Corona-Impfstoff wird transportiert.
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Beim Transport des Corona-Impfstoffs ist es in Bayern wohl zu einer Panne gekommen (Symbolbild).

„Zwei integrierte Getränkehalter“

Corona-Impfstoff in Bayern fahrlässig zerstört? Ministerium äußert sich zu scharfen Vorwürfen

  • Katarina Amtmann
    vonKatarina Amtmann
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Hat der Freistaat selbst Schuld an der Panne bei den Corona-Impfungen? Das bayerische Vorgehen wirft Fragen auf und hat bei Experten Entsetzen hervorgerufen.

  • Der Impfstart in Bayern lief nicht ohne Pannen ab.
  • Beim Transport der ersten Impfstoffe in Bayern kam es zu unerwarteten Problemen.
  • Jetzt hat sich das Gesundheitsministerium zu den Vorwürfen geäußert.

Update vom 6. Januar, 21.24 Uhr: Der Freistaat Bayern hat Corona-Impfstoffdosen mit Camping-Tiefkühlboxen transportiert (siehe die Erstmeldung weiter unten). Der Freistaat habe 305 elektrische Kühlboxen beschafft, so ein Sprecher des Bayerischen Gesundheitsministeriums am Mittwoch. 93 Boxen seien zum Einsatz gekommen. Wir berichteten im Text weiter unten über die Kühl-Boxen, die laut Hersteller eigentlich für Lebensmittel und Getränke gedacht sind. Anders als unter Berufung auf Spiegel-Informationen berichtet, nicht Ursache für das Verwerfen der Impf-Dosen.

Das Bayerische Gesundheitsministerium hat sich jetzt zu der Berichterstattung geäußert und gegenüber Merkur.de folgendes richtig gestellt: Die Kühl-Boxen seien demnach nur für den kurzen Transport zwischen Impfzentren und Alten- und Pflegeheimen gedacht. Der Impfstoff müsse dafür nach Angaben von Biontech nur bei zwei bis acht Grad gekühlt werden. Es gebe keine Vorschriften zu den Transportbehältnissen. Weiter heißt es, dass für den Transport der Impfstoffe von den Impfstofflagern zu den Impfzentren die Camping-Kühlboxen nicht vorgesehen sind. Dafür gebe es dem Gesundheitsministerium nach eine eigene Transport- und Kühltechnik, die ein Logistikdienstleister übernehme.

Die Aufteilung und den Transport am 26. und 28. Dezember, die Tage der ersten Lieferungen, habe der Dienstleister nicht übernehmen können. Deshalb seien die Camping-Kühlboxen „außerplanmäßig“ eingesetzt worden. Dabei sei es jedoch nicht zu Problemen bei der Kühlkette gekommen. Die Pannen beim Transport und der Kühlung des Impfstoffs in Oberfranken und Schwaben sind laut Ministerium durch Handhabungsfehler passiert. „Die Ursache liegt wahrscheinlich auch hier in individuellen Umständen des Transports,“ so das Gesundheitsministerium gegenüber Merkur.de.

Corona-Impfstoff in Bayern fahrlässig zerstört? Hunderte Dosen vernichtet - Fachbranche fassungslos: „Schon heftig“

Erstmeldung vom 6. Januar 2021

Kulmbach - Seit Ende Dezember wird in Bayern gegen das Coronavirus* geimpft, zuvor hatte der Biontech-Impfstoff die Zulassung erhalten. Überschattet wurde der Impfstart allerdings von einer Panne in Oberfranken und Schwaben. In zehn Landkreisen und kreisfreien Städten verzögerte sich das Impfen, weil es Probleme bei der Kühlung des Impfstoffs gegeben hatte.

Corona-Impfpanne in Bayern: Transport in „normalen Campingboxen“?

Messgeräte zeigten in Kulmbach und weiteren Landkreisen merkwürdige Temperaturen, wie der Spiegel berichtet. Sie haben vermutlich den erlaubten Temperaturbereich über- oder unterschritten. Ärzte und Landräte befürchteten unterbrochene Kühlketten und mögliche Schäden am Impfstoff*. Rund 1000 Dosen wurden deshalb nicht verimpft. Einige misstrauen den Kühlboxen, wie der Spiegel (Artikel hinter Bezahlschranke) berichtet.

„Wie normale Campingboxen“ hätten die Behältnisse mit ihren Bierdosenhaltern auf ihn gewirkt, wird ein zuständiger Versorgungsarzt in Oberfranken zitiert. Er habe laut dem Bericht Zweifel, ob diese Boxen überhaupt für den Transport geeignet seien. Mehr weiß der Arzt über die Kühlboxen nicht, denn sie werden zentral von der bayerischen Staatsregierung bereitgestellt - und das, wie der Spiegel berichtet, bayernweit und möglicherweise hundertfach.

Corona-Impfstoff: Bayern nutzt Boxen, die nicht für Arzneimitteltransport vorgesehen sind

Nach Recherchen des Magazins sind die vom Freistaat genutzten Boxen tatsächlich nicht für den Transport von Arzneimitteln geeignet - und schon gar nicht für den temperaturempfindlichen Impfstoff.* Biontech hat damit nichts zu tun, das Unternehmen übernimmt nur den Transport zu den 25 bundesweiten Verteilzentren. Die Bundesländer tragen danach die Verantwortung - auch für die Kühlung.

Für die Beschaffung der Boxen ist das Gesundheitsministerium unter Melanie Huml zuständig. Markus Söder hatte erst am Mittwoch (6. Januar) die Ablösung der Gesundheitsministerin verkündet. Die CSU-Ministerin wechselt in die Staatskanzlei, Klaus Holetschek soll ihren Posten übernehmen. Bereits Ende Dezember fragte der Spiegel im Gesundheitsministerium nach dem Hersteller und Modelltyp der Boxen, bekam darauf aber keine Antwort. Stattdessen begründeten die Behörden die ersten Pannen damit, dass die Messgeräte an der falschen Stelle angebracht worden seien.

Video: Verzögerung des Impfstarts in Oberfranken - Panne in der Kühlkette

Corona-Panne in Bayern: Impfstoff muss vernichtet werden

Doch es kam zu einer erneuten Panne. Der bereits ausgefallene Impfstoff* aus den oberfränkischen Landkreise wird beim Transport laut Anzeige des Messgeräts zeitweise gefroren. Damit wurden hunderte Dosen unbrauchbar und müssen vernichtet werden. Dazu äußerten sich die Behören nur vage, wie derSpiegel weiter schreibt: „Die Ursache liegt wahrscheinlich in individuellen Umständen des Transports.“ Eine erneute Anfrage des Magazins nach dem Hersteller der Box und dem Modelltyp ließen die Behörden wieder unbeantwortet.

Doch was für Boxen sind das nun? Wie der Spiegel schreibt, fanden Experten anhand von Fernsehbildern und Fotos heraus: Es kann sich nur um die „CoolFreeze CF 11“ des schwedischen Herstellers Dometic handeln. „Zwei integrierte Getränkehalter“, bewirbt die Firma das Modell auf der Website. Lebensmittel und Getränke können damit mobil gekühlt und gefroren werden. Vom Arzneimitteltransport ist keine Rede. Denn dafür ist die Box auch nicht gedacht: „Die Kühlbox eignet sich zum Kühlen von Lebensmitteln. […] Die Kühlbox ist für den Einsatz beim Camping geeignet“, heißt es in der Bedienungsanleitung unter dem Punkt „Bestimmungsgemäßer Gebrauch“. Und weiter: „Diese Kühlbox ist nur für den angegebenen Verwendungszweck und die Anwendung gemäß dieser Anleitung geeignet.“

Corona-Impfstoff in „Campingboxen“ transportiert? Hersteller äußert sich: „nicht geeignet“

Den Einsatz der Dometic-Box bestätigte das Gesundheitsministerium am Mittwoch auf eine dritte Anfrage des Spiegels. Ein Sprecher hält das für unproblematisch: „Ein zeitweise verwendetes Transportbehältnis trägt die Handelsbezeichnung „Dometic Coolfreeze CF 11 Medikamentenkühlbox‘“, schreibt er, „und wird im medizinischen Fachhandel explizit für den Transport kühlpflichtiger Arzneimittel ausgewiesen.“

Auf der Website praxisdienst.de wird dieses Behältnis tatsächlich als „Medikamentenkühlbox“ beworben. Allerdings steht auch dort in der Bedienungsanleitung, dass sie sich zum Kühlen und Tiefkühlen von Lebensmitteln eignet. „Dieses Produkt ist nicht für den Transport von Arzneimitteln kreiert worden“, stellte eine Dometic-Sprecherin dann auf Spiegel-Anfrage klar. „Der Hersteller übernimmt keine Haftung für Verletzungen oder Schäden am Produkt, die durch Folgendes entstehen: […] Verwendung für andere als die in der Anleitung beschriebenen Zwecke.“

Impfstofftransport in Campingboxen? Vorgehen Bayerns löst Entsetzen aus: „Schon heftig“

Das Vorgehen des Gesundheitsministeriums hat branchenweit Entsetzen ausgelöst. „In Bayern verwendet man offenbar Campingboxen für den Transport des Impfstoffs*. Und wie die vielen Bilder beweisen, werden sie ja offenbar verbreitet eingesetzt“, sagte beispielsweise Joachim Kuhn, Chef des Würzburger Unternehmens Va-Q-Tec. Dessen Kühlboxen werden seit Jahren weltweit für Impfstofftransporte eingesetzt, denn sie bieten eine hohe Temperaturstabilität. Und auch Nico Höler, CEO des Darmstädter Kühlboxen-Entwicklers Tec4med warnte: „Solche Boxen wie die von Dometic sollten im Arzneimitteltransport nicht zum Einsatz kommen.“

„Der Einsatz des Geräts hat mich sehr erstaunt. Wenn ich mit so einer Box bei einem Kunden auftauchen würde, dann wäre ich mein Geschäft los“, sagte Denis Look, Geschäftsführer der TSafe GmbH aus dem hessischen Eschborn. Die Firma hat sich auf die Beförderung temperaturempfindlicher Wirkstoffe für die Pharmaindustrie spezialisiert. Auch Christian Mohr vom rheinland-pfälzischen Logistikspezialisten BITO-Lagertechnik pflichtete den Aussagen laut Spiegel bei: „Wenn die Impfstoffe mit solchen Boxen transportiert werden, ist das schon heftig. Für diesen Transport von solchen Medikamenten gibt es geeignetere Lösungen.“

„Campingboxen“ für Corona-Impfstoff-Transport? Gesundheitsministerium äußert sich

Doch wie kam es nun zu dem Einsatz der „Campingboxen“? Normalerweise müssen Behältnisse für den Transport temperaturempfindlicher Arzneimittel validiert werden. Bevor ein Modell also erstmals zum Einsatz kommt, wird es laut Spiegel wochen- oder sogar monatelang geprüft. Das bayerische Gesundheitsministerium erklärte dazu, es „erfolgte eine fachliche Prüfung durch das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittel.“ Wie umfassend diese war und ob die entsprechenden Richtlinien befolgt wurden, ist dem Bericht zufolge unklar. (kam) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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