+
Die Bäckerei Ihle ist einer der Betriebe, bei denen in den vergangenen Jahren Hygienemängel festgestellt wurden. 

Schaben, Maden, Haare

Ekelfunde: So reagieren die betroffenen Bäckereien

  • schließen

Mäusekot, Käferbefall, Schimmel – die Organisation Foodwatch hat ekelerregende Hygienezustände in mehreren bayerischen Großbäckereien offengelegt. Die betroffenen Bäckereien betreiben Schadensbegrenzung.

München – Es sind Funde, die einem den Appetit gehörig verderben. Käferspuren im Mehl, Schaben in der Krapfenanlage, Mäusekot auf dem Weihnachtsgebäck. AllesEntdeckungen der Kontrolleure in den Backstuben verschiedener bayerischer Großbäckereien, dokumentiert in den Kontrollberichten. Erfahren hat der Verbraucher davon nichts – denn derzeit werden Bayerns Bürger nur über Missstände informiert, wenn eine Gefahr für die Gesundheit besteht. Doch die genannten Hygienemängel zählen nicht dazu. Und bleiben dem täglichen Bäckerkunden somit verborgen.

Ein Skandal, findet die Organisation Foodwatch, die am Dienstag in München ihren Report „Bayerisches Brot“ vorgestellt hat. Die Mitarbeiter von Foodwatch wollten überprüfen, ob sich die Situation in Bayerns Backstuben seit dem Müllerbrot-Skandal, der 2012 mit der Produktionseinstellung endete, verbessert hat. Dafür machten sie vom Verbraucherinformationsgesetz Gebrauch und forderten die Ergebnisse der amtlichen Lebensmittelkontrollen für mehrere bayerische Großbäckereien an. Nach einem langwierigen Verfahren erhielt Foodwatch Informationen zu 69 Kontrollen aus den Jahren 2013 bis 2016 bei den Unternehmen Bachmeier (Eggenfelden, Niederbayern), Der Beck (Erlangen, Mittelfranken), Heinz (Altdorf,Niederbayern), Hiestand (Gerolzhofen, Unterfranken), Höflinger (München), Hofpfisterei (München), Ihle (Friedberg, Schwaben) und LSG (Lufthansa-Tochter, Erding).

Ihle Bäckerei: Mängel bei 14 von 19 Kontrollen 

Während bei manchen Kontrollen alles in Ordnung war, oder es wie im Fall der Hofpfisterei und der LSG nur kleine Beanstandungen gab, lagen bei anderen Betrieben gravierende Hygienemängel vor. Bei der Landbäckerei Ihle, die ihren Sitz in Friedberg bei Augsburg hat, in rund 250 Filialen über 2000 Mitarbeiter beschäftigt und in den vergangenen Jahren auch fleißig nach Oberbayern expandierte, wurden in den Jahren 2013 bis 2015 bei 14 von 19 Kontrollen Mängel festgestellt. Bei zusätzlichen Proben des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) wurde 2013 ein 20 Zentimeter langer Plastikstreifen – vermutlich Klebeband, wie die Prüfer feststellten – in einem Weizenmischbrot-Brot gefunden. Zu den festgestellten Mängeln zählten etwa massiver Käfer- und Schabenbefall oder Mäusekot. Bei Nachkontrollen 2014 und 2015 stellten die Kontrolleure einen erneuten Schädlingsbefall fest. Die Folge: Bußgelder in Höhe von insgesamt 15 000 Euro sowie die Anordnung baulicher Maßnahmen.

Auch bei der niederbayerischen Bäckerei Bachmeier mit mehr als 100 Filialen ging es unhygienisch zu. Im März 2015 beschwerte sich ein Verbraucher beim LGL über einen Fremdkörper, den er in „Mühlengold Klassisch Krusten-Schnitten“ entdeckt hatte. Das Ergebnis: Es handelte sich um eine Schabe. Bei der Plätzchenmischung „Feines Weihnachtsgebäck“ wurden außerdem Fraßspuren und Nagerkot festgestellt.

Die Organisation Foodwatch hat Hygienemängel in mehreren bayerischen Großbäckereien offengelegt.

Bereits am Wochenende hatte Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU), offenbar im Wissen, was auf sie zukommt, ein Sonderkontrollprogramm für Großbäckereien angekündigt. Für Foodwatch ist das nicht genug. „Der Bericht zeigt, dass Kontrollen und Sanktionen alleine oft nichts ändern“, sagt der Autor des Reports, Johannes Heeg. Und auch wenn sich die große Mehrheit der Bäckereien an das Gesetz halte: „Ich bin mir sicher, dass Sie diese Produkte nicht gekauft hätten, wenn Sie gewusst hätten, wie es dort in der Produktion aussieht“, sagt Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. „Und ich bin mir auch sicher, es würde dort nicht so aussehen, wenn die Kontrollberichte öffentlich wären.“

Hygienemängel in Großbäckereien: Es braucht mehr Transparenz

Das ist die Forderung von Foodwatch: Ein Gesetz, mit dem Rechtssicherheit für die Veröffentlichung dieser Kontrollergebnisse geschaffen wird. Weil auf Bundesebene nichts vorwärts gehe, müssten eben die Länder vorpreschen. Aber stattdessen werde von der Politik zugesehen, „wie die Schaben in den Backstuben Schuhplattler tanzen“.

Ministerin Scharf betonte gestern die Verantwortung der Betreiber und wies auf die neue Lebensmittel-Kontrollbehörde hin, die ab 2018 auch für die Überprüfung von Großbäckereien zuständig sein wird. Man habe Vertreter des Bäckereihandwerks zu Gesprächen eingeladen, um Verbesserungen in den Betrieben zu erreichen. Eine Vorschrift zur Veröffentlichung der Kontrollergebnisse habe jedoch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof im März 2013 vorläufig gestoppt. Auch in anderen Ländern klagten betroffene Unternehmen gegen die Veröffentlichung im Internet. Niedersachsen hat deshalb ein Normenkontrollverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht eingeleitet, das noch nicht abgeschlossen ist.

Die Landtags-Opposition reagierte mit Forderungen nach mehr Transparenz. Bei gravierenden Mängeln müssten die Verbraucher informiert werden, sagte Rosi Steinberger (Grüne). Und Florian von Brunn (SPD) forderte, die Kontroll-Ergebnisse grundsätzlich zu veröffentlichen, wie es auch in Dänemark, Großbritannien und bis zum anstehenden Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen der Fall ist.

Beim Landes-Innungsverband für das bayerische Bäckerhandwerk stößt die Forderung auf wenig Gegenliebe. „Wir haben kein generelles Hygieneproblem in unserer Branche“, sagt Hauptgeschäftsführer Wolfgang Filter. „Notorische Ignoranten“ würden aber dem Ruf des Handwerks schaden – „gegen sie muss hart durchgegriffen werden“. Eine vollständige Veröffentlichung der Kontrollberichte könne allerdings erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten. „Wenn Betriebe einmal stigmatisiert sind, kommen sie da nie wieder raus.“ Denn selbst mit den besten Absichten könne es mal vorkommen, dass bei einer Kontrolle ein Mangel festgestellt werde.

Das sagen die betroffenen Bäckerei-Betriebe zu den Vorwürfen

Die Landbäckerei Ihle reagierte mit einer Mitteilung auf die Veröffentlichung der Kontrollergebnisse aus dem eigenen Betrieb. „Wir möchten uns bei unseren Kunden für die Verunsicherung durch die Fälle in der Vergangenheit entschuldigen“, erklärt Inhaber Willy Ihle darin. Die Bäckerei habe alle Beanstandungen stets nach der Feststellung bearbeitet und unverzüglich abgestellt.

„Waren, die nicht unserem Anspruch von Qualität entsprachen, haben wir nicht in den Verkauf gegeben.“ Zudem sei der Stammsitz in Friedberg seit 2015 saniert worden. „Uns ist damals klar geworden, dass wir nicht nur akute Maßnahmen zur sofortigen Behebung der Mängel in Friedberg ergreifen müssen, sondern nachhaltige Veränderungen in diesem Produktionsbereich der Bäckerei nötig sind.“ 

Die jüngsten Kontrollen würden gute Ergebnisse bescheinigen. Die Foodwatch-Forderung nach mehr Transparenz unterstützt Willy Ihle. „Jede Maßnahme der Politik zur Reform der Lebensmittelkontrollen würden wir sehr begrüßen.“ Auch die Bäckerei „Der Beck“ nahm Stellung zu einzelnen Fällen, wie etwa dem Fund von Glassplittern oder Kotpillen an Schnittbrötchen. Man habe mit einem Rückruf der Tagesproduktion beziehungsweise einem verstärkten Schädlingsmonitoring reagiert. Man sei ein „transparentes Unternehmen, welches grundsätzlich jedermann und jederzeit Einblick in seine Backstube gewährt“. 

Die Bäckerei Bachmeier aus dem niederbayerischen Eggenfelden teilte mit: Die „Berichte über Hygienemängel beziehen sich auf Vorfälle aus dem Jahr 2015 und spiegeln in keiner Weise die aktuelle Situation wider“. Damals habe die Betriebs- und Prozesshygiene zeitweise nicht alle Punkte der hohen Qualitätsvorgaben erfüllt. Man habe aber Maßnahmen ergriffen, deren Erfolg die Behörden bestätigten.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mehrere Fahrzeuge müssen ausweichen: Geisterfahrer-Unfall endet glimpflich
Ein Geisterfahrer hat am Montag auf der Autobahn 7 im Allgäu mehrere Autos gestreift und ist dann mit einem weiteren Wagen zusammengestoßen.
Mehrere Fahrzeuge müssen ausweichen: Geisterfahrer-Unfall endet glimpflich
180 Kilo gefunden: Koks-Mafia beliefert Supermarkt
Die Polizei ermittelt gegen einen Drogenring, der Kokain über Bananenkisten an Supermärkte liefert. Es geht um Waren im Wert von zehn Millionen Euro.
180 Kilo gefunden: Koks-Mafia beliefert Supermarkt
Tödlicher Unfall mit zwei jungen Frauen: Verursacher nun vor Gericht
Knapp ein Jahr nach dem Unfall, der zwei junge Frauen das Leben kostete, steht der Fahrer des anderen Autos vor Gericht. Auch ein anderer Mann muss sich verantworten.
Tödlicher Unfall mit zwei jungen Frauen: Verursacher nun vor Gericht
Panzerfäuste im Wald gefunden
Mitarbeiter eines Sprengkommandos haben in einem Wald bei Hauzenberg (Landkreis Passau) fünf Panzerfäuste aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt.
Panzerfäuste im Wald gefunden

Kommentare