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Axel Hausmann mit seinen Forschungsobjekten, hier handelt es sich um Vogelfalter aus Papua-Neuguinea. 

Experte im Interview

Insektensterben: „Die Arten verschwinden still und leise“

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Axel Hausmann hat einen schönen Beruf: Er ist Schmetterlingsexperte und leitet die Sektion Lepidoptera bei der Zoologischen Staatssammlung, die elf Millionen Falter aufbewahrt. Ein Gespräch über die Auswirkungen des Insektensterbens und mögliche Gegenmaßnahmen.

Herr Hausmann, über das Insektensterben ist bis jetzt kaum gesprochen worden. Ist es wirklich so schlimm?

Axel Hausmann: Die Sorgen sind ohne Zweifel begründet. Man muss allerdings zwischen Langzeit-Trends und ganz natürlicher Fluktuation unterscheiden. Kurze Schwankungen gibt es immer, im letzten Jahr zum Beispiel gab es sehr wenige Insekten, dieses Jahr deutlich mehr. Doch davon darf man sich nicht täuschen lassen. Wichtiger sind die Langzeituntersuchungen, wie sie etwa der Krefelder Entomologische Verein vorgenommen hat.

Wie gingen die Forscher vor?

Hausmann: Die Krefelder benutzen in dem Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch sogenannte Malaise-Fallen, das sind Zeltfallen, die alles fangen, was gerade durchfliegt. Das ist eine repräsentative Methode, die nicht auf künstlicher Anlockung beruht, was immer fehleranfällig wäre. Die gefangenen Insekten haben die Krefelder gewogen und festgestellt, dass die Biomasse über viele Jahre hinweg um 80 Prozent abgenommen hat. Das Ergebnis ist fatal für das gesamte Ökosystem, denn von den Insekten hängt ja beispielsweise auch die Ernährungssituation der Vögel ab. Wenn’s keine Insekten mehr gibt, gibt’s keine Vögel mehr. Auch Probleme mit der Blütenbestäubung der Pflanzen nehmen zu.

Gibt es auch Forschungen in Bayern?

Hausmann: Keine Biomasse-Untersuchungen, aber lange Zeitreihen. Die Alternative zu Biomasse-Untersuchungen sind Sicht-Beobachtungen, Netz- und Lichtfänge – oft muss man den Schmetterling fangen, um ihn sicher zu bestimmen. Eine Reihe von Kollegen hat so geforscht.

Was wurde festgestellt?

Hausmann: Für Regensburg hat mein Kollege Andreas Segerer zusammen mit Forschern der TU Weihenstephan eine Datenreihe untersucht, die 175 Jahre zurückgeht, also weit ins 19. Jahrhundert. Dabei stellten sie fest, dass es allein bei den Tagfaltern einen Rückgang der Arten um 39 Prozent gibt, was dramatisch ist. Darunter ist zum Beispiel der Regensburger Gelbling, der in ganz Bayern jetzt ausgestorben ist, ebenso wie das kleine Ochsenauge. Ein anderer Kollege, Professor Josef Reichholf, hat am Unteren Inn bei Simbach über 40 Jahre lang Nacht- und Tagfalter registriert. Auch er stellte signifikante Rückgänge fest.

Forschen Sie selbst auch?

Hausmann: Ich bin seit 40 Jahren im Münchner Norden, in Oberschleißheim, in verschiedenen naturnahen Biotopen unterwegs. Auch in meinem Garten fange ich jede Nacht, seit vielen Jahren. Meine Funde kann ich mit Daten aus der Zoologischen Staatssammlung abgleichen, da haben wir Belege, die über 100 Jahre alt sind.

Was sind Ihre Erkenntnisse?

Hausmann: Die Allerweltsarten gibt es noch, die Spezialisten fehlen immer mehr. Bei den Tagfaltern im Münchner Norden haben wir über 20 Prozent Einbußen. Die Grün-Widderchen und Scheckenfalter sind zum Beispiel komplett verschwunden.

Alle kennen das Pfauenauge oder den Zitronenfalter. Wie schaut’s da aus?

Hausmann: Bei diesen Arten gibt es keine Einbußen, aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass weit über 90 Prozent der Arten Bestandsverluste und Verinselungen zeigen. Es gab in Bayern 3250 Falterarten, davon 170 Tag-, der Rest Nachtfalter. Allein seit der Zeit um das Jahr 2000 sind 13 Prozent, also über 400 Arten, in Bayern nicht mehr nachgewiesen.

Ist es ein genereller Rückgang oder gibt es Auffälligkeiten?

Hausmann: Vor allem die Spezialisten fehlen, etwa die Arten, die gebunden sind an Moore, Heiden oder blütenreiche und nährstoffarme Wiesen.

Betrifft der Schwund auch andere Insektenarten, etwa Fliegen?

Hausmann: Die Situation ist hier sehr viel unübersichtlicher, weil wir allein über 10 000 Fliegen-Arten haben. Die Allerweltarten wie Stubenfliege oder Stechmücken unterliegen extremen Häufigkeitsschwankungen – je nach Witterung. Da reichen zwei regenreiche Wochen, und der Bestand explodiert. Die langzeitlichen Trends sind bei vielen Fliegen aber ähnlich wie bei den Schmetterlingen. Es gibt viele spezialisierte Arten, etwa für Moore. Die sind mit ihren Lebensräumen gefährdet. Das gilt für die 6000 Käfer-Arten in ähnlicher Weise, und auch für die 9000 Hautflügler-Arten, wozu auch Bienen und Wespen zählen. Es gibt ja nicht nur die deutsche Wespe und die Honigbiene, sondern tausende von Arten mit speziellen ökologischen Nischen. Viele solche Arten verschwinden still und leise.

Das heißt, es gibt Arten, von denen wir kaum wissen, und die dann plötzlich ausgestorben sind?

Hausmann: Ja. Für viele Gruppen haben wir gar keine Spezialisten. Das ist ein Problem. Wir haben Nachwuchsmangel, es gibt kaum noch Arten-Kenner. Das Interesse ist geschwunden, was wohl mit einem schlechten Image unseres Berufes zusammenhängt. Schmetterlings-Forscher sind die, die alles tot schlagen – so heißt es doch immer. Auch restriktive Naturschutz-Gesetze behindern unsere Arbeit.

Was weiß man über die Ursachen des Insektentods?

Hausmann: Das ist relativ eindeutig: Es wurden viele naturnahe Lebensräume geopfert für die die Bebauung und die Intensivierung der Landwirtschaft. Die intensive Düngung, der Stickstoff-Eintrag, der auch über den Wind erfolgt, führt zum Verlust blühender, nährstoffarmer Wiesen. Hinzu kommt die fatale Wirkung der Insektizid-Behandlung. Keine Wirkung hat unser Metier, also das Sammeln von Schmetterlingen, da sind die Verluste wirklich zu vernachlässigen. Selbst der Verkehr, bei dem ja doch Myriaden von Insekten getötet werden, spielt letztlich nur eine untergeordnete Rolle.

Es gibt Vermutungen, auch Elektrosmog und selbst die Windräder könnten das Insektensterben beschleunigen. Was ist Ihre Meinung?

Hausmann: Elektrosmog halte ich für nicht relevant. Windräder schlagen natürlich Insekten und beispielsweise auch Fledermäuse und Vögel tot, das mag bei Wirbeltieren durchaus ein Problem sein, bei Insekten ist das nicht systematisch untersucht. Ich halte es aber für zweitrangig.

Was kann der Einzelne tun? Kann er überhaupt etwas tun?

Hausmann: Es geht um den Lebensraumschutz. Der muss verbessert werden. Also sollte der Privatmann mit seinem Kleingarten viele einheimische Blütenpflanzen ansähen. Japanische Ziergewächse bringen da gar nichts. Er sollte weniger Düngen und den Mäh-Rhythmus umstellen, also lieber gestaffelt mähen, nicht die ganze Fläche auf einmal, und nur selten, am besten nur einmal im Jahr. Und die Landwirtschaft müsste Insektizide vermeiden und auf ökologische Wirtschaftsweise umstellen, das wäre das Wichtigste.

Kindergärten und Schulen basteln gerne Insektenhotels. Lächeln Sie darüber?

Hausmann: Nein, überhaupt nicht. Das schärft das Bewusstsein für den Wert der uns anvertrauten Schöpfung, das ist ganz, ganz wichtig.

Haben Sie eigentlich einen Lieblings-Schmetterling?

Hausmann: Nein, mir sind alle gleich wichtig. Mich fasziniert die Vielfalt.

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