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Hubsis Hauptquartier: der Schnapsmacher vor der Brennhütte am Priesberg.

Der Brenner aus den Berchtesgadener Alpen

Hubsi, die Berge und sein Enzian

Berchtesgaden - Ein Leben für den Schnaps: Hubsi Ilsanker ist Bergbrenner, einer der letzten. In den Berchtesgadener Alpen sucht er nach Enzianwurzeln und macht aus ihnen einzigartige Destillate. Er führt ein Leben im Einklang mit der Natur. Nur eines nervt ihn: Mountainbiker.

Macht doch dem Hubsi nichts, dieses Sauwetter hoch droben in den Berchtesgadener Alpen. Es schneit – mitten im Juni. Es ist schlotterkalt, hier auf 1730 Metern am Torrener Joch gleich beim Jenner. Dem Hubsi wurscht. Er hat sich seinen Wolljanker angezogen und die Bergschuhe. Gerade saust er eine steile Bergwiese entlang, in der Hand eine Spitzhacke. Immer wieder bleibt er stehen, rammt die Spitze in den Boden. Und noch mal. Und noch mal. Mit Karacho. Sieht aus, als ob er die Alpen heute eigenhändig abtragen wollte.

Aber Hubsi, richtiger Name Hubert Ilsanker und doch von allen nur Hubsi genannt, hat ganz was anderes im Sinn: Er ist auf der Suche nach Enzianwurzeln, dem Gold der Berge, den Wurzeln seines Lebens. Hubsi, 43, ist Bergbrenner, Enzianmacher. Seit 23 Jahren schon. Gerade zieht er eine mächtige Wurzel aus dem Boden; er steckt sie in den Beutel, der känguruartig um seinen Bauch baumelt. Hubsi sagt: „Für diese Arbeit brauchst Du Männer – keine Mädchen und keine Buben. Richtige Männer.“ Solche, die Schmackes in den Armen haben, denen ein bisserl Dreck an den Händen nichts ausmacht. Ein guter Enziangraber, sagt Hubsi, holt am Tag 30 Kilo Wurzeln aus der Erde. Es ist eine kraftraubende Arbeit, eine Plackerei, die man lieben muss. Seit hunderten von Jahren arbeiten die Bergbrenner nach den gleichen Prinzipien. Sie kennen die besten Stellen, an denen die Gebirgspflanze wächst. Sie graben die Wurzeln aus, tragen sie zur Hütte, hacken sie, meischen ein, brennen. „Eigentlich genial“, sagt Hubsi. Was Ursprünglicheres als seinen Gebirgs-Enzian gibt’s nicht. Es ist, wenn man so will, ein Schluck Ewigkeit zum Trinken. Preis der Premium-Ware: bis zu 60 Euro für eine 0,7-Liter-Flasche. „Eigentlich müsste sie 200 Euro kosten“, sagt er. Wegen der Arbeit, die drinsteckt.

Klar, der Schnaps ist nicht jedermanns Ding. Man liebt oder verflucht ihn. Beim bitter-aromatischen Enzian scheiden sich die Geschmäcker. Hubsi ist mit dem Alpengewächs verbandelt seit er 16 ist, damals hat er in den Ferien zum ersten Mal beim alten Schnapsbrenner Hardl auf seiner Brennhütte am Priesberg geholfen – als Wurzelgraber. „Der Bergbrenner hat selber fast ausgeschaut wie eine Enzianwurzel“, erzählt Hubsi. Er war knorrig, streng, ein begnadeter Schnapsmacher und sein Lehrmeister.

Es war ein überwältigender Sommer. Einer, den er sein Leben lang nicht vergessen wird. „In diesem Sommer merkte ich, dass mich ein schönes Mädchen aus der Bahn hauen kann, dass zu viel Bier reinhauen kann und zu viel Schnaps umhauen kann.“ So hat es Hubsi fast drei Jahrzehnte später in seinem Buch niedergeschrieben. Es heißt: „Der Bergbrenner“. Natürlich heißt es so. Darin beschreibt er tagebuchartig einen Sommer auf den Brennhütten. Er erzählt, wie die Holzknechte bei schlechtem Wetter in seiner Hütte einkehren und sich zum Zeitvertreib ein paar Halbe Bier einverleiben. Was für Blödsinn ihn Wanderer manchmal fragen. Diesen zum Beispiel: „Und wie viel brennen Sie schwarz?“ Hubsis Antwort, fast immer dieselbe: „Alles, was die Zöllner selber saufen.“ Er schreibt von der Einsamkeit und der Schönheit der Berge. Von der Magie des Enzianmachens. „Ich brenne sogar mit den Ohren. Ich kenne jedes Geräusch, jedes Blubbern oder Zischen.“

Schon mit 16 hat er zum Bergbrenner Hardl gesagt: „Des mach i a amoi.“ Der hat nur gelacht. Aber viele Sommer später, als der Alte nicht mehr brennen konnte, hat sich die Enzianbrennerei Grassl, die die Brennhütten betreibt und die das uralte Recht hat, Wurzeln zu graben, erinnert: Da war doch so ein Bursche, der unbedingt Brenner werden wollte. Sie haben Hubsi ausfindig gemacht, er war damals beim Bund, und ihm den Job angeboten. Er hat sofort zugesagt.

Seitdem verbringt er die Hälfte des Jahres auf den Brennhütten am Priesberg, am Funtensee auf 1601 Metern, auf der Eckerleiten, auf der Wasseralm oder der Kallbrunnalm. Manchmal kriegt er Besuch von Wanderern, seiner Ehefrau Michaela oder seinen beiden Kindern Xaver, 15, und Magdalena, 18. Aber oft ist er doch alleine. Dann setzt er sich nach Feierabend manchmal in die winzige Stube seiner Brennhütte, steckt sich eine Pfeife an, holt die Gitarre raus und fängt an, Volkslieder zu schreiben. Hubsi ist ein begnadeter Musiker und Sänger. Er spielt im Priesberg-Trio und im Oxn-Aug’n-Trio. Seine Lieder heißen „I geh ned an die Börse, i geh ins Gebirge“ oder „Zeit lassen, Enzian trinken“. Alles Stücke, die das erdig-ursprüngliche Leben in den Bergen preisen. Das Leben ohne Thermo-Wander-Unterwäsche und Gipfelbestimmungs-App. Denn der Hubsi, der ist Romantiker, einer vom alten Schlag, ein Fortschrittsskeptiker und manchmal auch ein Grantler. „Den Stress“, sagt er, „den haben erst die Radlfahrer auf den Berg gebracht.“ Genauso wie die Großstadt-Hektik. Vielen Leuten, erklärt er, ist nicht mehr wichtig, wie die Aussicht ist, sondern die fragen bloß: „Wie viele Höhenmeter hast Du geschafft? Oder: Wie viele Kalorien hast Du verbraucht? Alles braucht heutzutage eine Zahl. Dabei interessiert das keine Sau. Wenn schon, dann wäre die wichtige Frage: Wie viele Blumen hast Du gesehen?“

Hubsi kann sich richtig in Fahrt reden. „Am besten wäre für diese Leute ein Hometrainer in einem finsteren Keller und ein Knopf im Ohr, auf dem Techno-Musik läuft.“ Bumm, das sitzt. Hubsi findet eh, dass die Wohlstandsgesellschaft verlottert, die Manieren verliert. Manchmal muss er auch Bustouristen durch die Enzianbrennerei im Tal führen. Gebrannt wird dort nicht mit Bergenzian, viel zu aufwendig, sondern mit Enzian, der auf Feldern angebaut wird. Spaß machen ihm die Führungen, bei denen am Ende Gratisschnaps ausgeschenkt wird, meist keinen. „Sekundenschnell ist das Tablett leergesoffen“, schreibt er in seinem Buch. „Wie die Geier zerlegen sie den Kadaver.“ Ein Glück: Hubsi muss nicht oft einspringen. Das würde seine Seele nicht ertragen.

Viel lieber genießt er die Ruhe der Berge und brennt gut 1600 Liter Enzian-Schnaps im Jahr. Im Oktober schließt er dann seine Hütten ab und geht runter ins Tal. Zurück zu seinem kleinen Bauernhof in Schönau am Königssee. Zu seiner Familie. Er macht Skitouren. Genießt das Leben. Spielt Volksmusik. Oder trinkt einen Schluck selbstgemachten Berg-Enzian. Das geht immer. Das hilft immer – gegen so ziemlich jeden Schmerz in Hubsis Welt.

Stefan Sessler

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