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Mehr Bauernhöfe denn je wollen das Bio-Siegel: Seit Jahresbeginn haben 600 Landwirte eine Umstellung ihrer Betriebe angemeldet. Das liegt an den attraktiven Prämien – aber nicht nur daran

Umstellung auf ökologische Landwirtschaft

Bayerns Bio-Boom

München -Mehr als 600 bayerische Bauern haben seit Jahresbeginn auf Ökobetrieb umgestellt. Ausschlaggebend waren in vielen Fällen attraktive Prämien vom Staat. Doch die Fördergelder allein reichen nicht als Anreiz.

Wenn sich irgendwo in Bayern ein Landwirt entscheidet, seinen Betrieb umzustellen, dann erfährt früher oder später Johannes Enzler davon. Er arbeitet in der Kontrollbehörde für ökologischen Landbau in der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Jeder Umstellungs-Antrag landet auf seinem Schreibtisch. In den vergangenen knapp fünf Monaten waren es genau 615 Anträge – so viele wie nie in so kurzer Zeit. „Man kann wirklich von einem Boom sprechen“, sagt Enzler. Wundern tut ihn das allerdings nicht. Denn die Voraussetzungen, um von konventioneller Landwirtschaft auf Bio umzustellen, sind besser denn je.

Zum 1. Januar hat Bayerns Agrarminister Helmut Brunner (CSU) die Prämie für Ökobetriebe von 200 auf 273 Euro erhöht, während der Umstellungsphase sind es sogar 350 Euro pro Hektar. „Das ist ein wirtschaftlicher Anreiz, der vielen Landwirten die Entscheidung leichter macht“, sagt Enzler. Und der nötig ist, um geringere Erträge auszugleichen. Denn die müssen Bio-Betriebe einkalkulieren. „Beim Landbau wird der Ertrag im Durchschnitt 30 Prozent geringer ausfallen, weil die Bauern keinen Mineraldünger verwenden dürfen“, sagt Enzler. Auch die Milchleistung der Kühe ist bei ökologischer Haltung etwas geringer. Dafür sind die Preise für Bio-Produkte deutlich besser. Für einen Liter Biomilch bekommen die Landwirte aktuell 15 bis 18 Cent mehr, als für Milch aus konventioneller Haltung. Deshalb ist die Umstellung besonders für die Landwirte reizvoll, deren Ställe sowieso fast den Standards eines Öko-Betriebs entsprechen, erklärt Enzler. In den meisten Fällen sind das Milchbauern, die ihre Tiere oft bereits in Laufställen halten und einen ganzjährigen Auslauf garantieren können. Schweinehalter hingegen tun sich schwerer, müssen meist erstmal in den Stallumbau investieren. „Außerdem verpflichten sie sich, die Ferkel 40 Tage bei den Muttertieren unterzubringen – dadurch wird der Abstand zum nächsten Wurf größer.“ Bei Schweine- und Geflügelfleisch mit Bio-Siegel ist die Nachfrage in Bayern größer als das Angebot. Für die Betriebe sind die staatlichen Prämien und Förderprogramme noch nicht Anreiz genug, sagt Enzler.

Auch die Kontrollen, die jeden Betrieb rund 400 Euro im Jahr kosten, und die Dokumentationspflicht schrecken einige Betriebe vor der Umstellung ab. „Der bürokratische Aufwand hat uns bisher davon abgehalten, auf einen Biobetrieb umzustellen“, erzählt Carla Wagner, die mit ihrem Mann Siegfried eine Landwirtschaft mit 70 Kühen in Haag im Landkreis Freising betreibt. Investiert haben die Wagners ständig in ihren Stall, Umbaumaßnahmen waren kaum noch nötig für das Bio-Siegel. Aber die Formulare, die ganzen Dokumentationsaufgaben haben Carla Wagner Kopfschmerzen bereitet. Sie und ihr Mann haben die Umstellung im Februar angemeldet, inzwischen weiß sie: „Es sind etwa fünf Stunden mehr Büroarbeit in der Woche.“

Die Prämie allein reicht nicht, um diesen Aufwand in Kauf zu nehmen. „Was wir vom Staat bekommen, brauchen wir für die höheren Futter- und Strohkosten auf“, sagt Wagner. Es war nicht der finanzielle Anreiz, wegen dem sie und ihr Mann Anfang des Jahres den Schritt gewagt haben. Sie sind aus Überzeugung Bio-Bauern geworden. Jedes Mal, wenn Carla Wagner die Verhandlungen über das geplante Freihandelsabkommen mit den USA verfolgt, wird ihre Überzeugung noch ein wenig größer. Sie will sich für regionale Produkte mit Bio-Qualität einsetzen. Dafür nimmt sie die zusätzliche Büroarbeit in Kauf.

Katrin Woitsch

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