölfe, zumindest aus Sicht der Almbauern.

Alles wichtige Themen, auch politisch. Aber Bayerns Wirtschaftsminister muss doch wieder über Corona sprechen. Über seine absichtliche Nicht-Impfung, die Ministerpräsident Markus Söder der ganzen Republik offenbart hat. Seitdem konkurriert Aiwanger mit Sahra Wagenknecht und Daniela Katzenberger um den Titel des berühmtesten Impfmuffels im Land. Tendenz der letzten Tage: Aiwanger liegt vorne. Er ist der Anti-Piekser der Stunde. Die Frage ist nur: Trägt ihn das vielleicht sogar in den Bundestag oder droht die Bruchlandung?

Koalitions-Streit in Bayern: Hubert Aiwanger beharrt auf Impfverweigerung „grundlegendes Freiheitsrecht“

„Es geht ja nicht nur um mich“, sagt der Chef der Freien Wähler auf der Alm. Laune? Mittelgut. Er würde jetzt lieber über den Tourismusstandort Bayern, den Wolf oder zur Not auch über Spaltenböden im Schweinestall sprechen. Es sind Themen, bei denen er, der Bodenständige, der gelernte Landwirt, sich auskennt. Auch andere Ungeimpfte, sagt er dann aber, würden am Stammtisch, im Verein, in der Firma mit passenden oder unpassenden Argumenten konfrontiert. „Man sollte sich auch als Nicht-Geimpfter nicht ständig rechtfertigen müssen. Es ist ein grundlegendes Freiheitsrecht, ob man sich impfen lassen will oder nicht.“

Auch der Vize-Ministerpräsident, der bisher alle noch so einschneidenden Corona-Maßnahmen mitgetragen hat, beansprucht das Recht, dass seine Gewissensentscheidung höher zu bewerten ist als der Rat seriöser Virologen weltweit. Warum genau er sich nicht impfen lässt, hat er nie öffentlich verraten.

„Billiges Kalkül“ und „Querdenker-Niveau“: Was Söder, Dobrindt und Kreuzer von der CSU davon halten

Das kann man mutig finden, aber auch eigenbrötlerisch. Oder eben verheerend. Die CSU-Spitze hat ihm bereits den Rücktritt nahegelegt. CSU-Fraktionschef Thomas Kreuzer wirft ihm „billiges Kalkül“ vor. Landesgruppenchef Alexander Dobrindt schimpft, Aiwanger habe in Stil und Sprache „Querdenker-Niveau“ erreicht. Ministerpräsident Söder legt, die gemeinste Form der Kritik, bei jeder Frage nach Aiwanger die Stirn in Runzeln und raunt, „ich mache mir Sorgen um ihn“.

Der Konflikt schaukelt sich hoch. Fühlen Sie sich vom Koalitionspartner gemobbt, Herr Aiwanger? „Ich mag das Thema“, sagt er auf der Alm, „jetzt nicht mehr weiter vertiefen.“ Laune? Inzwischen mindestens angegrantelt.

Aiwanger wird mit Corona-Impfung gejagt - „Hubert, jetzt mach ma a Radler-Spritzn!“

Es ist eh kein schöner Morgen für ihn. Das hat auch mit dem CSU-Landtagsabgeordneten Klaus Steiner, 67, aus Übersee zu tun. Er ist Aiwanger bis auf die Alm gefolgt. Hauptalmbegehung heißt der heutige Termin, bei dem der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern in aller Herrgottsfrüh zu einer fünfstündigen Wanderung nach Unterwössen im Landkreis Traunstein geladen hat. Almbauern, Almbäuerinnen, die Milchprinzessin, aber auch Wolfsbeauftragte und Artenschutzexperten machen mit. Die Stimmung ist trotz Regen ausgelassen.

Es gibt Brezn und eine Handwurst zur Stärkung, Musikanten in Lederhosen spielen auf. Der Vize-Ministerpräsident soll das Grußwort halten, aber vorher pirscht sich Klaus Steiner kurz vor der Agersgschwend-Alm an Aiwanger ran. Plötzlich zückt er eine noch verpackte Spritze – und ruft: „Hubert, jetzt mach ma a Radler-Spritzn!“ Aiwanger ist überrumpelt, er weicht auf die nasse Wiese aus und rennt fast schon vor Steiner weg.

CSU-Mann Steiner erzählt von Corona-Erfahrungen - Aiwangers Äußerungen „verantwortungslos“

Der CSU-Mann will ihm natürlich nicht echt eine Spritze mit bayerischem Mischbier in den Arm rammen, trotzdem meint es Steiner todernst. „Ich bin selbst schwer coronageschädigt“, sagt er später. Im Februar erwischt es ihn, Covid-19, drei Tage fehlt ihm Luft zum Atmen. Er denkt ans Sterben. „Ich habe massive Spätfolgen“, sagt Steiner heute. „Ich habe überhaupt kein Verständnis, wenn einer sagt: ,Impfen, das ist seine private Entscheidung.‘ Das, was Aiwanger macht, geht so nicht. Verantwortungslos. Ein stellvertretender Ministerpräsident hat Vorbildfunktion.“

Aiwanger befindet sich in einer kritischen Lage seiner Karriere. Das mit dem Impfen, es ist irgendwie eskaliert. Anfangs war es nicht Aiwanger, der die Privatsache Pieks publik machen wollte: Söder stellte ihn in einer laufenden Pressekonferenz bloß. Binnen weniger Tage baute sich ein medialer Riesenwirbel auf. „Impf und Schande“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“ ihre Sonderseite über Aiwanger, plötzlich baten internationale Zeitungen um ein Interview. Die „Financial Times“ berichtete von diesem „deputy premier“ aus Bayern, der beim Impfen „massive side effects“ wähnt; das ist die Übersetzung seines umstrittenen Satzes über „Nebenwirkungen, da bleibt dir die Spucke weg“.

Bayern: Aiwanger hadert mit plötzlicher Prominenz - Kritik von Wirtschaft und eigener Partei

Aiwanger genießt und hadert. Er genießt die Prominenz, weil er gerade mitten im Wahlkampf steckt. Er will als bundesweiter Spitzenkandidat und Parteichef die Freien Wähler erstmals in der Geschichte über fünf Prozent und in den Bundestag hieven. Es wäre eine Sensation und er, der für seinen Dialekt und die bäuerliche Herkunft (zu Unrecht) belächelte Niederbayer, als „Hubsi“ verniedlicht, wäre ein Held. Falls es nur für vier Prozent reicht, auch recht – pro Stimme zahlt der Bund einen Euro Wahlkampfkostenerstattung.

Und Aiwanger hadert, weil er aneckt. Die schimpfende CSU hält er aus, sogar Steiner mit der Spritze, aber der Ärger intern ist gefährlich. Die übergroße Mehrheit der Freien-Wähler-Basis ist nicht impfskeptisch. Sein Einsatz für Öffnungen und Lockerungen wird respektiert, doch sein Kampf gegen den Pieks befremdet die eigenen Leute. Schon fordern erste Kommunalpolitiker seinen Rücktritt. Das ist ein Tabubruch: Aiwanger hat die Partei groß gemacht, ausgedehnt, war eine Art Multi-Chef. Und dazu, für einen Wirtschaftsminister bitter, kommt harte, zornige Kritik aus Bayerns Wirtschaft. Er konterkariere die Impfkampagne, den einzigen Weg aus der Pandemie.

Impf-Streit in Bayern: Wird Markus Söder Aiwanger und die Freien Wähler gegen die Grünen tauschen?

Aiwanger ist mächtig, der zweitwichtigste Mann in Bayerns Regierung, Dienst-BMW, Referenten, rund um die Uhr Personenschutz – aber wenn einen die eigene Partei fallen lässt, ist das schnell weg. Oder wenn die Koalition bricht? Falls Söder doch sagt: Schleich di, Hubert, ich suche mir grüne Partner?

Thomas von Sarnowski, der neue Chef der bayerischen Grünen, trägt Wanderstiefel. Er ist auch bei der Almbegehung dabei. Auf dem Weg zur ersten Alm des Tages erzählt er, dass er diese Woche beim Ortsverband der Grünen in Traunstein war, der 54 Mitglieder hat. Er hat seine Parteifreunde gefragt, ob sie geimpft sind. Ergebnis: 92 Prozent sind geimpft. „Das ist deutlich mehr als an der Spitze des Wirtschaftsministeriums“, sagt von Sarnowski, 33. Die Giftpfeile, die auf Aiwanger aus fast allen politischen Lagern fliegen, sind kaum mehr zu zählen. Trotzdem glaubt der Grünen-Chef nicht, dass es die Koalition in Bayern zerreißt – weil auch die CSU kein Interesse daran haben kann. Die Grünen sind kein gemütlicherer Partner als Aiwanger, mit oder ohne Pieks.

Sarnowski marschiert los, aber vorher will er noch was loswerden. „Als Landwirt weiß Aiwanger sicher, dass Impfungen hilfreich sind, um Ausbreitungen von Krankheiten zu verhindern. Jedes Individuum, das geimpft ist, ist ein großer Beitrag für die Allgemeinheit.“

Das ewige Impf-Thema: Hubert Aiwanger über das „Rückgrat des Freistaats“

Es gibt kaum einen Termin, auf dem sich Aiwanger nicht verteidigen muss. Aber auf der Alm hält er noch eine bemerkenswerte Rede aus dem Stegreif. Er kann so was. Alle, die ihn für einen leicht tölpeligen Hinterwäldler halten, sollten wissen: Im Landtag halten nur wenige so scharfe, freie Reden wie er. „Almbauern sind Leute, die sich in schwierigerem Umfeld durchgebissen haben“, sagt er also. „Auch wenn ihr mittlerweile eine Minderheit seid – und plötzlich die in der Mehrheit sind, die noch keine Kuh aus der Nähe gesehen haben. Die Euch aber sagen, wie man eine Kuh behandeln soll. Auch der Bergbauer ist eine zunehmend bedrohte Art. Aber Ihr seid Rückgrat des Freistaats. Mit Menschen wie Euch kann man Staat machen.“

Wenn man die Worte Bergbauer durch Impfskeptiker tauscht, könnte man fast meinen, Aiwanger habe gerade eine Rede über sich selbst gehalten. Aber das ist nur Zufall. In diesen verrückten Zeiten kommen plötzlich Dinge zusammen, die eigentlich nicht zusammengehören. Herdenschutz – das ist ein Begriff, mit dem jeder Almbauer, aber auch jeder Epidemiologe was anfangen kann. Nur Aiwanger interpretiert das auf seine eigene Art – mit Abstand und Tests statt Spritze.

Der Minister lässt sich nach der Rede von der Alm runterfahren. Die Almbauern ziehen weiter. Nächste Station ist die Weitalm gleich beim Hochgern-Gipfel. Aiwanger ist da längst im Tal. Er hat an dem Tag noch einen Termin bei „Maischberger“. Auch dort wird es nicht um Spaltenböden gehen. Einschaltquote: über 1,3 Millionen Menschen. (Christian Deutschländer/Stefan Sessler)

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