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Mitten im Mücken-Schwarm: Das Foto zeigt einen Mann, der bei seinem Spaziergang am See auf lauter stechende Blutsauger getroffen ist.

Eine Bazille soll jetzt helfen

Mückenplage: Umstrittenes Insektizid als Lösung?

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 München – Erst das Hochwasser, dann die Stechmücken. Durch die Flut könnten jetzt Mücken aus schon vor Jahren abgelegten Eiern schlüpfen. Nun soll ein umstrittenes Mittel in betroffenen Gebieten quasi flächendeckend versprüht werden.

Es war eine heiße Debatte, die letzte vor der Sommerpause. Stundenlang hat der Umweltausschuss des Landtags getagt. Ein Thema hatte es ganz besonders in sich, nämlich die Drucksache 16/17085. Ein Dringlichkeitsantrag der CSU – mit der durchaus drängenden Frage: Soll die Staatsregierung den Einsatz eines Anti-Mücken-Bazillus in den Hochwassergebieten erlauben – um eine unzumutbare Plage in den kommenden Wochen zu verhindern?

Die Antwort lautet: ja.

Dem Antrag stimmten jedenfalls – mit Ausnahme der Grünen – alle Fraktionen zu. „Menschenschutz geht vor Mückenschutz“, begründete das etwa Tobias Thalhammer, der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP, im Umweltausschuss. Und der CSU-Abgeordnete Klaus Steiner erklärte: „Man kann zwar die Population nicht verhindern, aber auf ein erträgliches Maß reduzieren.“ Auch SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen hatte keine Einwände, sie sprach von einer Notwendigkeit vor Ort – vorausgesetzt, das Bti werde ökologisch vertretbar eingesetzt.

Gefährliche Parasiten in deutschen Mücken gefunden

Die Grünen haben da ihre Zweifel. „Das ist doch längst gelaufen“, warnte der grüne Ausschussvorsitzende Christian Magerl. Er ist Biologe, er kennt sich aus. Und ja, er hat auch Verständnis für die Menschen. Er bekommt selbst mit, wie sie sich aufregen. Seine Familie schickt ihm sogar hin und wieder „Grüße aus Mücking“. Doch Magerl sagt eben auch: Die Mückenplage sei vielerorts schon da. Und da wirke der „Bacillus thuringiensis israelensis“, kurz „Bti“, eben nicht mehr.

"Die Mückenplage bekämpfen, das kann man momentan vergessen"

Tatsächlich sollte das Insektizid versprüht werden, solange die Larven noch fressen. Denn dieses Bakterium, das Eiweiß bildet, schädigt ihren Darm und lässt sie sterben, bevor sie sich zum Blutsauger entwickeln. „Gegen die erwachsenen Mücken kann Bti nichts mehr ausrichten“, sagte Andreas Rose dem Bayerischen Rundfunk. Er ist Biologe und Mückenforscher aus Regensburg. Und – ähnlich wie die Grünen – kein Anhänger davon, das Bti jetzt zur Allzweckwaffe zu erklären. „Die Mückenplage bekämpfen, das kann man momentan vergessen“, sagt er. „Wenn ich höre, dass jetzt flächendeckend Bti versprüht werden soll, würde ich erst mal nachgucken, ob überhaupt noch Larven in den Tümpeln sind.“

Mückenplage: Diese Mittel sind am besten

Nein, Rose bleibt dabei: So eine „chemische Keule“ mache einfach keinen Sinn. Sie sollte zwar wirken, aber ökologisch sei sie ein absoluter Blödsinn – weil dann alle anderen Insekten auch getötet würden. Und die Langzeitfolgen seien nicht absehbar.

Bedenken äußert auch der Bund Naturschutz: Mücken dienten vielen Tieren als Futter. Für Wasservögel und Fische seien Mücken – und ihre Larven – wichtige Nahrungsbestandteile.

Was bei Stechmücken Sinn oder Nicht-Sinn macht, da scheiden sich die Geister. Am Chiemsee machen sie schon seit 1997 „nur sehr gute Erfahrungen“ mit dem Insektizid. Das zumindest sagt Christina Pfaffinger, Tourismus-Chefin von Chiemsee-Alpenland, im Interview mit unserer Zeitung (siehe Artikel unten). Auch am Rhein wird das – auch dort umstrittene – Bti jedes Jahr eingesetzt. Flächendeckend, natürlich.

Problem: Die zweite Mücken-Generation steht in den Startlöchern

Nach der Flutkatastrophe schwirren inzwischen Unmengen an Mücken herum. Die Menschen aus den einstigen Katastrophengebieten müssen jetzt auch noch an dieser Front kämpfen. Denn das Hochwasser hat dazu beigetragen, dass Mücken aus schon vor Jahren abgelegten Eiern schlüpfen. „In Wäldern und Feuchtgebieten bilden sich Tümpel, die ideale Brutstätten für Stechmücken sind“, warnte erst vor gut zwei Wochen der Regensburger Mückenforscher Martin Geier. „Die Stechmücken, die jetzt so stark auftreten, sind sogenannte Überschwemmungsmücken.“ Die Eier hätten sich über eine lange Zeit angesammelt in Wiesen und Mulden. „Wenn diese überschwemmt werden, dann schlüpfen die Mücken aus.“

Doch die Mückenplage betreffe längst nicht mehr nur die Hochwassergebiete, sondern etwa auch die Seenlandschaften in Oberbayern. Die Mücken, die schon geschlüpft sind, könnten einige Wochen oder gar Monate alt werden, sagt Geier. Und das klingt ein bisschen wie eine Warnung.

Das Problem sei, dass nunmehr die zweite Generation in den Startlöchern stehe. „Wenn die Eier abgelegt werden, kann im Idealfall 10 bis 12 Tage später die nächste Generation ausschlüpfen.“ Im schlimmsten Fall komme nach wenigen Wochen noch einmal eine Überschwemmung und löse eine weitere Mückeninvasion aus. Ob es sich um eine besonders schlimme oder weniger dramatische Flut handelt, das sei dabei nicht so wichtig.

Eine Hiobsbotschaft.

Vermehrung nach dem Schneeballprinzip

Aber damit nicht genug. Erst kürzlich haben Hamburger Forscher gefährliche Parasiten in Stechmücken entdeckt – und das erstmals in Deutschland. Es handelt sich dabei um Larven des sogenannten Hundehautwurms. „Klimaveränderung und die Einfuhr infizierter Hunde aus Südeuropa können Ursachen für eine Etablierung dieses Parasiten sein, der bislang in Zentraleuropa nicht heimisch war“, teilte das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin prompt mit. In seltenen Fällen könnten auch Stechmücken die Infektion auf Menschen übertragen – und damit zum Beispiel eine Hirnhautentzündung auslösen.

Immerhin: Bisher seien keine Infektionen bekannt geworden, die hierzulande erworben wurden. Unwahrscheinlich also, dass sich die Menschen an den oberbayerischen Seen auch noch davor fürchten müssen.

Ob das Bti gegen die Mückenplage – vor allem in den ehemaligen Hochwasser-Gebieten – ausreichend hilft, das muss sich noch zeigen. Bereits Ende Juni sagte der Insektenexperte Professor Burkhard Schricker von der Freien Universität Berlin: „Erst zwei bis drei Wochen, nachdem die Überflutungsgebiete wieder trocken sind, wird dort auch die Zahl der Mücken langsam zurückgehen.“ Derzeit jedoch sei das Wasser „schön warm und nährstoffreich, so dass die Mückenweibchen massenhaft Eier ablegen, die sich schnell entwickeln“. Nach spätestens 14 Tagen schlüpfen neue Mücken, die sich wiederum prompt fortpflanzen – Vermehrung nach dem Schneeballprinzip. Und am allerschlimmsten ist: In den weitflächigen Überflutungsgebieten haben die Mückenlarven keinerlei Fressfeinde.

Von B. Nazarewska, U. Vogler, J. Ranniko und A. Barthélémy

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