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Inzell: Personal wird noch heute abgezogen

Inzell - Dramatische Entwicklung im Seniorenheim: Der Betreiber zieht noch am Freitag sein Personal ab. Bis Mitternacht soll kein Pfleger mehr im Haus sein.

Freitag, Punkt 11.06 Uhr, eskaliert der Streit um das Mängel-Pflegeheim in Inzell. Durch das Faxgerät im Landratsamt Traunstein rattert ein Schreiben, der Absender ist der Anwalt der H&R Senioren Heimbetriebsgesellschaft mbH. Darin wird angekündigt, dass um Mitternacht sämtliches Personal abgezogen und der Heimbetrieb eingestellt wird. „Ihnen muss folglich klar sein, dass die dann noch in der Einrichtung befindlichen Bewohner nicht mehr ... versorgt werden können“, heißt es weiter.

Wie berichtet, hatten sich 25 Bewohner noch am Donnerstag geweigert, auszuziehen. Am Freitagvormittag waren es noch 15. Hilfsbedürftige Senioren, allein gelassen in einem leerstehenden Pflegeheim? Für das Landratsamt beginnt an diesem Vormittag ein Wettlauf gegen die Zeit.

Zur Vorgeschichte: Kontrolleure der Heimaufsicht und des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung hatten mehrfach akute Mängel in der 136-Betten-Einrichtung festgestellt. Weil der Träger Empfehlungen und Bescheide ignoriert hatte, ordneten die Behörden Mitte Juni die Schließung an, die Pflegekassen kündigten die Verträge. H&R klagte, erreichte aber nur eine Verlängerung der Frist bis zum 30. September. Am Donnerstag bestätigte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof: Das Heim muss dicht machen.

H&R-Seniorenheim: Bilder vom Freitag

Während ein Großteil der Bewohner sich nach dem ersten Schließungsbescheid im Juni nach anderen Einrichtungen umgesehen hatten, weigerten sich einige Senioren und deren Angehörige bis zuletzt auszuziehen – es hatte sich sogar eine Initiative gegründet, die gegen die Schließung klagte.

Im Landratsamt hatte man stets betont, dass die Behörde das Heim nicht zwangsräumen wird: „Wir werfen niemanden raus“, hieß es beruhigend. Dort ging man noch am Freitagmorgen davon aus, dass der Träger das drohende hohe Bußgeld – eine vierstellige Summe je Bewohner – in Kauf nimmt. Oder eben zusammen mit den Familien andere Betreuungsplätze findet. Dass der Träger der Behörde und den Angehörigen kurzfristig das „Messer auf die Brust setzt“, so eine Sprecherin des Amtes, kommt am Freitagvormittag überraschend. „Aber wir können die Menschen jetzt nicht einfach im Stich lassen.“

Schnell organisiert die Heimaufsicht am Freitagnachmittag einen Verlegungsplan: Einrichtungen in der Region werden nach freien Plätzen abtelefoniert, man versucht, Angehörige der verbleibenden Bewohner zu erreichen. Soweit es der gesundheitliche Zustand des Senioren erlaubt, holen die Familien den Pflegebedürftigen ab. Vorsorglich steht ein Notarzt bereit, auch zwei Mediziner vom Gesundheitsamt sind vor Ort. Schwächere und Kranke werden im Sanka in andere Heime gebracht – Krankenwagen stehen vor dem Heim Schlange.

Obwohl die Schließung sich seit Monaten abzeichnet, sind am Freitag einige Angehörige sauer – aber nicht auf den Träger, sondern auf die Heimaufsicht: „Mich ärgert, dass man die Leute von einem Tag auf den anderen auf die Straße setzt“, beschwert sich Hanspeter Fischer aus Bad Reichenhall. Er holt gerade seine Schwiegermutter Maria Jörg ab. Die 91-Jährige im Rollstuhl hat noch keinen neuen Platz, andere Heime kosten bis zu 700 Euro mehr. „Ich bin Alleinverdiener. Wer soll das bezahlen?“, fragt Fischer. Vorübergehend zieht die Seniorin jetzt in seine Dreizimmerwohnung ein.

Der Fall Inzell sucht seinesgleichen. Nicht einmal der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek, der die Branche seit Jahrzehnten kennt, kann sich an einen ähnlichen erinnern. Fussek sieht neben dem Träger auch die Familien in der Verantwortung: „Sie hätten nicht zulassen dürfen, dass ihre hilflosen Angehörigen zum Spielball werden.“ Längst hätten sie sich um einen alternativen Betreuungsplatz kümmern müssen.

Das Landratsamt hat nach eigenen Angaben nach Erhalt des Faxes versucht, mit dem Heimbetreiber eine gemeinsame Lösung zu finden – vergeblich. Weder die Kanzlei noch H&R, die in Bayern noch Heime in Schliersee und Augsburg betreibt, waren für eine Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung erreichbar. Die Zusammenarbeit bei der Räumung zwischen der Heimleitung und H&R allerdings klappte gut, sagt Roman Schneider, Sprecher vom Landratsamt und am Freitag in Inzell vor Ort.

Am frühen Abend, als das Heim fast leer ist, rückt ein privater Sicherheitsdienst an. Um 20 Uhr wird der letzte Bewohner aus dem Heim gebracht, alle Senioren sind in einer anderen Einrichtung oder bei ihren Familien. Dann ist das Gebäude leer. Nur die Security-Männer bewachen das Haus.

Carina Lechner

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