Die WG-Bewohner Stefan, David, Isabel und Annabella sitzen im Wohnzimmer und spielen Uno
+
Das gemeinsame WG-Hobby: Zum Uno-Spielen kommen die Bewohner mindestens einmal täglich zusammen. An diesem Nachmittag hat Isabel (2. von rechts) gegen Stefan, David und Annabella gewonnen.

Inkludo-Projekt in Dachau

Inklusions-WG: Bewohner mit und ohne Behinderung organisieren ihren Alltag gemeinsam - „Mehr Inklusion geht nicht“

  • Katrin Woitsch
    VonKatrin Woitsch
    schließen

In Dachau gibt es eine besondere Wohngemeinschaft. Fünf Menschen mit geistiger Behinderung leben mit vier Studenten zusammen. Sie unterstützen sich im Alltag, die Caritas finanziert das Inkludo-Projekt – und denkt bereits über weitere WGs dieser Art nach.

Isabel steht in der Küche ihrer WG. Auf dem Boden und auf der Arbeitsfläche liegen Linsen verstreut. Obwohl sie so vorsichtig die Tüte aufgeschnitten hatte, sind einige neben der Schüssel gelandet. Erschrocken hält sich Isabel die Hand vor den Mund. Dann sieht sie, dass ihre Mitbewohnerin Annabella lächelt – und lacht auch. In dieser WG darf eben auch mal was daneben gehen, hier gehören kleine Pannen genauso zum Alltag wie die gute Stimmung.

Isabel ist 22 und lebt mit einer geistigen Behinderung. Genau wie vier ihrer Mitbewohner. Die weiteren vier Mitglieder der WG sind Studenten oder Auszubildende. Alle neun wohnen gemeinsam in einem Haus mit Garten in Dachau, das die Caritas gekauft und aufgestockt hat. Die Studenten und Azubis wohnen mietfrei, helfen und assistieren ihren Mitbewohnern dafür ein wenig im Alltag. Für die fünf Bewohner mit Behinderung ist die WG eine Chance auf ein selbstständigeres Leben. Sie alle haben Jobs, alle übernehmen Aufgaben im WG-Alltag. Die Miete liegt für sie auf Sozialhilfeniveau, es sind monatlich 500 Euro. Außerdem zahlen alle Bewohner für Einkäufe in die WG-Kasse ein.

Küchendienst: Isabel kocht gemeinsam mit Annabella.

Der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising hat das Haus in Dachau 2017 gekauft. Isabel war eine der ersten Bewohner, die damals dort einzogen. Es dauerte nicht lange, bis sie sich an die Selbstständigkeit gewöhnt hatte. Denn das Zusammenleben ist so gut organisiert, dass sich auch die Bewohner mit kognitiven Einschränkungen zurecht finden. Für die Einkaufslisten gibt es Symbole – als Hilfe für alle, die sich mit dem Lesen schwer tun. Auch an den Schränken kleben kleine Bilder. Wer vergessen hat, wo die Tassen oder Teller stehen, findet sich zurecht. Im Eingangsbereich hängt ein Wochenplan. Dort können alle mit einem Blick erkennen, wer wann Dienst hat. Auch für das Wäschewaschen hat jeder Bewohner eine festgelegte Zeit. Über den Körben kleben Bilder, die helfen, die Wäsche richtig zu sortieren. Die Körbe sind mit Farben markiert – dazu passend kleben bunte Punkte bei den verschiedenen Waschgängen der Maschine.

„Das System funktioniert“, sagt Heilerziehungspflegerin Julia Fest, die gemeinsam mit einigen Caritas-Mitarbeitern die WG betreut. Es ist mehr eine Assistenz – die Caritas ist Besucher in der WG, den Alltag bestreiten die jungen Leute eigenverantwortlich. Für die Bewohner mit geistiger Behinderung kann das ein Zwischenschritt sein, um irgendwann allein wohnen zu können, erklärt der Einrichtungsleiter Patrick Atzler. Er begleitet die WG seit der ersten Stunde – und ist begeistert davon, wie gut sich dieses Projekt entwickelt. Schon jetzt denkt die Caritas über weitere Wohngemeinschaften dieser Art nach. „Mehr Inklusion geht nicht“, sagt Atzler. Er kommt regelmäßig zu Besuch. Manchmal auch einfach, um sich von der guten Laune anstecken zu lassen, verrät er. „Hier lade ich meine Akkus auf.“

Das mietfreie Wohnen allein reicht nicht als Motivation. Man muss sich wirklich auf diese Wohngemeinschaft einlassen wollen.

Annabella

Auch die 21-jährige Annabella wohnt gerne hier. Ein WG-Zimmer im Herzen Dachaus, dazu ein großer Garten – das hätte sich die Studentin nie leisten können. Das letzte Semester hatte sie noch bei ihren Eltern gelebt. Vorlesungen gab es nur online. Seit Mai lebt sie in der WG – und genießt es, endlich wieder Menschen um sich zu haben. „Es war leicht, hier meinen Platz zu finden“, erzählt sie. Auch beruflich könnte sie sich vorstellen, etwas im Bereich Inklusion zu machen. In der WG wohnten aber auch schon Studenten, die keine sozialen Fächer studiert haben. „Das mietfreie Wohnen allein reicht nicht als Motivation“, glaubt Annabella. „Man muss sich wirklich auf diese Wohngemeinschaft einlassen wollen.“

Nicht alle Bewohner haben sich mit dem WG-Alltag so leicht getan. Victoria zum Beispiel war zuerst gar nicht begeistert, als ihre Eltern ihr vorschlugen, dass sie dorthin ziehen könnte. Auch sie lebt mit einer geistigen Behinderung. Mit dem neuen Alltag hat sie sich nicht auf Anhieb leicht getan. Aber schließlich hat sie doch ihren Platz gefunden. Mitbewohner wie Isabel machen es Neuen sehr einfach. Sie freut sich über jeden, der in ihr Leben tritt und kommt mit jedem gut klar. Die Jungs schauen keine Horrorfilme, wenn sie dabei ist – weil sie wissen, dass sie solche Filme nicht mag. Isabel liebt dafür Pippi Langstrumpf – aber bis sie ihre männlichen Mitbewohner für Pippi-Videoabende begeistert hat, wird es wohl noch etwas dauern. Dafür haben alle WG-Bewohner ein gemeinsames Hobby: Uno spielen. Manchmal schaffen sie sogar morgens noch eine Kartenrunde, bevor alle in die Arbeit fahren. Sie haben ihren eigenen Rhythmus – es ist eben eine besondere WG.

Auch interessant

Kommentare