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Reinhard Gehlen (1902-1979) war im Zweiten Weltkrieg Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost im Generalstab des Heeres.

Interview mit Historiker Rolf-Dieter Müller

Der geheimnisumwitterte BND-Chef Reinhard Gehlen

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Ein Gespräch mit Historiker Rolf-Dieter Müller über Pleiten, Pech und Pannen – aber auch unbekannte Erfolge des legendären Geheimdienstmannes Reinhard Gehlen.

München - Der Historiker Rolf-Dieter Müller (69) ist Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission, die die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes erforscht. Nun hat Müller eine 1300 Seiten starke Biografie über den ersten BND-Chef Reinhard Gehlen vorgelegt.

Der BND war geheimnisumwittert, Gehlen galt als legendäre Figur. Wie bewerten Sie ihn?

Rolf-Dieter Müller: Mir lag daran, nicht wie üblich allein Fehlleistungen des Dienstes herauszustellen, sondern Gehlen auch mit seinen positiven Leistungen gerecht zu werden. Er galt in der Öffentlichkeit bis zu seinem Tod immerhin als anerkannter Fachmann. Manche bezeichneten ihn als größten Spion des 20. Jahrhunderts. Das ist Teil der vielen Legenden, die er von sich verbreitete. Heute bricht dieses Trugbild zusammen. Es gab intern von Anfang an berechtigte Kritik. Adenauer polterte 1963: Gehlen sei ein „Dummkopf“. Doch das ist nur eine Seite seiner Persönlichkeit. Sicher ist, dass er in der Spätphase seinen öffentlichen Ruf durch den Kampf gegen die neue Ostpolitik Brandts endgültig ruinierte.

Wie lebte Gehlen im kleinen Berg am Starnberger See?

Müller: Biedermeierlich und lange Zeit inkognito. An sein großes Vorbild Admiral Canaris, Geheimdienstchef der Wehrmacht, reichte er nicht heran. Es gab lange Zeit nicht einmal ein Foto vom ersten BND-Präsidenten. Seine Kinder mussten in der Schule eine Legende erzählen, da war er sehr phantasievoll. Gehlen hat sein Geheimdienstdasein inszeniert. Da kam es zu lächerlichen Begebenheiten, etwa wenn er einen Besucher abholte, plötzlich in einen Waldweg abbiegen ließ und eigenhändig das Nummernschild wechselte – um mögliche Verfolger zu irritieren.

Ab 1946 gründete Gehlen im Auftrag der CIA die „Organisation Gehlen“ als Nachrichtendienst, die sich 1947 in Pullach ansiedelte (im Foto die Präsidentenvilla). 1956 ging die nun mehrere tausend Mitarbeiter zählende Organisation im neu gegründeten Bundesnachrichtendienst auf. Gehlen fungierte bis 1968 als Präsident.

War er vom Sinn seiner Heimlichtuerei überzeugt oder war das Masche?

Müller: Am Anfang war das pure Notwendigkeit. Solange er Chef einer amerikanischen Hilfstruppe im Dienste der CIA war, musste er sich tarnen, als Dr. Schneider und mit vielen anderen Decknamen. Verschleierung war Alltagsgeschäft, aber vieles mehr Schein als Sein. Er hat den Nimbus gepflegt, der beste Kenner der Roten Armee und Russlands zu sein, obwohl er kein Wort Russisch verstand. Sein Ehrgeiz war es, der einzige nachrichtendienstliche Berater von Bundeskanzler Adenauer zu werden. Dazu wollte er alle Nachrichtendienste unter einem Dach zusammenführen. Das ist nur zum Teil gelungen. Die Alliierten duldeten eine solche Machtzusammenballung nicht.

Der BND wird oft als Versagerorganisation geschildert, er habe etwa den Mauerbau 1961 nicht vorausgesehen. Was aber sind die Leistungen?

Müller: Jeder Geheimdienst hat Pleiten, Pech und Pannen aufzuweisen, selbst der KGB, der den Untergang des Sowjetimperiums verschlafen hat, bis KGB-Mann Putin selbst die Macht ergriffen hat. Die Einschätzung des eigenen Geheimdienstes ist in deutschen Medien besonders kritisch. Man darf aber nicht vergessen, dass das früher anders war. Bis in die 1970er-Jahre hinein gab es in der Öffentlichkeit ein größeres Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des BND. Das allein war schon ein großer Erfolg. Gehlen hat im Kalten Krieg mit seiner Truppe einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit des Westens geleistet. Der Gegner konnte sich nicht darauf verlassen, dass ein geheimer Aufmarsch unentdeckt bleiben würde.

Dabei konnte Gehlen nie eine Spitzenquelle im Ostblock anzapfen.

Müller: Dass Gehlen keine Mata Hari im Bett von Stalin platzieren konnte, kann man ihm schlecht anlasten. Das gelang auch der CIA nicht. Insofern musste er sich auf das fleißige Sammeln von drittklassigen Nachrichten beschränken. Notfalls wurde etwas aus der „Neuen Zürcher Zeitung“ zurechtgeschustert, in geheimnisvolle Worte gefasst und geschickt interpretiert. Gehlen war Generalstäbler, ein Meister der Analyse von Lagebildern, aber kein Stratege, etwa beim realistischen Erfassen zukünftiger bedrohlicher Situationen, auf die es ja beim BND auch ankam. Als Politiker war der Ex-General nur bedingt lernfähig und starrsinnig in seinen Feindbildern.

Gibt es besondere Leistungen Gehlens?

Müller: Gehlen sorgte dafür, dass in den frühen 50er Jahren die Planung der Bundeswehr wesentlich von Pullach und mit amerikanischen Geldern gesteuert werden konnte. Sein Dienst wurde zu einem Reserve-Generalstab für den Notfall und zum Parkplatz für die künftige Bundeswehrführung. Gehlen hat sich außerdem sehr stark engagiert, um die Soldatenverbände an Adenauers Westkurs zu binden, sodass wir nicht diese Freikorps-Erscheinungen wie in der Weimarer Republik hatten.

Wie das?

Müller: Er schleuste seine Leute in diese Gruppen und sorgte dafür, dass radikale Positionen an den Rand gedrängt wurden. Gehlen wehrte sich auch gegen Vorstellungen auf amerikanischer Seite, Sabotagetrupps ehemaliger Hitlerjungen aufzustellen und im Kriegsfall einen Partisanenkrieg zu entfachen. Er sagte, einen Aufstand in der Bevölkerung zu fördern macht nur Sinn, wenn die Befreiung unmittelbar bevorsteht.

„Er war Anhänger eines autoritären Machtstaates“

War er Nationalist?

Müller: Nicht wirklich. Er war Anhänger eines autoritären Machtstaates. Die amerikanische Demokratie und Kultur hat er nie sonderlich geschätzt, wohl aber die USA als Supermacht. Gehlen hat sehr früh begriffen, dass die europäische Integration wichtig ist, und setzte sich für deutsch-französische Beziehungen ein. Und er suchte die Kontakte zu Israel. Er schätzte die Rolle Israels im Mittleren Osten und dessen militärische Leistungsfähigkeit. Er war kein Antisemit und respektierte, dass die Kooperation der anderen Seite einige Überwindung gekostet haben muss. Sowohl Israel als auch die Araber merkten, dass Gehlen eine gewisse Unabhängigkeit hatte sowohl gegenüber den ehemaligen Kolonialmächten als auch gegenüber den damals schon dominanten USA. Auf diese Weise ist die Vertrauensstellung des BND im Nahostkonflikt entstanden, die er heute noch hat.

Warum aber bekümmerten ihn die vielen Nazis im BND nicht?

Müller: Gehlen musste sich oft rechtfertigen. 1958 sagte ihm Adenauer auf den Kopf zu, er habe früher der Verwendung dieser „Spezialisten“ zugestimmt – wer sollte denn Kommunisten jagen, wenn nicht die ehemaligen Gestapoleute, die sich damit auskannten. Aber er sei doch der Ansicht gewesen, dass das nur vorübergehend sei. Gehlen erwiderte, bei ihm im BND gebe es weniger Gestapoleute als bei der bayerischen Landespolizei. Für Gehlen war das einfach kein brennendes Problem, ihm nutzte da auch ein breiter Konsens in der frühen Bundesrepublik, dass jeder eine zweite Chance verdiente – auch der ehemalige Nazi, sofern ihm keine Verbrechen nachgewiesen werden konnte. Aber wer konnte und wollte das damals so genau wissen? Viele politisch Belastete wurden außerhalb der Zentrale in Pullach verwendet. Hier und auf den Schlüsselposten des BND regierten seine ehemaligen Generalstabsoffiziere. Ein schlechtes Gewissen hatte er deswegen nicht.

Gehlen wurde schon in den 70er Jahren Nepotismus angelastet. War er korrupt?

Müller: Nein, nicht im eigentlichen Sinn des Wortes. Gehlen brachte zahllose Familienangehörige entgegen aller beamtenrechtlichen Vorschriften im Dienst unter, dazu unzählige ehemalige Kriegskameraden. Das war eine abenteuerliche Personalpolitik. Da steckte im Kern aber ein besonderer Familiensinn dahinter, der übrigens bis heute in der Familie Gehlen nachspürbar ist.

Gibt es etwas, was Sie bei Ihren Forschungen erschüttert hat?

Müller: Gehlen pflegte zu sagen: Spionage ist ein schmutziges Geschäft, das man nur als Gentleman betreiben kann. An diesem Maßstab muss er sich messen lassen – und da fällt er durch. Es war nicht vieles gentlemanlike an Gehlen, angefangen von der jahrelangen Affäre mit seiner Sekretärin bis hin zum Hintergehen seines Dienstherrn. Mich hat erschüttert, dass Gehlen 1956 angesichts einer möglichen Regierungsübernahme der SPD versuchte, mit den Amerikanern zu konspirieren. Das ging in Richtung Staatsstreich gegen eine gewählte Regierung. Zeitweise spionierte er auch im Auftrag der Amerikaner Adenauer und seine Umgebung aus, um herauszufinden, welche Kräfte den Kanzler kritisch gegenüber Washington beeinflussten. Hier überschritt Gehlen auch nach den damaligen Maßstäben der Zeit eine Grenze.

Buchhinweis: Rolf-Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. Ch. Links Verlag, 98 Euro

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