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Klare Ansage: Diese Frau zeigt ihre Einstellung bei einer Kundgebung von Salafisten - mit dem Slogan „Islam.ist.in“, der das Wort „Islamistin“ ergibt.

Salafismus und sein Einfluss auf Jugendliche

Islamismus-Berater im Interview: „Radikalisierung kann überall passieren“

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Die Beratungsstelle für Migration und Flüchtlinge hat allerhand zu tun. Im Interview verrät ihr Chef, woran sich radikale Tendenzen bei Jugendlichen ablesen lassen.

München - Immer wieder driften Jugendliche in die islamistische Szene ab. Angehörige und Lehrer sind dann oft ratlos. Die Radikalisierungs-Hotline des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist für sie und ihre Sorgen die zentrale Anlaufstelle. Florian Endres, Chef der BAMF-Beratungsstelle Radikalisierung in Nürnberg, erzählt, wie der Islamismus bei jungen Menschen für sich wirbt und wie sein Team dagegenhält.

Herr Endres, welche Tendenzen machen Sie beim Zulauf zur radikal-islamischen Szene aus?

Florian Endres: Wir beobachten, dass mehr jüngere Menschen und auch zunehmend Frauen in die islamistische Szene geraten. Das liegt vor allem daran, dass die Propaganda von salafistischen und auch dschihadistischen, gewaltbereiten Gruppen verstärkt auf junge Leute abzielt, besonders über Youtube-Videos oder WhatsApp-Kanäle. Die Ansprachen sind beispielsweise speziell auf Mädchen zugeschnitten.

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Wie nähert sich der radikale Islamismus jungen Frauen?

Endres: Solche salafistischen und islamistischen Kanäle behandeln oft ganz banale Themen wie Beauty-Tipps oder Kochrezepte, aber zwischendrin erscheinen plötzlich IS-Propagandavideos. Im Extremfall hat es der IS geschafft, Mädchen in Kriegsgebiete zu locken. Oftmals wird mit der Vorstellung geworben, wer einen IS-Kämpfer heiratet, gewinnt eine sofortige Eintrittskarte ins Paradies.

Sie sagen, die Zielgruppe des radikalen Islamismus wird immer jünger. Sogar von Grundschulkindern mit islamistischen Tendenzen ist die Rede.

Endres: Das sind Einzelfälle, in denen oftmals schon die Eltern Salafisten sind. Diese Weltsicht überträgt sich auf die Kinder. Beunruhigend ist: Wenn man sich die salafistische Szene ansieht - mit rund 10.300 Akteuren anhängerstärkste islamistische Strömung in Deutschland -, gab es in den vergangenen Monaten drei prominente Anschlagsversuche von Jugendlichen, die unter 16 Jahre alt waren. Minderjährige, die bereit sind, Terroranschläge zu verüben - das ist die schlimmste Vorstellung.

Florian Endres, Beratungsstelle Radikalisierung.

Sind Ihnen Fälle gewaltbereiter Jugendlicher in Bayern bekannt?

Endres: 

Radikalisierung kann überall passieren - vermehrt kommen die Anrufe bei unserer Hotline aber aus den Ballungsgebieten in Nordrhein-Westfalen oder Hessen. Oder auch aus den Stadtstaaten. Natürlich sind unter den Anrufern aber auch Betroffene aus Bayern, die wir gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern betreuen.

Wie?

Endres: 

Unsere Strategie ist, dass wir über das soziale Umfeld an radikalisierte Personen herangehen. Bei so extremen Fällen müssen wir aber umdenken und sehr stark mit Jugendämtern und Schulen zusammenarbeiten, die auch Möglichkeiten haben, einzugreifen.

Sind das auch die Stellen, über die Sie auf radikalisierte Jugendliche aufmerksam werden?

Endres: 

Die meisten Anrufer bei unserer Radikalisierungs-Hotline kommen aus der Familie, insbesondere sind es die Mütter. Aber auch Lehrer oder Jugendamtsmitarbeiter melden sich.

Was erzählen Ihnen die Anrufer?

Endres: 

Ein Beispiel: Eine Mutter beobachtet, dass ihr Sohn sich stark zurückzieht. Einige Monate zuvor ist er zum Islam konvertiert - was sie zunächst positiv sah, weil er durch die Religion eine neue Perspektive im Leben hatte. Und dann bekommt sie zufällig mit, dass er sich Kampfvideos im Internet anschaut, die mit dem Islam nicht mehr viel zu tun haben.

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Gibt es den typischen Radikalisierungsfall?

Endres: 

Jeder Fall verläuft individuell. Aber wir erkennen Muster: Brüche in der Biografie, Schicksalsschläge, empfundene Unmut. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Salafismus ist kein Flüchtlingsthema. Die kann es treffen, weil sie Traumata und Krisen mitbringen, die sie anfällig machen. Aber das Thema Radikalisierung muss man gesamtgesellschaftlich betrachten. Die Personen, die für salafistische Inhalte leicht ansprechbar sind, sind sehr oft religiöse Analphabeten aus Familien, in denen der Islam oder Religion zuvor keine große Rolle gespielt hat. Der Salafismus zeigt vermeintliche Lösungswege für ihre Probleme auf und wird zur Ersatzfamilie.

...und diese Bindung wird so stark, dass junge Menschen für ihren Glauben in den Krieg ziehen.

Endres: Ein Radikalisierungsprozess endet nicht unbedingt mit einer Ausreise Richtung Syrien oder Irak oder damit, dass die Leute gewaltbereit werden. Sicherlich gibt es solche, aber es gibt auch Akteure, die mit Gewalt nichts zu tun haben, aber ihre extremistische Weltsicht verbreiten, oder welche, die für sich leben.

Sind viele der Hotline-Anrufe Fehlalarme?

Endres: 

Selten. Wir haben seit 2012 rund 3800 Anrufe entgegengenommen. Hysterie ist fast nie erkennbar. Ganz selten kommen die Anrufer islamkritisch oder islamfeindlich rüber. Viele Eltern kommen mit inhaltlichen Fragen zu Salafismus und Islam zu uns. Da setzen wir auch an: Unsere Kooperationspartner von der Beratungsstelle Bayern gehen in die Familien und leisten Aufklärungsarbeit. Sie versuchen auch, das Verhalten des Jugendlichen einzuordnen und entsprechende Deradikalisierungsmaßnahmen einzuleiten.

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Sind radikalisierte Jugendliche überhaupt noch für Sie erreichbar?

Endres: 

Auf jeden Fall. Im direkten Gespräch oder oft noch besser indirekt über Verwandtschaft und Bekanntenkreis können die Berater auf die Jugendlichen einwirken. Es gibt immer wieder Phasen des Hinterfragens und des Zweifelns. Die werden aufgegriffen. Das kann in einer sehr frühen Phase sein, aber selbst aus Syrien heraus haben Jugendliche, die scheinbar völlig radikalisiert und aufseiten des IS aktiv waren, Kontakt zu ihren Eltern aufgenommen. Unsere Berater unterstützen die Angehörigen bei dieser Kommunikation.

Mit Erfolg?

Endres: 

Uns ist es mehrfach gelungen, Leute wieder nach Hause zu holen und zu deradikalisieren - bis zum völligen Ausstieg aus der Szene. Natürlich müssen sie sich auch ihrem Strafverfahren stellen, aber letztendlich haben sie wieder eine neue Perspektive.

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Der Islamische Staat in Syrien steht vor dem Zusammenbruch, viele IS-Kämpfer fliehen. Steht uns die Rückkehr radikalisierter deutscher Staatsbürger aus dem IS bevor?

Endres: 

Die Rückkehrer beschäftigen die Behörden europaweit und auch unsere Beratungsnetzwerk ist dabei, sich für das Thema aufzustellen. Die Rückkehrer-Fälle müssen wir uns im Einzelnen anschauen: Ist ein Deradikalisierungspotenzial erkennbar und wie werden weitere Akteure wie Sicherheitsbehörden eingebunden? In einigen uns bekannten Fällen wurden schon die Eltern des ausgereisten Jugendlichen betreut und es ist ein Ausstiegswille erkennbar.

Interview: Josef Ametsbichler

Die Hotline der Beratungsstelle Radikalisierung ist Montag bis Freitag jeweils von 9 bis 15 Uhr erreichbar: 0911/943 43 43

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