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Links: Zwölf Schafe ohne Hirten sind auf dem modernen Fastentuch zu sehen, vor dem Pastoralreferent Wirzberger in der Kirche von Burgrain steht. Rechts: Ein Fastentuch aus dem 18. Jahrhundert aus der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Irsee (Kreis Ostallgäu).

Hungertücher: Verhüllung gehört zum Fasten

Weilheim - Verhüllung als Fasten? In manchen katholischen Kirchen werden in der Fastenzeit Heilsdarstellungen mit so genannten Fastentüchern verdeckt. Eine alte Tradition, die bis ins 10. Jahrhundert zurückgeht. Und auch heute noch ihren Sinn hat.

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Aschenkreuz: Beginn der Bußzeit und Zeichen der Hoffnung

Wenn Roland Schwalb heute aus seinem Kurzurlaub in Meran zurückkehrt, hat er gleich alle Hände voll zu tun. Der Mesner der Weilheimer Stadtpfarrei verhüllt das Gemälde am Hochaltar von der Aufnahme Mariens in den Himmel mit einem großen violetten Tuch, bevor die Gläubigen im Abendgottesdienst das Aschenkreuz von Pfarrer Ulrich Lindl auf die Stirn gezeichnet bekommen. „Es ist ganz wichtig, dass die Leute sehen, dass es eine andere Zeit ist“, erklärt Schwalb, warum während der österlichen Bußzeit die gesamte Pracht in seiner Kirche auch optisch auf ein Minimum reduziert wird. Der Brauch, Altäre während der Fastenzeit mit Tüchern zu verhüllen, geht bis in das 10. Jahrhundert zurück.

Ihre erste echte Blütezeit erlebten die so genannten Hungerlappen in der späten Gotik, dann wieder im Barock. „Aus Scham vor dem, was Christus von Menschenhand angetan wurde, werden die Bildwerke der Heilsgeschichte verhüllt“, erklärt Hans Rohrmann von der Abteilung kirchliche Kunstpflege des Erzbistums München und Freising die theologische Bedeutung der Fastentücher. Indem Gewohntes und Kostbares den Blicken entzogen wird, wächst bei den Gläubigen wieder Hunger und Vorfreude auf das Entbehrte. „Es ist ein Fasten des Schauens, um dann bei der Enthüllung das vertraute Bild wieder neu zu sehen“, analysiert Domzeremoniar Anton Heinrich Häckler die Psychologie der visuellen Enthaltsamkeit.

Letztes Abendmahl: Das wurde aus den zwölf Aposteln

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Auf den groben, manchmal nur zusammengenähten historischen Leinwänden lenken meist Themen wie Geißelung oder Kreuzigung die Konzentration des Betrachters auf die Passion Christi. Im schwäbisch-oberbayerischen Raum haben vor allem barocke Fastentücher die Stürme der Aufklärung und der Säkularisation sowie die Angriffe gefräßiger Motten überstanden. Allerdings befinden sich die Tücher selten im optimalen Zustand. Zum einen sind sie nicht für die Ewigkeit bestimmt, zum anderen ist die aufgetragene Malschicht durch das regelmäßige Rollen Spannungen und Schäden ausgeliefert.

„In den meisten Fällen werden die Fastentücher durch ihre Lagerung geschwächt“, hat Cornelia Hagn festgestellt. Die Restauratorin vom Bayerischen Amt für Denkmalpflege, die am 27. Februar (19 Uhr) in München (Hofgraben 4) einen Vortrag über Hungertücher im alpenländischen Raum hält, registriert in den Gemeinden ein gesteigertes Interesse an den ehrwürdigen Linnen. „Glücklicherweise wird dieser Kunstschatz immer mehr gewürdigt und in die vorösterliche Liturgie eingebunden“, freut sich Hagn, obwohl dies die gegenwärtigen liturgischen Richtlinien nicht vorsehen, aber auch nicht verbieten.

Ein modernes Hungertuch verhüllt dagegen das große Kreuz im Altarraum der Gemeinde St. Michael in Burgrain (Landkreis Garmisch-Partenkirchen). Die Studentin Anuschka Leibhold von der Akademie der Bildenden Künste in München hat 1999 das 24 Quadratmeter große Bild „Zerstreut und zersprengt“ geschaffen. Auf braunem Stoff sind zwölf Schafe zu sehen, die keinen Hirten mehr haben. Peter Wirzberger hat die Erfahrung gemacht, dass ihn nicht nur diese Darstellung, sondern auch das dahinter verborgene Kreuz beschäftigt. „Oft schaut man darüber hinweg, jetzt fragt man sich, was steckt hinter dem Tuch“, beschreibt der Pastoralreferent seine Neugier. Erst während der Karfreitagsliturgie enthüllt der 60-Jährige zusammen mit anderen Gemeindemitgliedern das Kreuz. „Da läuft es mir eiskalt den Buckel runter“, gibt er zu, wie sehr ihn dieses Ritual noch immer innerlich berührt – auch wenn es inzwischen zur Tradition gehört.

Von Christian Heinrich

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