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Befällt fast jeden Laubbaum: Der Asiatische Laubholzbockkäfer (Anoplophora glabripennis) wird bis zu vier Zentimeter lang – ohne Fühler.

Eschen bald tot

Die Invasion: Wie Schädlinge aus aller Welt über unsere Pflanzen herfallen

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Sie kommen aus Asien, Amerika und Russland: zerstörerische Insekten, gegen die unsere Natur machtlos ist. Prominentes Beispiel: der Laubholzbockkäfer. Gegen ihn kämpfen sie in Feldkirchen seit Jahren. Doch das ist nur ein Vorgeschmack – es gibt noch viel aggressivere Eindringlinge.

München* – Der Bösewicht ist wunderschön: Er hat große schwarze Kulleraugen, eine grüne Haut, die wie eine kostbare Perle schillert. Das hübsche Tierchen heißt nicht umsonst Asiatischer Eschenprachtkäfer. Doch die Pracht täuscht: In wenigen Jahrzehnten wird der Käfer die Esche in Europa fast ausgerottet haben. In Nordamerika und Kanada haben seine Larven schon Millionen Bäume vernichtet: Sie fressen sich unter der Rinde durch, zerstören die Lebensadern – bis der Baum stirbt. 

Auch in Westrussland breitet er sich aus, jedes Jahr fliegt er 30 Kilometer in Richtung Mitteleuropa. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Käfer auch in deutschen Wäldern und Gärten Schaden anrichtet. Und der Übeltäter ist nicht allein: Laubholzbockkäfer, Kirschessigfliege, Citrusbockkäfer, Fadenwürmer – immer mehr invasive Spezies, so heißen eingeschleppte Schädlinge, bedrohen unser Ökosystem. 

Dagegen kämpft Insektenkundler Hannes Lemme, ein kleiner Mann mit grauem Stoppelbart. Er arbeitet für die Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising – das ist die Behörde, die ausländische Schädlinge in Bayern bekämpft. Lemme wirkt ein wenig verloren in dem großen Labor, das man zu seinem Büro umfunktioniert hat. Der Mann ist Wissenschaftler, kein Krisenmanager. Doch die Krise ist längst da, im Landkreis München wütet der Asiatische Laubholzbockkäfer, im südlichen Feldkirchen steht kein Baum mehr. Lemmes Arbeit besteht seit zwei Jahren darin, an Haustüren zu klingeln und Gartenbesitzern zu erklären, dass ihre Bäume weg müssen. 

Kein leichter Job. Für viele Feldkirchner ist Lemme zur Hassfigur geworden. Sie verstehen nicht, warum sie ihren Garten kahlschlagen müssen. Lemme sagt: „Schuld sind letztendlich wir selbst.“ Dass fremde Arten in andere Ökosysteme eindringen, ist keine neue Entwicklung. Schon die ersten europäischen Seefahrer hatten auf ihren Reisen tödliche Fracht an Bord. In Neuseeland etwa gab es keine Säugetiere, nur Vögel, die laufen gelernt und das Fliegen verlernt hatten. Dann brachten die Europäer Wanderratten und Hunde – die zutraulichen Vögel waren leichte Beute. Heute gibt es sie nur noch im Museum. 

„Die Globalisierung hat diese Entwicklung massiv beschleunigt“, sagt Hannes Lemme. Waren werden von einem Ende der Welt zum anderen transportiert – und mit den Waren auch blinde Passagiere. Wie der Asiatische Eschenprachtkäfer, der über exportierte Setzlinge nach Amerika und Europa reiste. 

Das Problem: In Asien besitzen die Eschen natürliche Abwehrkräfte gegen ihn. Anders als die nordamerikanische und die europäische Esche. Schätzungsweise 20 Millionen Bäume sind dem Eschenprachtkäfer in Nordamerika zum Opfer gefallen – und er breitet sich weiter aus. Aufs europäische Festland kam der Käfer, weil Russen die amerikanische Esche importierten. Als Alleebaum. 

Auch von Westen ist ein Schädling im Anmarsch: Ein Fadenwurm lebt in amerikanischen Kiefern, seit 1999 treibt er sein Unwesen in Portugal. Die europäischen Kiefern kennen ihn nicht, können sich nicht wehren, sie sterben ab. Inzwischen hat er sich bis nach Spanien vorgearbeitet. Ein weiteres Beispiel: die Kirschessigfliege. Sie kommt mit Obst aus Südostasien zu uns. Anders als unsere heimische Fruchtfliege hat sie einen Stachel, mit dem sie Löcher in gesundes Obst bohren kann, nicht nur in fauliges. Der Experte Lemme ist sicher: Über kurz oder lang wird die Kirschessigfliege die Obsternten schmälern und die Preise in die Höhe treiben. 

Diese Schädlinge stehen praktisch vor der Tür – der Asiatische Laubholzbockkäfer ist längst da. Der Käfer, einer der gefährlichsten Baumschädlinge der Welt, wütet schon seit über zehn Jahren im östlichen Landkreis München – und das unbemerkt. Bis vor gut zwei Jahren ein Feldkirchner den auffälligen schwarzen Käfer in seinem Garten fand. Für die Bürger begann damit ein Albtraum ohne Erwachen. Anfangs fällten die Behörden nur Randgebiete, rodeten die Autobahnböschung, ein kleines Wäldchen im Süden, eine Allee in Richtung Nachbargemeinde Haar. Damals hieß es: Man sei zuversichtlich, dass der Käfer damit erledigt sei. Ein Trugschluss. Wenig später wurden wieder Spuren des Käfers gefunden. Wieder mussten Bäume gefällt werden. Inzwischen sind ganze Wohngebiete und sogar der Friedhof kahl. Und auch Nachbarorte sind betroffen. „Das Problem ist“, sagt Hannes Lemme, „dass man die Tiere oft erst dann entdeckt, wenn ein Käfer jemandem in den Schoß fliegt.“ 

Und dann ist es meist schon zu spät. Befallene Bäume müssen weg – damit der Schädling sich nicht noch weiter ausbreitet. Und das ist für viele Gartenbesitzer ein Drama. In Haar, Ortsteil Salmdorf, steht Edda Schindler, 75, auf ihrem Balkon und schaut auf das, was von ihrem Garten noch übrig ist. Im Sommer haben Baumsucher von der Landesanstalt ein Ausbohrloch in ihrem Garten gefunden – das hinterlässt nur der asiatische Eindringling. Wo vorher riesige Laubbäume standen, die genauso alt waren wie Edda Schindler selbst, sind jetzt nur noch kahle graue Stümpfe. Eine majestätische Kastanie, zwei Birken, direkt am Haus eine große Weide. Edda Schindler ist mit diesen Bäumen aufgewachsen, mit ihnen alt geworden. Jetzt sind sie weg. „Ich gehe nicht mehr nach draußen“, sagt sie. „Ich ertrage es einfach nicht mehr.“ Acht Kilometer weiter, in Neubiberg, bangen ebenfalls Gartenbesitzer um ihre Bäume. Auch dort ist der Käfer angekommen. Ob es sich um dieselbe Population handelt wie in Feldkirchen, ist noch unklar. Ein DNA-Abgleich schlug fehl. 

Was bedeutet das? Entweder der Käfer hat sich vom Münchner Osten in den Süden ausgebreitet. Oder der Neubiberger Käfer kam unabhängig vom Feldkirchner aus China. Das wirft die Frage auf: Wie oft ist das noch passiert - in Europa, in Deutschland, in Oberbayern? 

Lange hoffte man, der Laubholzbockkäfer sei ein lokales Problem. Langsam wird klar: Das war ein verhängnisvoller Irrtum. Und dieser Schädling ist nicht der einzige. Im Sommer tauchte in Anzing, Kreis Ebersberg, der Citrusbockkäfer auf. Er kommt ebenfalls aus China und ist noch viel gefährlicher – weil er sich in die Wurzeln frisst und kaum zu finden ist. Und er befällt nicht nur Bäume, sondern alles was Blätter trägt. Auch Rosen. 

Weil die Landesanstalt schon mit dem Laubholzbockkäfer überlastet ist, kümmert sich Karin Krause vom Landwirtschaftsamt um seine Bekämpfung: „Wir hoffen, dass es sich um einen Einzelfall handelt“, sagt sie. Ähnliches hat man auch in Feldkirchen gehofft. Dort hat sich inzwischen eine Bürgerinitiative gegründet, sie heißt „Gegen den ALB-Traum“ – ALB, das ist die Abkürzung für Asiatischer Laubholzbockkäfer. 

Ihr Ziel: Fällungen verhindern, Alternativmethoden erzwingen. Auch der Zweite Bürgermeister von Feldkirchen, Andreas Janson, ist dabei: „Wir können hier alles abschneiden und lösen damit nicht das Problem“, sagt er. „Der Nachschub muss gestoppt werden.“ Denn die Wege des Kä- fers sind längst bekannt. Er kam höchstwahrscheinlich über Einwegpaletten, die Granitplatten aus China transportieren. 

Die Händler dürfen befallenes Holz eigentlich gar nicht benutzen, die Paletten müssen hitzebehandelt oder begast werden, damit mögliche Larven absterben. Kontrollieren müssten das die chinesischen Behörden. Die EULänder machten bis vor einem Jahr nur Stichproben. Erst seit kurzem wird schärfer kontrolliert – allein in Bayern fanden die Behörden im letzten halben Jahr vier Mal lebende Käferlarven und zwei Käfer. Und den Citrusbockkäfer holen sich viele selbst in den Garten: Dieser Schädling versteckt sich in billigen Fächerahorn-Bäumchen, die es oft in Supermärkten gibt. Warnungen gibt es selten. 

Hannes Lemme sagt: „Wir leben in Europa noch ein bisschen wie auf einer Insel der Glückseligen.“ Vielen ist nicht klar, welchen Schaden eingeschleppte Käfer anrichten können. 

Waldarbeiter zerstückeln eine Kastanie in Salmdorf.

Die Feldkirchner wissen das – und fühlen sich von den Behörden und von der Politik alleingelassen. Sie wehren sich gegen den Kahlschlag in ihrer Gemeinde, zweifeln die Methoden an. „Es gibt Spritzmittel, die Amerikaner impfen die Bäume damit“, sagt Hans-Peter Thomas von der Bürgerinitiative. „Warum wird das hier nicht genutzt?“ Eine berechtigte Frage, finden inzwischen auch die Oppositionsparteien im Landtag. Die Freien Wähler haben neulich einen Antrag eingebracht, die Staatsregierung soll alternative Bekämpfungsmethoden prüfen. Die Richtlinien zur Bekämpfung gibt allerdings die Europäische Union vor. In Brüssel reagiert bislang niemand auf die Hilferufe aus Oberbayern. 

Die Feldkirchner lassen trotzdem nicht locker, auch Rentnerin Edda Schindler will weiter kämpfen für die wenigen Bäume, die noch in ihrem Garten stehen. Es sind vor allem Eschen. Sie kann nur hoffen, dass es der Asiatische Eschenprachtkäfer nicht bis nach Salmdorf schafft.

Ein weiterer Schädling aus Asien breitet sich aktuell im Kreis Dachaus rasant aus. Er tötet Buchsbäume komplett.

kmm

*Der Artikel stammt ursprünglich vom Sommer 2015.

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