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Behindertenbeauftragte im Interview

"Unsere Gesellschaft ist besser als ihr Ruf"

München - Irmgard Badura ist seit 2009 Behindertenbeauftragte in Bayern. Bisher ehrenamtlich. Nun will sie sich in Vollzeit um die Belange von Menschen mit Behinderungen kümmern.

Irmgard Badura ist Optimistin. Sie glaubt felsenfest an eine Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung dieselben Chancen haben wie Menschen ohne Behinderung. Aber sie ist auch Realistin genug, um zu wissen, dass es noch ein langer Weg dahin ist. Seit 2009 ist die 41-Jährige Behindertenbeauftragte der Bayrischen Staatsregierung. Bisher hat sie das ehrenamtlich gemacht und hauptberuflich beim Landesjugendamt gearbeitet. Künftig wird sie sich in Vollzeit um die Belange der Menschen mit Behinderung kümmern. Offiziell wird sie heute ernannt. In dem Hauptamt sieht sie eine große Chance.

Wie behindertenfreundlich ist Bayern? 

Was die Beratung betrifft, sind wir im bundesweiten Vergleich gut aufgestellt. Es gibt eine Vielfalt von Angeboten. Ich denke da beispielsweise an Werkstätten für Menschen mit Behinderung oder Integrationsfirmen. Es gibt Wohnheime und Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderung. Vieles ist aber noch viel zu stark getrennt nach behindert und nichtbehindert. Im Bewusstsein der Menschen muss noch ganz viel passieren, die Haltung gegenüber Menschen mit Behinderungen muss noch viel offener und natürlicher werden. Außerdem brauchen wir sowohl Personal in den beschützenden Einrichtungen, als auch Lehrer, die sich den Herausforderungen stellen. 

Sie haben das Amt der Behindertenbeauftragten 2009 übernommen. Was sind Ihre größten Erfolge?

In Sachen Inklusion in den Schulen ist vieles vorangegangen, zum Beispiel habe ich Ende März 2009 die Debatte für Inklusion an den allgemeinen Schulen angestoßen. Der Landtag hat dann im Sommer 2011 den Vorrang des gemeinsamen Unterrichts festgeschrieben. Und ich habe viele Netzwerke aufgebaut, die ihre Forderungen an die Politik weitergeben. Es ist mir ein großes Anliegen, Menschen mit Behinderungen echte Chancen im gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Gerade das Thema Hörbehinderung war und ist mir wichtig. Ich habe angeregt, dass in Bayern ein Studiengang für Gebärdensprachdolmetscher entsteht. Im Herbst 2015 geht es an der Hochschule Landshut damit los. 

Ihre Arbeit werden Sie ab jetzt hauptamtlich machen. Welche neuen Chancen bieten sich dadurch?

Ich hab sehr lange dafür argumentiert und gekämpft, mich in Vollzeit und mit ganzer Kraft für Menschen mit Behinderungen einsetzen zu dürfen – sie machen schließlich zehn Prozent unserer Gesellschaft aus. Ich möchte noch präsenter sein. Verstärkte Kontakte zu den Verbänden sind mir sehr wichtig. Aber auch die Beratung der Staatsregierung möchte ich noch intensiver betreiben. 

Wo sehen Sie im Moment den größten Handlungsbedarf?

Ich will mich weiterhin für das Thema Inklusion im Schulbereich einsetzen. Förderschulen, die bisher nur für behinderte Kinder vorgesehen sind, müssen sich öffnen dürfen und können. Ich denke, dieses Thema wird mein stetiger Begleiter bleiben. Außerdem möchte ich mir den Arbeitsmarkt und die Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen genau anschauen. Unternehmen, die nicht ausreichend Menschen mit Behinderung einstellen, zahlen eine Ausgleichsabgabe. Mit diesem Geld finanzieren Freistaat und Bund Unterstützungsmöglichkeiten – und die möchte ich noch gezielter steuern. 

Haben es Menschen mit Behinderungen in großen Städten leichter?

In ländlichen Regionen ist der öffentliche Nahverkehr für Menschen mit Behinderungen noch immer ein großes Problem. Auch die Kultur- und Freizeitangebote sind in Städten einfach besser. Deshalb bin ich dankbar für jede Initiative, die sich in kleinen Gemeinden bildet. Das können beispielsweise gemeinsame Lauftreffs sein oder Theaterbesuche, bei denen es für Blinde eine Bildbeschreibung gibt. 

Hat sich das Bewusstsein gegenüber Menschen mit Behinderungen geändert, wird mehr Rücksicht genommen? 

Ich bin selbst oft mit Bus und Bahn unterwegs und erlebe viel Rücksicht und Aufmerksamkeit. Unsere Gesellschaft ist besser als ihr Ruf. Aber viele Menschen denken eben erst über Barrierefreiheit oder erreichbare Arztpraxen nach, wenn sie oder ein Freund oder Familienmitglied eine Behinderung haben. Und leider schauen auch Arbeitgeber erstmal nach den Fähigkeiten und Leistungen. Menschen, die offen mit ihren Behinderungen umgehen, bekommen leider immer noch zu wenig Chancen in der Arbeitswelt.

Wie wollen Sie Menschen ohne Behinderung dazu bringen, sich mit diesem Thema zu befassen?

Wenn wir ganz selbstverständlich in Tagesstätten, Schulen, in Kirchen, an Unis und am Arbeitsplatz Menschen mit Behinderungen begegnen, ist das eine Chance, einen normalen Umgang mit diesem Thema zu bekommen. Behinderte Menschen müssen sich trauen, offen um Unterstützung zu bitten, wenn ihre Behinderung nicht offensichtlich ist. Es würde unserer Gesellschaft insgesamt gut tun, mehr nach links und rechts zu schauen.

Glauben Sie an eine Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung nicht mehr benachteiligt sind? 

Ja, ich glaube daran. Sonst könnte ich mich nicht mit soviel Herzblut und Freude für das Thema einsetzen. Ich hoffe, dass es irgendwann selbstverständlich ist, dass Menschen mit Behinderung angemessene Unterstützung bekommen und nicht als Bittsteller wahrgenommen werden – dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet. 

Horst Seehofer hat versprochen, dass Bayern bis 2023 barrierefrei sein wird. Wie realistisch ist das? 

Das halte ich für ein schwer zu erreichendes Ziel. Ich bin ihm aber dankbar für diesen Vorstoß – er hat dem Thema damit starken Rückenwind gegeben und im Doppelhaushalt Geld dafür eingeplant. Das ist ein guter Anfang. Eine Jahreszahl würde ich trotzdem nicht festsetzen. Dafür bin ich zu sehr Realistin – wir haben noch einen langen Weg vor uns. 

Interview: Katrin Woitsch

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