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Immer mehr gute Schüler, aber manche fallen auch komplett durch. Abiturprüfung in einer Turnhalle.

Die 1,0-Generation

Immer mehr Gymnasiasten machen Spitzen-Abitur

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Weilheim - Ein 1,0-Abitur – das war früher eine Ausnahme. Heute nicht mehr so sehr. Woran liegt es, dass es doppelt so viele Top-Abiturienten gibt wie zu Zeiten des G9?

Geschenkt wird einem nichts, sagt Schülerin Ulrike Eisner aus Freising. Sie hat ein 1,0-Abitur

Ulrike Eisner, 17, Schülerin am Josef-Hofmiller-Gymnasium in Freising, hatte ein Vorbild, als sie zu den Abiturprüfungen ging: ihren älteren Bruder. Der hatte nämlich den Traumschnitt von 1,0 geschafft. Was der kann, kann ich schon lange – so dachte es sich die Freisingerin mit den langen blonden Haaren. Und tatsächlich: Sie hat es geschafft. Wenn es am Freitag (bayernweit) die Abiturzeugnisse gibt, darf Ulrike Eisner ein Spitzenexamen entgegennehmen. Sie ist die Beste unter 108 Abiturienten.

Im Freistaat steht sie damit freilich nicht allein. Die Zahl der 1,0-Zeugnisse hat sich – im Vergleich zu den G9-Zeiten – verdoppelt. Während bei der Abiturprüfung 2005 lediglich 1,1 Prozent der Abiturienten (269 von 25 723) diese Note schafften, waren es nach einer Statistik des Kultusministeriums im vergangenen Jahr 2,0 Prozent (755 von 37 741).

Fast jedes Gymnasium hat einen 1,0-Schüler

Fast an jedem Gymnasium gibt es auch heuer einen oder gar mehrere Schüler mit 1,0. Zum Beispiel auch am Gymnasium Weilheim, wo Direktor Hermann Summer am Freitag gleich drei Schülern dazu beglückwünschen kann. Er bestätigt, dass sich die Zahl der sehr guten Schüler „dramatisch nach oben entwickelt“ hat. Der Anteil der Abiturienten mit einem Zeugnis-Schnitt besser als 2,0 sei auffällig – die meisten sind dabei übrigens, kein Zufall, Mädchen, die auch in den Pisa-Tests der vergangenen Jahre stets besser waren als männliche Schüler. Am Freisinger Josef-Hofmiller-Gymnasium können sich zehn Prozent der Absolventen über einen Notendurchschnitt von 1,5 oder besser freuen. An einem Gymnasium in Deggendorf sind es 19 von 61. Am Gymnasium Miesbach zählt Direktor Rainer Dlugosch auf Anfrage unserer Zeitung extra durch: 28 der 118 Absolventen haben eine eins vor dem Komma (einer eine 1,0). „Das ist schon viel“, sagt Dlugosch.

Der Hauptgrund für dieses Phänomen, sagt sein Weilheimer Kollege Summer, sei die im G8 eingeführte Gleichgewichtung von schriftlichen und mündlichen Leistungen. Früher, im G9, zählten Klausuren in der Oberstufe noch doppelt so viel wie mündliche Noten. Mündlich sind gute Leistungen, so die Erfahrung von Summer, aber leichter zu erreichen als schriftlich.

Mündliche Vorträge gehören zum Berufsleben

So sieht es auch das Kultusministerium. Es gebe aber keine Überlegungen, daran zu rütteln, erklärt Sprecher Ludwig Unger. Ein Grund sei die Lebenswirklichkeit. „Schließlich ist die Bedeutung eines mündlichen Vortrags auch im Berufsleben wichtiger geworden.“

Neben der 1:1-Gewichtung befördern auch gewisse Neuentwicklungen die Leistungsexplosion, wie Direktor Heinz-Peter Meidinger vom Robert-Koch-Gymnasium Deggendorf meint. „Ich war früher für die Abschaffung der Leistungskurse, jetzt bedauere ich das“, sagt der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbands selbstkritisch. Statt Leistungskursen gibt es nun zum Beispiel W- und P-Seminare. Über die Themensetzung dort rümpfen manche Direktoren die Nase. „Egal ob Vorbereitung der Berlin-Fahrt oder Betreuung eines 3.Welt-Cafés – schon für Engagement und Beiträge gibt’s glatte Einser“, lästert einer. Direktor Summer beobachtet eine gezielte Abwahl von Physik und Chemie zugunsten „weicherer“ Fächer wie Biologie – was früher nicht möglich war. Es gebe doch mancherlei „Qualitätsverlust“, meint Meidinger. „Wir haben zu wenig Futter für die wirklich guten Schüler.“

Mehr Durchfaller im G8

Kehrseite der Medaille: Im G8 fallen auch mehr Abiturienten durch als im G9, drei statt früher ein Prozent. Sie scheitern an den Abiturpflichtfächern Deutsch oder Mathe, wo die 1:1-Regelung mündlich/schriftlich nicht mehr gilt. Im Endeffekt nehme „die Spreizung zwischen sehr guten und sehr schlechten Schülern“ zu, sagt der Miesbacher Direktor Dlugosch. „Das gute Mittelfeld dünnt aus.“

Trotzdem: Eine 1,0 macht sich nicht von allein. „Es gehört auch Glück dazu“, sagt die Freisinger Abiturientin Ulrike Eisner. Zum Beispiel, dass sie in der letzten Deutschklausur genau eines der Gedichte interpretieren musste, mit denen sie sich vorbereitet hatte. „Fangt nicht erst vor den Abiturprüfungen an zu lernen“, rät Ulrike Eisner jüngeren Gymnasiasten.

Ulrike Eisner braucht den Schnitt für das Studium

Sie selbst hatte seit der Mittelstufe regelmäßig gelernt und auf einen Einser-Schnitt hingearbeitet, auch weil sie Medizin studieren will. In Mathe schrieb Ulrike Eisner 15 Punkte. Das Fach sei ihr immer leicht gefallen, sagt sie, wie Naturwissenschaften allgemein, aber sie hatte auch Spaß an Deutsch, Latein oder Geschichte. Zum Ausgleich ging sie ins Fitness-Studio oder spielte Basketball, um den Kopf freizubekommen.

Dass die Prüfungen leichter werden, findet die Schülerin nicht. „Geschenkt wird einem nichts und ein 1,0-Schnitt wird immer noch als eine beeindruckende Leistung angesehen.“

von Teresa Pancritius und Dirk Walter

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