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Schon gewusst? Rotzmuggen sind Sommersprossen. Alle weiteren Begriffe werden unten erklärt.

Am Sonntag ist Tag der Muttersprache

"Der Dialekt verschwindet rasant"

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München - Hat der Dialekt in der Zeit von Smartphones und globalen Medien noch eine Chance? Zum Tag der Muttersprache fragten wir bei Sepp Obermeier nach, dem Chef des Bunds Bairische Sprache.

Sepp Obermeier (59) aus Konzell ist Vorsitzender des Bunds Bairische Sprache. Er fürchtet, dass der Dialekt nur mehr schwer zu retten ist.

Herr Obermeier, vor Jahren gab es eine BR-Umfrage zum liebsten bayerischen Wort. Das Wörtchen fei war es. Was ist ihr liebstes Wort?

Eigentlich habe ich bewusst keines, weil man mit der ständigen Suche nach dem liebsten bairischen Wort unser Idiom unbewusst in eine museale Ecke drängt. Eine Sprache kann nur überleben, wenn sie täglich vernommen und ganz selbstverständlich gesprochen wird – und da ist mir jedes Wort gleich lieb.

Ach kommen Sie, einige Lieblings-Wendungen werden Sie doch haben?

Na ja. Als Bayerwaldler ist mir das Wort „oi“ mit seinen nasalierten Varianten und Bedeutungen am liebsten. „Oi“ ist ein Paradebeispiel, wie wir mit der Sprache virtuos umgehen, sämtliche Nasen- und Stirnnebenhöhlen als Klangkörper nutzen und dem Einsilber sprachökonomisch durch verschiedene Öffnungsgrade und Nasalierungen mehrere Bedeutungen geben können.

Was bedeutet das?

Sepp Obermeier ist Vorsitzender des Bunds Bairische Sprache.

So lässt sich ein standarddeutscher Beispielsatz mit 19 Silben in den Dialekt mit nur neun Silben und einer Sprachmelodie, die an eine Mischung aus Französisch und Portugiesisch erinnert, wortgetreu übersetzen. Zum Beispiel: Einige gehen hinauf, einige hinaus und einige hinunter! Wir Niederbayern sagen da einfach: Ooi gengand oi, ooi eu und ooi ooui!

So was wird man beim BR jetzt nicht mehr hören. Ist die Entscheidung, die Volksmusik aus Bayern 1 zu verbannen, ein Rückschlag auch für Bestrebungen, die bayerischen Dialekte wieder stärker zu fördern?

Der Rückschlag kam, ohne dass das damals auch nur ein mediales Lüfterl erzeugt hätte, schon vor acht Jahren. Damals hat der BR 30 ehrenamtlichen Moderatoren, die die einstündige Volksmusiksendung im BR immer ankündigten, auf einem Schlag gekündigt – mit der Begründung, dass sie Mundart sprechen.

Und die jetzige Entscheidung?

Das betrifft die Mundart gar nicht mehr. Bis auf ganz wenige Moderatoren, Markus Tremmel und Dieter Wieland, war die Sendung fast dialektfrei.

Aber Volksmusik steht ja auch für etwas, für die Betonung von Heimat und Sprache.

Der BR ist mit seinem jetzigen Intendanten auf der falschen Schiene. Dessen Vor-Vorgänger Albert Scharf hat einmal sinngemäß gesagt: Dass man sich auf der Autobahn schon auf bayerischem Boden befindet, muss man im Autoradio an der Sprache der BR-Sprecher erkennen.

Und das ist heute nicht mehr der Fall?

Nein.

-Generell heißt es ja, es werde immer weniger Dialekt gesprochen. Ist das auch Ihr Eindruck?

Mein Eindruck ist geteilt. Seit zehn Jahren gibt es eine kleine sprachgeschichtliche Revolution. In den sozialen Netzwerken ist Bairisch Kult, da merkt man ein neues dialektales Selbstbewusstsein. Bairisch ist in Whatsapp einfach kürzer. Aus „Haben sie Dir das gegeben?“ wird beispielsweise „Hams da des gem?“!

Aber?

Aber angefangen bei den Kindergärten gibt es wenig Hoffnung, dass die Jugend mit dem Dialekt aufwachsen wird. Gerade haben 15 Schüler am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham die Verbreitung des Dialekts in W-Seminararbeiten untersucht. Eine Arbeit ermittelte in einem Kindergarten an der tschechischen Grenze noch 48 Prozent vorschulische Dialektsprecher, 35 Prozent waren es noch fünf Kilometer vor Cham und in einer Kindertagesstätte in Cham selbst gab es nur noch ganze sechs Prozent Kinder mit nordbairischer Sprachprägung. Sechs Prozent! Der Dialekt verschwindet rasant. Mit diesem Tempo kann nicht einmal der Klimawandel mithalten.

Cham ist keine Großstadt. Wie erklären Sie sich, dass selbst dort der Dialekt schwindet?

Wenn die Muttersprache von der Mutter nicht weitergegeben wird, oder aber im Kindergarten ausgetrieben wird, dann verschwindet das. Das Zeitfenster bis zum zehnten Lebensjahr ist wichtig, bis dahin ist ein Kind offen, sich den Dialekt authentisch und akzentfrei anzueignen. In Regensburg hat ein promovierter Rechtsanwalt den Bund Bairische Sprache um Unterstützung gebeten, weil sein Kind im Kindergarten den Dialekt abgelegt hat.

Sind also die Kindergärten schuld?

Nein, die Sache ist komplizierter. Das ist kein böser Wille der Erzieher. Wenn dialektsprechende Kinder in einer Gruppe in der absoluten Minderheit sind, nehmen sie die Sprachgewohnheiten der Mehrheit an.

Reflexartig erfolgt dann der Hilferuf an die Politik. Aber die bayerische Staatsregierung kann doch Sprache nicht verordnen.

Natürlich nicht. Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen. 2012 habe ich die damalige Sozialministerin Christine Haderthauer aufgefordert, den bayernweiten Sprachentwicklungsbogen „Seldak“ auszuwerten. Es gab dort eine Frage 9a): Spricht das Kind meist oder immer Dialekt? Es kam keine Reaktion. Sozialministerin Emilia Müller könnte jetzt die Auswertung veranlassen. Dann hätten wir eine Dialektkompetenz-Sprachkarte, dann könnten wir ansetzen.

Wahrscheinlich gäbe es ein niederschmetterndes Ergebnis. Fällt Ihnen denn eine Gegenmaßnahme ein?

Ja. Man könnte zum Beispiel gezielt dialektsprechende Kindergartengruppen bilden, Gruppen also, in denen Dialektsprecher in der Mehrheit sind. Dann würden sich auch Migrantenkinder bairische Dialekte aneignen.

Sollte in der Schule Dialekt Pflicht werden?

Das nicht. Aber Lehrer sollten schon ermuntert werden, den Dialekt im Unterricht zu behandeln. In der Mittelstufe am Gymnasium ist das sogar im Lehrplan verankert. Hier muss man das Kultusministerium für seine Neuauflage der Schrift „Dialekte in Bayern. Handreichung für den Unterricht“ loben. Da kann sich jeder Lehrer bedienen.

Hätten Sie alle Begriffe gekannt?

Hier die Auflösung der bairischen Begriffe aus unserer Grafik. Schreibweise, Aussprache und auch Bedeutung der Wörter können in den verschiedenen Regionen Bayerns variieren.

aufbrezeln: sich auffällig schminken und kleiden

aufgantern: Baumstämme auf einen Stapel legen

Bigauderer:  Truthahn

Butzkühe: Fichtenzapfen, je nach Region auch Butzelkühe, Buttelkühe oder Butzenkühe genannt

Deandl: Mädchen

fei:  beliebtes Füllwort, kann etwa „bestimmt“, „gewiss“, „wirklich“ oder „aber“ bedeuten

fuchsdeifeswuid: sehr wütend

glumpad: nutzlos, minderwertig

gschamig: verschämt

Gschwoischädl: abfällige Bezeichnung für einen aufdringlichen Zeitgenossen

Howeschoatn: Sägespäne

Irxnschmoiz: Muskelkraft, Kraft in den Achseln

Lätschnbene: ein missmutig dreinblickender Mensch

Mongtrazerl: kleiner Happen, Vorspeise

Potacken: Kartoffeln

Rotzmuggen: in Teilen Mittelfrankens und Schwabens verwendeter Begriff für Sommersprossen

Schnaderhupferl: kurzes, meist vierzeiliges Lied, das häufig mit einem Jodler verknüpft ist

Staunzn: niederbairisch und oberpfälzisch für Stechmücke

Zwackerl: niedliches Kleinkind, manchmal auch ein nettes Tierbaby

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