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Zusammen noch stärker: In dieser Deggendorfer Grundschule lernen Kinder mit und ohne Behinderung.

Trotz widriger Umstände 

Wo Inklusion gelingt

Regensburg - Menschenrechtler fordern sie, Politiker wollen sie, Schulen sollen sie einführen: die Inklusion behinderter Kinder in Regelschulen.

In Bayern ist das aber noch ein großes Experimentierfeld, für das wenig Geld und Personal bereitgestellt wird.

Bei Tobi und Andi hat’s geklappt. Die beiden Buben haben das Down-Syndrom – trotzdem gehen sie seit drei Jahren gemeinsam mit nicht behinderten Kindern in eine Klasse der Johann-Michael-Sailer-Grundschule in Barbing bei Regensburg. Andi lässt sich im Unterricht gerne von Mädels helfen, rechnen ist sein Ding, lesen nicht so. Bei Tobi ist’s genau anders herum. „Tobi und Andi schauen sich viel von ihren Klassenkameraden ab“, sagt Lehrerin Margarete Gatt-Bouchouareb. „Deshalb können sie mehr als andere Kinder mit Down-Syndrom in ihrem Alter.“

Die beiden Buben können lesen und schreiben, auch das Rechnen bis 100 fällt ihnen nicht schwer. Früher haben sich die Klassenkameraden zwar noch darüber lustig gemacht, wenn sie im Unterricht gerülpst oder geschrien haben. Jetzt fällt das niemandem mehr auf. Das gemeinsame Lernen ist normal geworden. Beide Seiten profitieren davon – auch die Kinder ohne Handicap. Sie lernen, Unterschiede zu akzeptieren und Schwächeren zu helfen.

Die Grundschule Johann-Michael-Sailer in Barbing ist eine von 125 Regelschulen mit dem Schulprofil Inklusion. Das heißt, dass hier behinderte Kinder in normale Klassen eingebunden sind. Grundlage dafür ist die UN-Behindertenrechts-Konvention von 2009, immer mehr Schulen setzen sie um. Laut Bayerns Kultusministerium gehen im Freistaat schon 25,7 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in eine Regelschule. Verglichen mit anderen Bundesländern befindet sich Bayern im unteren Mittelfeld.

„Soweit es die Ausrüstung erlaubt, können bei uns alle in die Schule gehen, egal ob ein Kind blind, taub, geistig oder körperlich behindert ist“, sagt Schulleiter Karl Appl. In seinen zehn Klassen hat er 17 Inklusionskinder, also Kinder mit Handicap. Für deren Förderung stehen wöchentlich 41 zusätzliche Lehrstunden zur Verfügung. Zwei Sonderpädagoginnen und eine Förderlehrerin kommen dann für bestimmte Stunden in die Klassen.

Zahlenmäßig gibt es für die Inklusionsklassen aber keine Obergrenze. „Letztes Jahr hatten wir in unseren ersten Klassen jeweils 28 Schüler“, sagt Appl. „Dabei waren in einer Klasse mehrere Kinder mit geistiger Behinderung.“ Da es aber nur zwei bis drei besondere Förderstunden für diese Inklusionskinder gab, sei die Klassenlehrerin die meiste Zeit alleine gewesen. „Da war sie wirklich am Ende ihrer Kräfte.“ In diesem Jahr habe sich das verbessert. Die Schülerzahlen stiegen so weit, dass die Klassen geteilt werden konnten.

Eine andere Variante der Inklusion hat die Förderschule St. Notker in Deggendorf gewählt. Die Schule hat schon seit vier Jahren eine Kooperation mit der Grundschule Theodor-Eckert. „Bei uns gibt es so genannte Partnerklassen. Das heißt, dass gehandicapte Kinder aus meiner Schule gemeinsam mit Kindern der Grundschule unterrichtet werden. Das funktioniert super“, sagt Schulleiterin Monika Herold-Walther. Seit zwei Jahren kommen die Grundschüler sogar in die Förderschule, um dort unterrichtet zu werden. Bisher gibt es laut Kultusministerium in ganz Bayern erst zehn Förderschulen mit Partnerklassen.

Die Kooperation mit der Grundschule bringt eine bessere Personalausstattung mit sich. In den Partnerklassen sind immer zwei Lehrkräfte, eine Grundschullehrerin und eine Förderschullehrerin. Dazu kommen Schulbegleiter für die behinderten Kinder und eine Kinderpflegerin.

Auch die nicht behinderten Kinder profitieren von dieser pädagogischen Betreuung. Yolanda Buske zum Beispiel. Sie war noch nicht fünf Jahre alt, als ihre Eltern sie einschulten. Geistig war sie schon weit, hatte aber im motorischen und sozialen Bereich noch Schwierigkeiten. „In der Inklusionsklasse wurde sie aber in diesen Bereichen besonders gefördert. Da ist einfach viel mehr Personal da, das sich individuell um die Kinder kümmern kann“, erzählt Mutter Sabine. Ihre Tochter habe sich schnell zu einer der begabtesten Schülerinnen entwickelt. Deshalb haben die Buskes auch ihren Sohn dort eingeschult.

Die Deggendorfer Zusammenarbeit entstand in einem Gespräch zwischen den Schulleiterinnen der Förderschule und der Grundschule. Vorbereitung auf ihre jetzige Arbeit habe es kaum gegeben, sagt Förderschul-Lehrerin Michaela Tutsch. Eine kurze theoretische Integrationswoche im Referendariat, zwei Tage Fortbildung bei einer Grundschullehrerin. Mit viel Abstimmung neben dem Unterricht und gemeinsamem Improvisieren bekommen die Lehrer den Spagat hin. Das geht aber nur, weil sie außergewöhnlich motiviert sind, sehr viel persönliche Zeit einbringen und gerne miteinander arbeiten.

Inklusion in Bayern, das bedeutet noch immer: Kampf um kleinere Klassen und Improvisation.

Julia Egleder

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