+
Der Angeklagte im Schwurgerichtssaal im Landgericht Nürnberg-Fürth.

Inzest-Prozess: 14 Jahre Haft gefordert

Willmersbach - Im Nürnberger Inzest-Prozess hat die Staatsanwaltschaft am Freitag für den 69 Jahre alten Angeklagten eine Haftstrafe von 14 Jahren wegen jahrelanger Vergewaltigung seiner Tochter gefordert.

Lesen Sie auch:

Inzest-Prozess: Vorwürfe gegen Behörden

Inzest-Prozess: Opfer macht schwere Vorwürfe

Es sind nur ein paar Meter, die Staatsanwältin Beate Frasch von Verteidiger Karl Herzog im Nürnberger Schwurgerichtssaal 600 trennen. Bei der Beurteilung des dort behandelten Inzestfalls tun sich hingegen tiefe Gräben zwischen ihnen auf. Für den im Rollstuhl sitzenden, hageren 69 Jahre alten Angeklagten im Nürnberger Inzestprozess forderten sie denn auch am Freitag eine völlig unterschiedliche Bestrafung. Nach dem Willen der Anklagevertreterin soll der teilnahmslos wirkende Mann für 14 Jahre in Haft; sein Verteidiger hält dagegen fünf Jahre für vollkommen ausreichend.

Die unterschiedlichen Bewertungen des Falls durch Staatsanwalt und Verteidiger verdeutlichen nicht nur deren unterschiedliche Rolle in einem Strafverfahren; sie offenbaren zugleich das Dilemma des ganzen Prozesses: Nach den Aussagen des Angeklagten und seiner heute 46 Jahre alten Tochter glaubt man sich in völlig unterschiedlichen Filmen, so unterschiedlich sind ihre Schilderungen. Da scheint nichts zusammenzupassen.

So beschreibt der hagere Angeklagte in dem Prozess die regelmäßigen intimen Kontakte mit seiner Tochter als als einvernehmlichen Sex. Die Tochter dagegen spricht von einem mehr als 30 Jahre währenden Martyrium: Immer und immer wieder habe sie zur Verfügung stehen müssen, wenn ihrem Vater nach Sex mit ihr war - manchmal bis zu dreimal die Woche, obwohl sie das dauernde „Angegrapsche“ anwidert. Beim ersten Mal sei sie nicht älter als 12 oder 13 gewesen, sagt die Tochter.

Bilder aus dem Gerichtssaal

Inzest-Prozess wird fortgesetzt

Was die Beurteilung des Falls wohl auch für das Gericht schwierig macht: Es fehlt an Zeugen und handfesten Beweisen für die zahllosen Vergewaltigungen, die dem 69 Jahre alten Angeklagten zur Last gelegt werden. Die bei dem Prozess geladenen Zeugen gaben zwar ein beredtes Zeugnis ab von der schon seit 20 Jahren brodelnden Gerüchteküche in der Region rund um den 320-Seelen-Ort Willmersbach im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim.

Demnach gab es dort wohl kaum einen, der nicht von dem seltsamen Verhältnis zwischen Vater und Tochter wusste. Und dass die drei der vier Kinder der Tochter in Wahrheit von ihrem Vater abstammen, wurde ebenfalls als offenes Geheimnis gehandelt. Burschen etwa rissen im Bierzelt Witze über die verblüffende Ähnlichkeit der Enkelkinder mit ihrem Großvater. Und alle wunderten sich, dass die Tochter das alle mitgemacht hat.

Fragt der Vorsitzende der Großen Strafkammer, Günther Heydner, aber Zeugen nach konkreten Beobachtungen oder Hinweisen, so erntete er von allen Zeugen nur ein Schulterzucken.

Zu ihnen gehört auch ein Hobby-Jäger; als der am Jahresende 2010 an einem sonnigen Freitagnachmittag zu seiner Jagd bei Meilach fuhr, entdeckte er Vater und Tochter auf einem Feldweg im Auto - beide auf dem Auto-Rücksitz. „Jetzt kommen die schon nach Meilach zum Bumsen“, entfuhr es ihm. Auf konkrete Nachfragen des Richters wollte er aber nur gesehen haben, wie sich der Vater gerade seine Hose zuknöpft. Hinweise auf Gewalt: Fehlanzeige.

Zu denken gab Prozessbeobachtern die Aussage einer Erlanger Bewährungshelferin, die der 46-jährigen Tochter des Angeklagten Anfang 2010 nach deren Verurteilung wegen Erpressung zugeteilt worden war. Die im Umgang mit schwierigen Familien vertraute Justizmitarbeiterin hatte trotz monatlicher Gespräche mit der Frau nie den Verdacht geschöpft, Familienmitglieder könnten diese missbraucht haben.

In den ganzen Gesprächen sei es der Tochter hauptsächlich um Geld gegangen und dass sie sich von ihrem Vater und ihren Brüdern ausgenutzt fühlte. Sie habe immer für alle waschen, putzen und einkaufen müssen und dafür angeblich keinen Ausgleich erhalten. Als ihr ihre Eltern eröffneten, dass sie - anders als sie wohl erwartet habe - nicht Alleinerbin des elterlichen Hauses sein werde, sei die Tochter des Angeklagten tief enttäuscht gewesen, schilderte die Bewährungshelferin dem Gericht. Die Anwältin der 46-Jährigen hält es dagegen für abwegig, aus dieser angeblichen Geldgier der Tochter nun ein Motiv zu konstruieren, ihren Vater anzuzeigen.

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Handball-Schiri: Unfaire Trainer und Eltern der jungen Spieler machen mich sprachlos
Dominik ist Handball-Schiedsrichter in Bayern. In seinem Gastbeitrag beschreibt er zwei Erlebnisse, die er nicht vergessen wird: Schubsende Spieler, die von ihren Eltern …
Handball-Schiri: Unfaire Trainer und Eltern der jungen Spieler machen mich sprachlos
Bedrohte Defline: Tiergarten bittet um Hilfe 
Dem Vaquita-Delfin droht die Ausrottung - deshalb wirbt der Tiergarten Nürnberg um Unterstützung für eine internationale Rettungsaktion für die Meeressäuger.
Bedrohte Defline: Tiergarten bittet um Hilfe 
Badeverbot an oberfränkischem See
Der Naturbadesee im oberfränkischen Frensdorf ist vorerst für Badegäste gesperrt. Schuld sind Bakterien, die Allergien, Hautreizungen und mehr auslösen können. 
Badeverbot an oberfränkischem See
Hund beißt Radfahrer mehrmals in den Kopf
Ein nicht angeleinter Hund hat einen 83-Jährigen angegriffen und in den Kopf gebissen. Die Halterin sah tatenlos zu und verschwand - nach ihr wird nun gesucht. 
Hund beißt Radfahrer mehrmals in den Kopf

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion