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Kardinal Reinhard Marx appelliert mit Blick auf 2017: „Worte des Hasses, Verunglimpfung und Rassismus dürfen keinen Platz haben“

Interview zum Jahreswechsel

Kardinal Marx: „Wir müssen mit Unterschieden leben“

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München - Terroranschläge, ein Zugunglück mit zwölf Toten, der Amoklauf in München, die Debatten über die Flüchtlingspolitik: 2016 war ein schwieriges Jahr. Mit Kardinal Reinhard Marx sprachen wir über Hoffnung für 2017.

Angesichts von Terror wie in Berlin – wie können Sie uns da Mut machen: Gibt es trotzdem Gründe, warum wir mit Hoffnung ins neue Jahr gehen sollten?

Aber sicher! Was wäre die Alternative? Hoffnungslosigkeit? Verzweiflung? Sich vergraben in einem Loch? Die Antwort kann doch nur sein: Gerade in solch einer Situation Ja sagen zum Leben! Wir dürfen uns von solchen Nachrichten nicht so nach unten drücken lassen, dass wir unser eigenes Leben im neuen Jahr nicht mehr positiv und mit Rückenwind angehen wollen.

Viele Menschen schaffen das aus eigener Kraft nicht mehr. Wie wichtig sind da Vorbilder wie Papst Franziskus?

Vorbilder können Orientierung bieten, aber ich möchte mich nicht nur auf Personen verlassen – Bischöfe kommen und gehen. Päpste kommen und gehen. Christus bleibt! Freuen wir uns darüber, dass wir Personen haben, die glaubwürdig sind. Franziskus steht ja nicht für sich, er steht für die Botschaft des Evangeliums. Wenn Gott Mensch geworden ist, dann ist es gut, ein Mensch zu sein, hat Papst Benedikt sehr schön formuliert. Das heißt: Keiner ist überflüssig oder wertlos. Jeder Mensch ist ein Geschenk Gottes für die ganze Welt! Es geht darum, herauszufinden: Was könnte meine Sendung, meine Aufgabe sein? Was kann ich beitragen, was kann ich anderen schenken? Das ist der Weg, der aus diesem Schneckenhaus der Angst herausführt.

„Wie viele Hass-E-Mails kommen da auf mich zu?“

Aber viele beklagen angesichts von Weltpolitik und Globalisierung: Wir sind doch völlig hilflos! Was kann denn der Einzelne schon tun?

Anpacken, vor der eigenen Haustür. Auch ich fühle mich manchmal ohnmächtig. Nehmen Sie das bevorstehende Wahljahr. Ich frage mich: Wie viel Polemik, wie viele Hass-E-Mails kommen da eventuell auf mich oder auch auf die Politiker zu? Wir stehen ja alle inmitten der politischen Auseinandersetzungen. Manche schreiben mir: ‚Sie als Kardinal haben Einfluss, Sie müssen etwas tun!‘ Letztlich tue ich das, was jeder in seinem Bereich tun kann: Deutlich machen, dass Worte des Hasses, Verunglimpfung und Rassismus keinen Platz haben dürfen. Und: der Hetze und der Lüge entgegentreten! Nach dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt haben sehr viele über die sozialen Medien ihre Freunde und Verwandten gefragt: Ist Dir etwas passiert? Das zeigt doch, dass die viel kritisierten sozialen Medien ihre gute Seite haben. Ich kann via WhatsApp oder Facebook jederzeit meine Oma fragen: Geht‘s Dir gut? Ich habe es selbst in der Hand, ob ich diese sozialen Netzwerke für Hassbotschaften oder für etwas Positives nutze.

Sie haben über Papst Franziskus mal geschrieben, er habe etwas Anarchistisches an sich…

Ja, Franziskus ist ein Typ, der immer mal wieder die Verhältnisse zum Tanzen bringt. Wenn eine Gesellschaft sich nur noch am Althergebrachten festklammert, ist sie nicht mehr innovativ und hoffnungsvoll. Da kann die Lust auf Leben, Familie, Zukunft leicht verloren gehen. Viele halten die Kirche für konservativ – aber wenn das so wäre, wäre das Christentum in der falschen Spur gelandet. Die Kirche muss immer wieder die Verhältnisse infrage stellen. Übrigens ist das auch etwas sehr Bayerisches: Einerseits wollen die Bayern einen starken Typen an der Spitze, lieben das Beständige. Andererseits sind sie rebellisch und aufrührerisch und wollen auch Veränderung. Das finde ich gut.

Viele Menschen beklagen, dass wir in einer Ellbogengesellschaft leben, dass keiner mehr auf den anderen achtet. Andererseits gibt es über 30 Millionen Menschen in Deutschland, die sich mindestens zwei Stunden in der Woche ehrenamtlich engagieren. Neigen wir dazu, alles zu schwarz zu malen?

„Wir müssen gegen die Angst-Stimmung angehen“

Objektiv gesehen ist es natürlich so, dass es den meisten in Deutschland wohl nie zuvor besser ging. Nie hatte eine Jugend solche Entwicklungsmöglichkeiten wie heute. Nie zuvor gab es so viele Menschen bei uns, die sich ehrenamtlich engagieren. Aber trotzdem ist auch diese sorgenvolle Stimmung, die alles durchtränkt, eine Realität – in Frankreich, den USA genauso wie in Deutschland. Zukunftsängste, Verlustängste… Da müssen wir als Christen sagen: Es gibt kein Naturgesetz, dass jetzt alles abwärts geht! Wir müssen gegen die Angst-Stimmung angehen.

Aber es gibt natürlich Gründe zur Sorge: Europa und die Demokratie sind bedroht… Liegt darin nicht auch eine Chance? Macht uns das nicht erst wieder bewusst, was wir an unserer Demokratie und an der EU haben?

Ich hoffe! Europa ist eine großartige Idee – aber wird es sich noch einmal aufraffen können, diese großartige Idee zu leben? Europa ist oft schon gescheitert, hat den Imperialismus in die Welt gebracht und andere gezwungen, nach seinen Maßstäben zu leben. Aber Positives wie Demokratie und Menschenrechte gingen auch von Europa aus. Ich hoffe sehr, dass sich Europa auch seiner christlichen Wurzeln besinnt. Denn ohne eine Vorstellung von Werten und Zielen geht es nicht. Es ist unsere Aufgabe als Christen, nicht im allgemeinen Jammer-Chor einzustimmen, sondern Hoffnung zu geben und Mut zu machen.

„Wir Christen müssen uns einmischen“

Heißt das auch, dass die Kirche sich stärker politisch einmischen soll?

Es ist nicht meine Aufgabe als Bischof, die Tagespolitik zu kommentieren. Aber wir Christen müssen uns einmischen, wo es um grundsätzliche Prinzipien geht. Das lassen wir uns nicht nehmen. Da dürfen wir nicht schweigen. Bei Grundprinzipien wie der Frage, wie gehen wir mit Flüchtlingen um, ist die Gesellschaft aber extrem gespalten.

Wie kann diese Spaltung überwunden werden?

In einer modernen, freien Gesellschaft ist Homogenität schwer zu haben. Wir müssen mit Unterschieden leben. Aber gerade in solch einer vielfältigen Gesellschaft brauchen wir Institutionen wie die Kirche, die das Langfristige und das Gemeinwohl im Blick haben und nicht von Wahlen abhängig sind.

Die Vereinfacher haben Konjunktur. Kann Kirche mit ihren Wahrheiten noch bei den Populisten durchdringen?

Ich hoffe, wenigstens bei denen, die ein offenes Ohr für das Wort der Kirchen haben. Dass diejenigen, die sich Christen nennen, vielleicht doch einmal aufpassen, wie sie übereinander reden, über andere Völker, über andere Religionen. Wir können als Kirche nur versuchen, die Sprache des Evangeliums zu sprechen. Ich kann mir ja nicht aussuchen, was ich verkünde. Ich kann nicht sagen, ich suche mir eine andere Person, eine andere Botschaft – Jesus von Nazareth ist mir zu sanftmütig und redet zu viel von Frieden und Nächstenliebe. Das geht nicht.

Das Interesse an kirchlichen Dienstleistungen schwindet. Nehmen Sie das so hin?

Nein, aber es ist in einer freien Gesellschaft vielfältiger geworden. Da muss man genauer hinschauen, denn eine große Zahl von Menschen sucht weiterhin den Empfang der Taufe und der Erstkommunion für ihre Kinder und schätzt den Dienst der Kirche in Caritas und Bildung.

„Zahlen allein sagen nichts“

…jedes 3. Kind hat unverheiratete Eltern…

Aber es ist doch auf der Welt! Wie schön! Das ist doch mal das Erste. Wir leben in einer vielfältigen Welt. Die Menschen entscheiden sich unterschiedlich. Zahlen allein sagen nichts. Ich bin auch nicht so pessimistisch. Viele Menschen denken, die große Zeit des Christentums sei vorbei. Ich bin dagegen überzeugt: Die große Zeit des Christentums liegt vor uns. Ich sehe keine Alternative: Wo ist einer mit einer besseren Botschaft, die Jesus ersetzen könnte? Ich habe noch niemanden gefunden!

Haben Sie Vorsätze für das neue Jahr?

Zunehmend weniger, weil ich im Lauf eines langen Lebens schon allzu oft erfahren habe, dass das nicht so klappt wie gewünscht. Natürlich nehme ich mir immer wieder vor, mich mehr zu bewegen und ein paar Kilo abzunehmen. Damit bin ich seit mehreren Jahrzehnten relativ erfolglos. Je älter ich werde, desto mehr denke ich: Wie viele Jahre kann ich noch aktiv, kräftig und stark für die Kirche und die Menschen wirken? Mein Vater ist mit 64 gestorben, ich bin 63. Das sagt mir: Trödel nicht rum, mach was.

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