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Bei der Arbeit: Nicolle Höhne räumt das Kühlregal ein. Hinter ihr: Chef Daniel Schermelleh, der die Edeka-Filiale in Allershausen leitet.

Inklusionspreis

 „Im Herzen fröhlich“

München  - Behinderte Menschen haben es schwer – vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Festanstellung? Das bleibt für die meisten nur ein Wunschtraum. Außer sie treffen auf Chefs wie Michaela Nachtrab und Daniel Schermelleh. Über zwei, die den Inklusionspreis bekommen haben.

Daniel Schermelleh ist kein Dampfplauderer. Er ist ein Mann klarer Worte – und großer Taten. Wenn er Sätze sagt wie „Ich muss das nicht machen, ich mache es, weil es mir wichtig ist“, dann ist das einfach nur ehrlich. Und: auch preiswürdig.

Dazu muss man natürlich wissen, dass Schermelleh, 32, Bart, offenes Lächeln, in Allershausen nahe Freising eine Edeka-Filiale leitet. Und in dieser Filiale beschäftigt er eine junge Frau: Nicolle Höhne, 22, blaue Augen, schüchternes Lächeln. Nicolle hat einen unbefristeten Vertrag für eine Teilzeitstelle, 30 Stunden pro Woche – und sie hat eine geistige Behinderung, zu 100 Prozent.

Schermelleh ist gesetzlich nicht dazu verpflichtet, Nicolle zu beschäftigen, dafür ist sein Laden zu klein. Aber: Er macht es trotzdem. „Mir ist es wichtig, auch einem behinderten Menschen die Möglichkeit zu geben, selbst für sich sorgen zu können“, sagt er; er weiß, dass Menschen wie Nicolle auf dem gewöhnlichen Arbeitsmarkt so gut wie keine Chance haben. Genau dafür hat ihn jetzt der Bezirk Oberbayern ausgezeichnet – mit dem Inklusionspreis. „Man sieht, dass unternehmerisches und soziales Engagement möglich ist“, heißt es in der Laudatio am Dienstagnachmittag.

Schermelleh ist zur Preisverleihung nach München gekommen. Nicolle, „die Kleine“, wie er sie oft nennt, ist selbstverständlich auch dabei. Der Festakt findet in einem Sitzungssaal der Heckscher Klinik statt, und die beiden stehen jetzt ganz vorne. Nicolle hat rote Bäckchen, sie ist aufgeregt. Es ist ein großer Tag für sie. Einen solchen Tag gab es jüngst schon mal. Das war Ende Oktober, da kam ein kleines Filmteam nach Allershausen, um im Edeka-Markt zu filmen – genauer: um Nicolle zu filmen und sie zu interviewen. Sie konnte vor Aufregung kaum auf die vielen Fragen antworten. „Mir macht alles Spaß!“, sagte sie damals. Und: „Alle sind Lieblingskollegen.“ Ein gutes Gefühl – für Nicolle und das ganze Team.

Nicolles Tag beginnt um 6 Uhr morgens – sie ist oft die Erste. Sie wartet dann auf die anderen Kollegen, die in der Dunkelheit langsam eintrudeln. „Wenn ich in den Supermarkt komme, dann fühle ich mich im Herzen fröhlich“, sagt sie und lächelt. Sie meint das genau so. Nicolle würde sich niemals verstellen.

Ihre Schicht geht dann bis 13.30 Uhr. Zuerst räumt sie Obst und Gemüse ein, dann geht es ans Kühlfach, zu den Milchprodukten – „die Älteren nach vorne, die Jüngeren nach hinten“, erklärt sie. Nicolle kontrolliert das Mindesthaltbarkeitsdatum, und wenn das fast schon überschritten ist, dann darf sie „einen halben Preis machen“. Sprich: die Joghurts oder den Frischkäse neu auszeichnen.

„80 Prozent des Tages muss Nicolle im Team arbeiten“, sagt ihr Chef Schermelleh. Sie braucht einen Ansprechpartner – vor allem aber braucht sie das Gefühl, gebraucht zu werden. Sie will etwas Sinnvolles machen, eine Beschäftigung haben, die ihr ein gutes Gefühl gibt. Ein Gefühl, dass sie dazugehört.

In der Laudatio vom Dienstagnachmittag ist die Rede von „Achtung, Anerkennung, Selbstbestimmung“ – und auch davon, dass Menschen wie Nicolle nicht auf Milde angewiesen sein sollten, sondern Unternehmer deren Potenziale und Leistungen erkennen müssten.

Schermelleh hat das getan, hat sie genommen, wie sie war. Damals, vor rund drei Jahren, als sie zu ihm kam, als Praktikantin, da dachte er sich einfach: „Ich gebe ihr eine Chance, ich habe ja nichts zu verlieren.“ Gewonnen haben am Ende beide: er und Nicolle. Und: das ganze Team.

Was Schermelleh im Kleinen schafft, macht die Münchner Unternehmerin Michaela Nachtrab im größeren Stil. Sie leitet die Firma VerbaVoice, einen mobilen Dolmetscherdienst für Hörgeschädigte. Er wandelt Sprache in Text um – in kürzester Zeit. Nachtrab sagt: „Damit haben wir alle den gleichen Alltag.“

Im Gespräch: VerbaVoice-Chefin Michaela Nachtrab unterhält sich mit den meisten ihrer Mitarbeiter mittels Gebärdensprache – die sie auch selbst perfekt beherrscht.

Die Firma hat heute mehr als 20 Angestellte; mehr als ein Fünftel von ihnen ist hörgeschädigt. Nachtrab selbst kann zwar hören, beherrscht die Gebärdensprache dennoch perfekt. Sie versteht deshalb auch alle ihre Mitarbeiter – ganz ohne Worte. Bei VerbaVoice läuft die Kommunikation eben leise ab. Die Menschen dort, ob hörgeschädigt oder nicht, unterhalten sich mit den Händen. Und lachen viel.

Nachtrab, die sich mit dem Edeka-Filialleiter Schermelleh den diesjährigen Inklusionspreis teilt, zitiert oft einen Satz: „Blindheit trennt von den Dingen, aber Taubheit von den Menschen.“ Sie sagt auch: „Untertitel müssen so selbstverständlich werden wie eine Rampe vor der Tür eines Gebäudes.“

Jedes Mal, wenn Nachtrab einen neuen Mitarbeiter sucht, prüft sie, „ob die Arbeit nicht auch von einem hörgeschädigten Menschen geleistet werden kann“. Denn das ist für sie „gelebte Inklusion“. In der Laudatio am Dienstagnachmittag heißt es unter anderem: „Menschen mit und ohne Behinderungen arbeiteten in diesem Sozialunternehmen als gleichberechtigte Kollegen Tisch an Tisch.“ Nachtrab spricht oft lieber von einem „Herzblutprojekt“. Und dieses Projekt stellt sie am Dienstagnachmittag auch prompt unter Beweis.

Kurz vor der Preisverleihung haben sie und ihr Mann, mit dem sie sich die Unternehmensleitung teilt, eine Leinwand im Sitzungssaal aufgebaut. Wenn jetzt ein Laudator spricht, erscheint dort zeitgleich das Gesagte. Daneben sitzen zwei Dolmetscherinnen, die für die Hörgeschädigten mit den Händen „übersetzen“ – damit sich niemand ausgeschlossen fühlt.

„Wir haben die Vision einer inklusiven Gesellschaft, die barrierefrei kommuniziert. Dafür bieten wir die technischen Lösungen“, erklärt Nachtrab. Wer die VerbaVoice-Dienste in Anspruch nehmen will, der braucht eigentlich nur ein Laptop, ein Smartphone oder einen Tablet-PC mit Internet-Zugang. Online kann der Kunde dann einen Übersetzer für Gebärdensprache zuschalten, der alles, was er hört, live in Gebärdensprache oder Text überträgt. Rund 200 Dolmetscher arbeiten inzwischen für VerbaVoice – und das weltweit. Dank des Internets ist immer jemand einsatzbereit, jemand der den Alltag einfach macht.

„Barriererfreier Zugang zu Informationen ist ein Menschenrecht“, sagt Nachtrab. Und mit ihrer Firma lässt es sich durchsetzen.

Von Barbara Nazarewska und Sebastian Grauvogl

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