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Der Ballzauberer und sein Meisterwerk: Hubertus Wiendl aus Regensburg stellt ab heute seine 600 Kilo schwere Holzkugel zur Schau. In einem Jahr geht er damit auf große Deutschland-Tour.

Mit einer Holz-Kugel durch Deutschland

Ein Mann auf den Spuren der Ballonauten

Regensburg – Eine lustige Idee, aber ein ernster Kern: Ein Mann aus Regensburg macht mit zwei Kugeln eine Tour durch Europa, um gegen den Rassismus zu kämpfen. Hier erzählt er, was zwei verrückte Männer aus der Oberpfalz damit zu tun haben.

Eine 600 Kilo schwere Holzkugel 3500 Kilometer durch Deutschland ziehen – über Stock, Stein, auf Berge, in Täler. Was für eine Schnapsidee. Zwei Regensburger haben aber genau das vor 81 Jahren gemacht. So eine fantastische Reise schreit doch nach mutigen Nachahmern. Und es hat sich einer gefunden: Hubertus Wiendl, ebenfalls aus der Stadt an der Donau. „Man muss schon so verrückt sein wie die damals, um so was zu machen“, sagt der 53-Jährige vergnügt.

Mit „die“ meint er Jakob Schmid und Franz Perzl. Sie machten sich im Mai 1932 auf, um ihren zwei Meter hohen hölzernen Fußball durch Deutschland zu schleppen. Von Süd nach Nord, von Ost nach West. Die Kicker vom 1. FC Regensburg wuchteten ihren hölzernen Fußball sogar auf den 1500 Meter hohen Wallberg am Tegernsee.

Wiendl stieß vor drei Jahren auf das Reisetagebuch der beiden – und war sofort fasziniert von dem aberwitzigen Trip der „Ballonauten“. Seitdem bastelt er, klebt er, schraubt er, denkt er, lebt er den Traum von damals. Tag und Nacht. Der Plan, dieses gigantische Ding nachzubauen, ließ ihn nicht mehr los. Nach über einem Jahr harter Arbeit, nach Unmengen Holz: Die Kugel ist fertig. Sie ist bereit, wieder 3500 Kilometer zurückzulegen, wie es die Pioniere vor vielen Jahrzehnten getan haben. „Aber sie wird nicht auseinanderbrechen wie damals“, verspricht Wiendl. „Wir haben 25 Meter Eisen verbaut. Zur Stabilität.“

Lesen Sie auch: Die unglaubliche Reise der Ballonauten

Ganz so abenteuerlich wird die Tour, die im Sommer 2014 beginnen soll, nicht. „Es wird moderner zugehen als 1932“, sagt er. „Wir transportieren die Kugel auf einem Anhänger.“ Aber warum macht er diese Abenteuerreise? „Das hat politische Gründe“, erklärt der Journalist ernst. Schmid und Perzl – der später von Georg Grau ersetzt wurde – standen schon bald nach der Weltwirtschaftskrise auf der Straße. So wie viele andere Millionen Deutsche. Das Land torkelte nach dem Ersten Weltkrieg in ein noch größeres Desaster. Adolf Hitler übernahm 1933 die Macht. Die beiden Glücksritter sahen, schmeckten, hörten und fühlten, wie Deutschland in jener Zeit tickte.

Wiendl will aufklären über diese Monate und Jahre, will die Jugend von heute dafür sensibilisieren. Und hier wirft er seinen Holzball ins Spiel. Abgeladen wird er bei Schulen in Orten, an denen Schmid und sein Gefährte ebenfalls vorbeigekommen sind. Wiendl und sein Projekt-Team wollen den Schülern beibringen, wie es zum Zweiten Weltkrieg gekommen ist. Und er will vor den neuen Gefahren warnen. Damit die Jugend nicht den gleichen Fehler macht wie vor 80 Jahren und sich einer rechten Partei anschließt.

Eine runde Sache: Wiendl macht es sich im Ball bequem. In einem Jahr sind darin Laptops und Beamer verbaut.

Weil Wiendl global denkt, gibt es eine zweite Kugel, den „EURO-nauten Ball“. Er ist weiß, aus Polyester und leicht. „Und er tourt durch Europa.“ Start ist in Brüssel, Haltestationen sind in Spanien, Italien oder Griechenland. Gleichzeitig soll der Holz-Ball von Regensburg losgeschickt werden – dem Ursprung der Ballonauten. Im Innenraum der Kugeln geht es höchst technisch zu. Im Gegensatz zu damals, als Schmid, Perzl und Grau sogar im Ball geschlafen haben. Heute werden statt Matratzen zum Beginn der Reise in einem Jahr Internetanschluss, Beamer und Kameras zur Verfügung stehen. „Damit tauschen sich die Menschen, die die Kugel begleiten, jeden Tag aus. Sie erzählen abends von ihren Erlebnissen und Begegnungen“, sagt Wiendl. „Wie vor 80 Jahren gibt es ein Tagebuch. Nur auf moderne Art und Weise.“

Wiendls Team soll beide Kugeln auf ihrer Reise begleiten. Für den Polyester-Ball hat er sich aber noch etwas ausgedacht: „Geplant ist, dass wir den Ball von Verein zu Verein schieben. Vielleicht gelingt es uns noch, ein paar Sportler mit ins Boot zu holen.“ Die sollen den Ball durch Europa lenken.

Das ist aber noch Zukunftsmusik. Mit einigen Designstudenten baut er die Kunststoff-Kugel zurzeit fertig. Den Holz-Ball gibt es aber schon heute zu sehen. Jakob Schmids Traum, dass alle von seiner Reise erfahren, wird dann doch noch Wirklichkeit. In Regensburg zeigt Wiendl seinen Nachbau und erzählt die Geschichte von jenen Männern, die vor 80 Jahren eine Schnapsidee hatten.

von Alexander Kaindl

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