Schwimmlehrerin Carolin Wanninger mit einer Schwimmhilfe am Beckenrand
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Mit Haiflosse und Schwimmbrett: Schwimmlehrerin Carolin Wanninger hat aktuell viel zu tun.

Gutscheine falsches Signal?

Generation Nichtschwimmer: Jedes zweite Kind in Bayern kann nicht schwimmen - „Das Seepferdchen reicht nicht“

  • VonCornelia Schramm
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Fast jedes zweite Kind in Bayern kann nicht richtig schwimmen. Die Pandemie hat die Situation noch verschärft. Jetzt ist der Ansturm auf die Schwimmkurse groß. Und auch eine politische Debatte hat begonnen.

Wer die 25 Meter nicht hundertprozentig schafft, bekommt auch das Seepferdchen nicht. Da bleibt Schwimmlehrerin Carolin Wanninger streng. „Damit keiner leer ausgeht, gibt es bei uns auch das Seehund-Abzeichen, das zeigt, dass ein Kind bereits an Wasser gewöhnt ist.“ Im Warmbad in Fischbachau (Kreis Miesbach) gibt die 41-Jährige seit vier Wochen wieder Schwimmunterricht für Kinder. Vom Seehund- bis zum Deutschen Gold-Abzeichen. Endlich. Denn Bayerns Frei- und Hallenbäder waren wegen der Pandemie sieben Monate lang geschlossen. Nicht nur das Plantschen blieb auf der Strecke, auch der Unterricht. Und der kann im Ernstfall überlebenswichtig sein.

Immer wieder Badeunfälle in Bayern - Zwölfjährige in Freising gerettet

Immer wieder kam es in den vergangenen Wochen zu Badeunfällen mit Kindern. Zuletzt wurde eine Zwölfjährige in Freising in letzter Minute gerettet.* Sie war einfach ins Wasser gehüpft – obwohl sie eigentlich nicht schwimmen konnte (wir berichteten). „Die Schwimmfähigkeit der Kinder verschlechtert sich seit Jahren zusehends“, sagt Michael Förster von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Schon vor Corona konnten fast 40 Prozent der Zehnjährigen in Deutschland nicht sicher schwimmen. „Die Pandemie hat das weiter verschärft.“ Schon 2019 gab es lange Wartelisten für Schwimmkurse. Jetzt schätzt Förster, dass in Bayern aufgrund der geschlossenen Bäder rund 200 000 Kinder – also zwei ganze Drittklassjahrgänge – nicht schwimmen gelernt haben. Und noch immer haben viele Hallenbäder in der Region nicht geöffnet. Ist das Wetter schlecht, fallen die Kurse im Freibad aus. „Das ist fatal: Sollte eine vierte Welle kommen, staut sich das noch weiter auf“, sagt Förster.

Generation Nichtschwimmer - Schwimmlehrer unterrichten in kleineren Gruppen

Sofern das Wetter passt, zieht Schwimmlehrerin Wanninger also durch. Dass sie wegen den Abstandsregeln nur vier statt sechs Kinder unterrichten darf, macht es zusätzlich schwer. Acht Kurse für Kindergartenkinder betreut sie vormittags. In den Sommerferien sollen die Grundschüler zum Zug kommen. „Einige Kinder kommen auch wieder, weil sie das Schwimmen seit letztem Sommer wieder verlernt haben“, sagt sie. Zudem hat sie viele Anfragen von Eltern, die ihre Kinder für Kurse in Hallenbädern angemeldet hatten.

Eltern sind nun auch gefordert und sollten ihren Kindern beim Schwimmen lernen helfen.

Michael Förster, DLRG

Auch politisch wird über das Nichtschwimmer-Problem bereits diskutiert. Die SPD*-Landtagsfraktion forderte Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) auf, Lehrplanänderungen vorzunehmen. Der ausgefallene Schwimmunterricht müsse dringend nachgeholt werden. Auch die Grünen*-Fraktion forderte ein „Kompensationsangebot“ für Schüler und ein Konzept für Ferienkurse. Besonders für sozial benachteiligte Kinder. Die Staatsregierung hatte beschlossen, dass alle Grund- und Vorschulkinder nach den Ferien einen 50 Euro-Gutschein zum Erweb des „Seepferdchens“ bekommen. Förster sieht das kritisch. „Das Seepferdchen ist eigentlich ein Nicht-Schwimmerabzeichen und reicht absolut nicht aus“, sagt er. Auch der deutsche Schwimmlehrerverband hält diese Gutscheine für nicht sinnvoll. Sie seinen ein falsches Signal, Kinder mit diesem Abzeichen seien noch keine sicheren Schwimmer, betont Präsident Alexander Gallitz. Zudem müsste die Wassergewöhnung viel früher beginnen. Deshalb schlägt er Gutscheine für alle Kinder ab drei Jahren vor. Durch die Seepferdchen-Gutscheine fürchtet er außerdem einen noch stärkeren Ansturm auf die ohnehin knappen Plätze in den Schwimmkursen.

Auf welche Anzeichen man bei Kindern nach dem Schwimmen noch achten sollte, hat 24vita.de* zusammengefasst.

Generation Nichtschwimmer - DLRG will Eltern sensibilisieren

Die DLRG will auch die Eltern sensibilisieren. „In dieser besonderen Lage sind sie gefordert und sollten ihren Kindern auch selbst das Schwimmen beibringen“, sagt Förster. In einem Schwimmkurs könne das dann trainiert werden, die Kinder wären aber schon vorher im Wasser nicht ganz so hilflos.

Dafür plädiert auch Wanninger. „Man merkt, dass viele Kinder außerhalb des Kurses nicht trainieren. Das ist anders als früher“, sagt sie. Dabei sei es einfach. Nicht nur Arm- und Beinbewegungen können die Kinder mit Schwimmbrett oder Haiflosse im Beisein ihrer Eltern im Freibad oder See üben. Auch Hemmungen können abgebaut werden, wenn die Kinder möglichst oft gemeinsam mit den Eltern schwimmen. „Man muss Kinder auch mal anspritzen und aus dem Konzept bringen“, sagt Wanninger. Das schafft Sicherheit. *24vita.de und Merkur.de/bayern sind Angebote von IPPEN.MEDIA

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