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Überlebenswichtig auf dem Berg ist die richtige Selbsteinschätzung.

Warum verunglücken so viele?

Bergunfälle: Immer mehr Kletterer überfordert

München - Die Zahl der Unfälle: gestiegen. Die Zahl der Toten: auch. So lautet in Kürze die Bilanz, die der Deutsche Alpenverein (DAV) in seiner Bergunfallstatistik für 2013 zieht. Dabei fällt auf: Bergsportler sind zusehends überfordert.

2012, das war ein Jahr. Damals war die Zahl der Bergtoten mit genau 28 auf einem historischen Tiefststand. Auch die Unfälle im Berg hielten sich mit 784 in Grenzen. Für Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV), war 2012 allerdings ein „absolutes Ausreißerjahr“. Ein Blick auf die Zahlen der neuen DAV-Bergunfallstatistik bestätigt das.

Im vergangenen Jahr starben 36 Alpenvereins-Mitglieder beim Wandern, Klettern, Bergsteigen oder Skifahren, das waren acht mehr als im Vorjahr. Auch die Zahl der Un- und Notfälle nahm um knapp 100 auf 876 zu. Insgesamt 1126 Menschen waren betroffen – so viele wie nie zuvor. Allerdings wuchs auch die Zahl der Alpenvereins-Mitglieder deutlich an, auf deren Basis der DAV seine Daten erhebt. Im vergangenen Jahr riss sie die Marke von einer Million.

Das allein als Ursache für die Unfall-Häufung auszumachen, hält man beim Alpenverein aber für falsch. Vielmehr sei es die Überforderung der Bergsportler, die zunehmend zu Notfällen und Rettungseinsätzen führe. Vor allem auf Klettersteigen sei das ein Problem, sagt Florian Hellberg, der beim DAV für die Sicherheitsforschung zuständig ist. Viele Kletterer, sagt er, unterschätzten die Schwierigkeit eines Steigs. Möglicherweise suggeriere auch die gute Ausrüstung eine Sicherheit, die sie nicht herstellen könne. Das Ergebnis dieser Selbst-Überschätzung ist dann oft eine „Blockierung“. Der Kletterer ist so erschöpft, dass er nicht mehr vor und nicht mehr zurück weiß und von Rettern geborgen werden muss.

Das Problem beobachtet der Alpenverein schon seit Jahren. Kletterer geraten inzwischen häufiger durch „Blockierung“ in Notlagen als durch Stürze. Die Bergwacht Bayern stellt ähnliches fest. Allein im Bereich Garmisch-Partenkirchen gab es in diesem Jahr schon vier Fälle, in denen Kletterer hilflos in der Wand hingen. „Das sind Leute, die einsteigen, es versuchen und plötzlich keine Kraft mehr haben“, sagt Bergwacht-Bereitschaftsleiter Andreas Dahlmeier.

Aber auch in anderen Disziplinen ist Überforderung immer häufiger Ursache für einen Rettungseinsatz, selbst Wanderer versteigen sich zunehmend – bis sie nicht mehr weiterwissen.

Gerade beim Wandern und Bergsteigen ist allerdings noch immer der Sturz die größte Gefahr. 2013 ging knapp die Hälfte aller Unfälle auf einen Sturz zurück. Auch in diesem Jahr reißen die Meldungen nicht ab. In den Berchtesgadener Alpen verunglückte unlängst der „Lindenstraßen“-Star Philipp Brammer tödlich. Gestern wurde bekannt, dass am Montag ein 68 Jahre alter Mann 70 Meter tief in den Tod stürzte. Laut Polizei hatten er und sein 25-jähriger Begleiter sich auf dem Gratweg am Nebelhorn in mehr als 2000 Metern Höhe verstiegen. Beim Abstieg verlor der 68-Jährige den Halt.

Trotzdem gilt Wandern als eine der sichersten Disziplinen im Bergsport. Zwar passierte dabei 2013 laut Statistik etwa ein Viertel aller Bergunfälle oder -notfälle. Außerdem waren die meisten Bergtoten Wanderer, nämlich zwölf. Das lässt sich allerdings relativ leicht mit der Tatsache erklären, dass diese Disziplin die meisten Menschen in die Berge lockt.

Erstmals wertete der Alpenverein in seiner Statistik auch die Unfälle in Kletterhallen aus. 31 Einrichtungen stellten ihre Daten zur Verfügung. Insgesamt gab es dort im vergangenen Jahr 161 Unfälle, etwa durch Fehler bei der Sicherung. Das Resultat waren meist Verletzungen an Armen oder Beinen. Dabei ist das Unfallrisiko unterm Strich relativ gering. Wer zwei Mal pro Woche je zwei Stunden in der Halle klettern geht, bräuchte statistisch gesehen hundert Jahre, um sich einmal zu verletzen. Top-Quote.

Auch im Hinblick auf die Bergtoten ist die Stimmung beim DAV weniger getrübt als man vermuten könnte. 36 ist nämlich noch immer der drittniedrigste Wert in der 61-jährigen Vereinsgeschichte.  

Von Marcus Mäckler

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