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Aufräumarbeiten nach Flut in Simbach

Interview

Unwetter in Bayern: "Schäden lassen sich künftig minimieren"

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München – Allein in Niederbayern hat die Flut einen Milliarden-Schaden angerichtet. Der Fassungslosigkeit müssen aber bald Taten folgen, fordert der Experte Professor Wolfgang Günthert von der Bundeswehr-Universität Neubiberg. 

Professor Wolfgang Günthert, 67, hat erst kürzlich eine Studie zu Sturzfluten veröffentlicht. Laut ihm lassen sich Schäden künftig minimieren. Merkur-Redakteur Marcus Mäckler hat mit ihm gesprochen. 

Herr Günthert, Sie sagen, 50 Prozent der Überflutungsschäden entstehen durch Sturzfluten. Das Phänomen ist also nicht neu, trotzdem hat es uns alle überrascht... 

Unter Fachleuten ist das Thema seit Langem bekannt. Das Problem ist, dass sie zu wenig gehört werden. Ich habe großes Mitgefühl mit denen, die jetzt betroffen sind. Unsere Studie ist auch entstanden, um Menschen über Sturzfluten zu informieren und ihnen zu helfen, ihr Eigentum zu schützen. Solche Fluten können jeden überall erwischen und es werden mehr. 

Woran liegt das? 

Die Siedlungsstruktur hat sich sehr verändert. Immer mehr Flächen werden versiegelt, Häuser werden in diese kritischen Gebiete gebaut. Und der Klimawandel verstärkt das Phänomen. Dazu kommt, dass in Bayern wegen der Alpenlage mehr Niederschlag runterkommt als anderswo. 

Sie sagen, die Schäden lassen sich künftig zumindest minimieren. Wie? 

Die Gemeinden sollten zunächst Gefährdungsanalysen machen – jede einzelne. Dazu gehört einerseits, die Niederschlagsmenge zu messen. Dann muss die Topographie erfasst werden. Wo sind Tiefpunkte im Gelände, wo fließt das Wasser hin? Das dritte ist die Frage, wie das Wasser abfließt. Es gibt natürlich das Entwässerungssystem mit seinen Kanälen. Die sind aber nur für zehn- oder 20-jährige Niederschläge ausgelegt. Bei Starkregen fließt das viele Wasser also auf der Oberfläche ab, auf Straßen. Das alles kann man in einem Modell simulieren und so erkennen, welche Bereiche in der Gemeinde gefährdet sind. 

Die Fluten in Simbach, oder Polling wären vorhersehbar gewesen? 

Zumindest wären die Gemeinden vorgewarnt gewesen und hätten gewusst, welche Objekte besonders gefährdet sind. Die hätte man dann besser schützen können. 

Die Gemeinde kennt also jetzt das Gefahrenpotenzial. Was dann? 

Die künftige Bauleitplanung ist stark gefordert. Ich sehe immer wieder Häuser, die in eine Senke reingebaut sind. Manchmal sind in den Untergeschossen sogar Wohnräume drin, die laufen dann voll wie eine Badewanne. Man sollte lieber höher bauen. Bei Neubauten sollten Gemeinden in Zukunft auch Versickerungsanlagen und durchlässige Böden fordern. Und Gründächer, die werden sehr unterschätzt. Wenn so ein Dach zehn Zentimeter dick ist, kann das 50, 60, 70 Zentimeter Niederschlag speichern, der langsam abfließt. Auch die Kommunen müssen schauen, welche Straßen und Grünflächen im öffentlichen Bereich sie nutzen kann, um den Niederschlag versickern zu lassen. Es geht um Einzelmaßnahmen. Und es sind Kommunen und Privatleute gefordert. 

Klingt, als könnte das teuer werden. 

Eine kleine oder mittlere Gemeinde muss mit 100 000 Euro für die Gefährdungsanalyse rechnen. Ich denke, sowas sollte der Staat unterstützen. Das werde ich auch der Politik gegenüber fordern. Jedenfalls ist das sinnvoller, als im Nachhinein Milliarden in die Schadensbeseitigung zu stecken. Am Montag treffe ich Ulrike Scharf und werde ihr das sagen. Ich glaube, sie und ihre Kollegen werden reagieren. 

Nach der Flut 2013 hat der Freistaat vor allem in den klassischen Hochwasserschutz investiert. War das der falsche Weg? 

Nein, das sind zwei verschiedene Sachen. Bei Flusshochwasser kann man die Leute einfach frühzeitig warnen. Bei Sturzfluten gibt es praktisch keine Vorwarnzeiten. Das Schlimme ist, dass es dann zu Todesfällen kommen kann, wie wir gesehen haben. 

Kann der Privatmann sein Haus sturzflutsicher machen? 

Er sollte sich anschauen, wie Treppenabgänge, Tiefgaragen-Einfahrten, Lichtschächte liegen. Oft kann man mit einfachen Maßnahmen zumindest leichte Sturzfluten abwehren. Manchmal hilft schon ein Mäuerchen. Man sollte auch eine Rückstaueinrichtung haben. Wenn es stark regnet, ist der Kanal voll und wenn ich Pech habe, läuft mir das gestaute Wasser ins Haus. Dann haben Sie, wie’s auf Bairisch heißt, die Scheiße im Keller. 

Eine Flutwelle wie die in Simbach lässt sich davon aber nicht abhalten. 

Das war natürlich ganz extrem, eine Mischung aus Hochwasser und urbaner Sturzflut. Da ist eine Gefährdungsanalyse besonders sinnvoll, um Vorkehrungen zu treffen, damit das Wasser nicht von außen in den Ort fließt, sondern woanders hin. 

Interview: Marcus Mäckler

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