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Eine enge Bindung hat Dagmar Mietner (links) zu ihrer körperlich und geistig behinderten Schwester Birgit.

Situation in Behindertenheimen

Angehörige berichtet: „Ich habe große Achtung vor den Pflegekräften“

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Bad Tölz/Herrsching – Dagmar Mietner hat eine jüngere Schwester, die seit der Geburt körperlich und geistig behindert ist und die sie eng begleitet. Im Interview spricht sie über ihren Eindruck aus den Pflegeeinrichtungen.

Die Diskussion um freiheitsbeschränkende Maßnahmen in Behinderteneinrichtungen hat die Tölzerin intensiv verfolgt. Sie sagt: „Die Betreuer dürfen nicht an den Pranger gestellt werden – sie leisten tolle Arbeit.“

Ihre jüngere Schwester ist seit ihrer Geburt körperlich und geistig behindert. Auf wie viel Hilfe ist sie im Alltag angewiesen?

Meine Schwester ist 52, geistig aber nicht mit einem gesunden Menschen zu vergleichen. Sie kann sich gut artikulieren. Birgit ist ständig auf einen Rollstuhl angewiesen. Seit zwei Jahren kümmere ich mich verstärkt um meine Schwester, bis dahin wurde sie von meinen Eltern betreut. Die gehen aber schon auf die 80 zu. Birgit lebt in einem Heim der Lebenshilfe in Starnberg. Einige Betreuer kennen sie seit ihrer Schulzeit. In den Ferien war sie aber fast immer daheim.

Die Entscheidung, sie in einem Heim betreuen zu lassen, ist Ihren Eltern damals vermutlich nicht leicht gefallen.

Ich denke, dass es sehr schwer war für meine Eltern. Zumal das in den 60er Jahren noch nicht alltäglich war. Aber sie wollten, dass meine Schwester gefördert wird und eine sinnvolle Beschäftigung hat.

Hätten Ihre Eltern es schaffen können, sie zu Hause zu pflegen?

Sie wären wohl an ihre Grenzen gekommen. Damals bekamen Familien noch nicht so viel Unterstützung wie heute. Es war ja schon schwer, überhaupt einen Platz in einem Heim zu bekommen. Wir haben in Herrsching im Kreis Starnberg gelebt, Birgit musste anfangs wochentags ins Spastiker-Zentrum nach München. Wir hatten kein Auto. Meine Schwester brauchte damals eine Spreizhose aus Gips. Mein Vater musste sie tragen, wenn er mit der Bahn gefahren ist. So was ist heute kaum noch vorstellbar. Die Situation hat sich für Behinderte und ihre Angehörige deutlich verbessert in den vergangenen Jahrzehnten.

Musste Ihre Familie damals mit einer Unterschrift freiheitseinschränkenden Maßnahmen zustimmen, als Ihre Schwester in das Heim kam?

Nein, aber es gab ein Gespräch. Wir haben selbst darum gebeten, dass sie ein Bettgitter bekommt. Sie ist zwar noch nie aus dem Bett gefallen, aber wir möchten auch nicht, dass es passiert. Außerdem kann sie ohne Hilfe sowieso nicht allein aufstehen – sie wird durch das Bettgitter also nicht eingeschränkt.

Wie intensiv werden Sie als Angehörige in die Betreuung ihrer Schwester miteinbezogen?

Ich bin regelmäßig dort. Wenn mir etwas nicht passt, spreche ich es an und bekomme eine Rückmeldung. Es gab auch häufig Gespräche darüber, welcher Förderbedarf erwünscht ist und in welchen Bereichen meine Schwester mehr Unterstützung braucht. Ich bin sehr gut einbezogen.

Sehen Sie Verbesserungsbedarf bei der Situation in den Heimen?

Die Pflegekräfte müssen so viel leisten – davor habe ich große Achtung. Es wäre eine enorme Entlastung, wenn es mehr Personal geben würde. Dann hätten die Betreuer für die Menschen mehr Zeit. Sie müssen dringend von der vielen Büroarbeit entlastet werden. Eigentlich bräuchte man dafür ein eigene Stelle. Viel Verbesserungspotenzial gibt es vor der Tür, nicht in den Heimen. Noch immer ist es keine Seltenheit, dass Behindertentoiletten im Keller sind. Oder dass es gar keine gibt. Was die Barrierefreiheit angeht, könnte noch viel passieren.

Interview: Katrin Woitsch

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