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Es war eine Premiere im Landtag: Martin Neumeyer hat 100 jugendliche Flüchtlinge eingeladen, um ihnen zu erklären, wie der deutsche Rechtsstaat funktioniert.

Besuch mit dem Integrationsbeauftragten

Jugendliche Flüchtlinge im Landtag: Staunen über die Demokratie

München - Selten ist im Landtag so hemmungslos über Demokratie gestaunt worden wie gestern. Martin Neumeyer, der Integrationsbeauftragte der Staatsregierung, hat 100 jugendliche Flüchtlinge eingeladen. Die meisten von ihnen haben Meinungs- und Religionsfreiheit in ihrer Heimat nicht kennengelernt.

Ahmed hat lange auf diese Gelegenheit gewartet. Wenn er nachts nicht schlafen kann – und das ist fast jede Nacht so – dann geht dem 17-Jährigen immer wieder diese eine Frage durch den Kopf. Es ist ein Frage, auf die er allein keine Antwort findet. Und sie lässt ihm keine Ruhe, seit er vor drei Monaten allein von Libyen nach Deutschland geflüchtet ist. Heute bekommt er die Chance, sie zu stellen. An einem Ort, von dem er vor ein paar Tagen das erste Mal gehört hat: im Plenarsaal des Bayerischen Landtags.

Ahmed ist einer von rund 100 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus allen sieben Regierungsbezirken, die eine Einladung vom Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung bekommen haben. Martin Neumeyer (CSU) möchte mit den jungen Flüchtlingen ins Gespräch kommen. „Ich möchte erfahren, wer sie sind, was sie geprägt hat. Und was sie bewegt“, sagt er.

Ahmed ist einer der ersten, die sich trauen, eine Frage an den Politiker zu stellen, der so aufmunternd in die Runde lächelt. „Was ist der Schlüssel für eine Zukunft in Deutschland?“ fragt er auf Englisch. „Wie können wir uns integrieren?“ Die Dolmetscher übersetzen. Erst auf Deutsch, dann auf Arabisch und auf Syrisch. Hundert Jugendliche blicken Martin Neumeyer erwartungsvoll an, als er ans Rednerpult tritt. „Sprache und Bildung sind die beiden Schlüssel für eine Zukunft in Deutschland“, sagt er. „Sie sperren fast jedes Schloss auf.“

Auch die Landtags-Präsidentin Barbara Stamm nimmt sich Zeit für die jugendlichen Gäste. Sie möchte ihnen Mut machen. „Sie sind jetzt in einem sicheren und demokratischen Land“, sagt sie. „Jetzt liegt es an Ihnen, was Sie aus Ihrer Zukunft machen. Nutzen Sie alle Chancen und Möglichkeiten, die Ihnen hier geboten werden.“

Abu Bakar versucht das schon seit knapp einem Jahr. Damals ist der 17-Jährige aus Pakistan geflohen. Seitdem hat er seine Familie nicht mehr gesehen. Aber er hat Freunde gefunden, Deutsch gelernt. Er arbeitet jeden Tag an seiner Zukunft. Dieses Jahr will er einen Schulabschluss machen. Um dann eine Ausbildung zu beginnen. Auf den Besuch im Landtag hat er sich lange gefreut. Er hat heute sein bestes Jackett angezogen – dazu gibt es viel zu selten eine Gelegenheit in seinem Leben. „Es ist eine Ehre, hier zu sein“, sagt er. Zu sehen, wo und wie Demokratie funktioniert.

„Viele der Jugendlichen kommen aus autoritären Regimen, aus Bürgerkriegsländern oder Staaten, in denen Gewalt und korrupte Netzwerke mehr zählen als Leistung und Rechtschaffenheit“, sagt Martin Neumeyer. „Es ist wichtig, dass sie Werte wie Religions- und Meinungsfreiheit kennenlernen.“

Das ist allerdings nicht der einzige Grund, warum Neumeyer die Jugendlichen eingeladen hat. Der zweite Grund liegt ihm mindestens genauso sehr am Herzen. „Wir wollen den jungen Menschen zeigen, dass sie angekommen und ein Teil unserer Gesellschaft sind.“ Diese Botschaft kommt an. Das sieht Martin Neumeyer an den aufmerksamen Blicken, an den vielen Fragen. Die meisten Flüchtlinge wollen von ihm wissen, wie es für sie weitergeht. Wie groß die Chancen sind, dass ihre Familien nach Deutschland nachkommen können. Neumeyer will ihnen keine falschen Hoffnungen machen. Aber er schreibt sich viele Namen auf, verspricht bei Behörden nachzuhaken, Probleme zu klären. Er verteilt Buntstifte, Terminplaner, Schlüsselanhänger. Er ermuntert die Jugendlichen, ihn auf seiner Facebook-Seite zu kontaktieren, wenn sie Fragen an ihn haben.

Am Ende des Tages hat er keine Visitenkarten mehr in seiner Tasche – selten waren sie so gefragt wie heute. Martin Neumeyer hat den Landtag an diesem Nachmittag nachdenklich verlassen. Viele der Jugendlichen haben ihm beim Mittagessen von ihrer Flucht erzählt. Und von ihrem Leben in der Heimat. Von der Angst, die sie um ihre Familie haben. Ein 17-Jähriger aus Syrien hatte dabei Tränen in den Augen, erzählt Neumeyer. Helfen konnte er ihm nicht. Aber er gab ihm noch einmal den besten Rat, den er hat: Deutsch lernen, einen Schulabschluss machen. „Das Schloss ist da“, sagt Neumeyer. „Schlüsselinhaber sind die Jugendlichen selbst.“

Katrin Woitsch

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