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Rückenschmerzen? In vielen Fällen ein Grund für eine Operation.

Aktuelle Studie zu Rückenproblemen

Immer mehr Rücken-OPs in Bayern: Das sagt der Experte

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München – In Bayern werden Patienten mit Rückenschmerzen eher operiert als in anderen Bundesländern. Das sagt eine aktuelle Studie. Woran liegt das? Wir haben mit einem Experten  gesprochen.

München

– Rückenschmerzen sind deutschlandweit immer häufiger der Grund für eine Operation – und Bayern gehört dabei zur Spitzengruppe. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung. Die Zahl der Eingriffe hat demnach bundesweit stark zugenommen: 2014/2015 gab es 772 000 Operationen wegen Rückenbeschwerden. 2007/2008 waren es nur 452 000: ein Plus von 71 Prozent.

Drei Eingriffe werden am häufigsten vorgenommen: Die Entfernung von knöchernen Anbauten am Wirbelkanal (Stenose), die Entfernung von Bandscheibengewebe und die Versteifung von Wirbelkörpern (Degenerative Listhese). Auch die Anzahl der Krankenhausaufenthalte wegen Erkrankungen der Wirbelsäule und des Rückens stieg bundesweit zwischen 2007 und 2015 um 34 Prozent.

In Bayern war 2014/2015 pro 100 000 Einwohner für 756 Menschen ein Krankenhausaufenthalt wegen Rückenerkrankungen nötig – das ist deutlich über dem Bundesdurchschnitt und beschert Bayern den siebten Platz in der Gesamtschau. Besonders Nieder- und Oberbayern liegen bei der Krankenhaushäufigkeit deutlich über dem deutschlandweiten Durchschnitt von 701 pro 100 000 Einwohnern. 

Interview: Das rät der Experte

Professor Bernhard Meyer

Professor Bernhard Meyer, der Direktor der Neurochirurgischen Klinik der TU München,erklärt die Ergebnisse der Studie.

Im Vergleich zu den anderen Bundesländern – warum wird in Bayern so viel operiert?

Professor Bernhard Meyer: Bayern ist ein relativ wohlhabendes Bundesland – das spiegelt sich in der Ärztedichte wider. Es gibt mehr Ärzte und damit auch mehr Menschen, die sich eine OP wünschen. Wenn es beispielsweise an einem Ort weniger Kardiologen gibt, dann wird es dort auch sicher weniger kardiologische Interventionen geben.

Entsprechen die Ergebnisse der Studie Ihren Erfahrungen?

Meyer: Was mich ein wenig stutzig macht, sind die Orte in der Peripherie, die die Zahlen in die Höhe treiben. Hätten Sie mich vor Erscheinen der Studie gefragt, ich hätte auf eine Konzentration an den üblichen Ballungszentren getippt. Das Ergebnis geht völlig gegen meine Intuition.

Wieso werden Ihrer Meinung nach so viele Eingriffe in kleineren Städten durchgeführt?

Meyer: Ich wundere mich sehr darüber und würde die Studie gern zum Anlass nehmen, mit meinen Kollegen von der Deutschen Wirbelsäulen Gesellschaft noch mal genau nachzuschauen.

Was ist die häufigste Erkrankung und was wird am häufigsten operiert?

Meyer: Die häufigste Erkrankung ist ein chronischer unspezifischer Kreuzschmerz. Das wird selten operiert. Bei 98 Prozent der Patienten gibt es gar keine Notwendigkeit zu operieren. Am häufigsten operiert werden Bandscheibenvorfälle, Stenosen und Listhesen.

Was macht diese Erkrankungen aus und wie äußern sie sich?

Meyer: Beim Bandscheibenvorfall tritt Knorpelgewebe aus und gelangt an einen Ort, wo es nicht hingehört. Im Spinalkanal kann es auf Nerven drücken. Ein Symptom ist ein starker und scharfer Schmerz im Bein. Bei 80 Prozent der Patienten geht der Schmerz von alleine weg. Nur bei 20 Prozent sollte man eine OP anbieten. Die Stenose entsteht durch natürlichen Verschleiß. Der Körper versucht, die Knochen zu stabilisieren, indem er Verknöcherungen um die Wirbelsäule anbaut. Diese Anbauten verengen den Spinalkanal und drücken auf die Nerven. Das passiert sehr langsam und meist ohne akute Beschwerden. Bei der sogenannten degenerativen Listhese gleiten die Wirbel aufeinander. Sie werden versteift, also mit Schrauben fixiert. Die Patienten haben ähnliche Symptome wie bei der Stenose und zusätzlich starke Rückenschmerzen.

Warum tendieren viele Ärzte in Bayern zu einer OP, statt mit konservativen Methoden zu behandeln?

Meyer: Das hat zwei Ursachen: Zum einen gibt es seit einer Studie von 2007 den Beweis, dass Patienten mit dieser Diagnose mit einer Operation besser dran sind als ohne. Außerdem werden heute auch deutlich ältere Patienten operiert. 80 ist das neue 60. Das war früher anders.

Operieren Ärzte zu schnell?

Meyer: Ich kann die Aussage, dass zu früh operiert wird, nicht unterschreiben – das kommt auf den Einzellfall an. Beim Bandscheibenvorfall kann man ruhig abwarten. Außer, wenn Lähmungserscheinungen auftreten. Viele Leute wollen operiert werden, weil sie einen hohen Leidensdruck haben.

Wie kann man diesen Verschleißerkrankungen vorbeugen?

Meyer: Einen echten Schutz davor gibt es nicht. Das ist in den Genen determiniert. Man kann allerdings einiges machen, damit es erst spät passiert: körperlich aktiv sein, Rad fahren, schwimmen und laufen. Wichtig ist, dass man mäßig und regelmäßig Sport treibt. Am besten täglich.

Interview: Vanessa Fonth

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