Virtuell auf der Spur des Verbrechens

München - Wie überführt eine Hautschuppe einen Mörder? Und warum wird ein virtueller Schuhabdruck dem Täter zum Verhängnis? Das Landeskriminalamt nutzt forensische Methoden, um Kriminellen auf die Spur zu kommen.

Ein junger Mann wird in der Nürnberger U-Bahn brutal zusammengeschlagen. Der Täter flüchtet. Sein Opfer hat mehrere Platzwunden auf der Stirn. Ein Freund bringt den Mann ins Krankenhaus. Mit einer Handykamera fotografiert er die Kopfverletzungen. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf, Wochen später ist ein Tatverdächtiger gefasst. Doch die Beweislage ist dünn, denn die Verletzungen sind längst verheilt. Jetzt schaltet sich das Kriminaltechnische Institut (KTI) des Bayerischen Landeskriminalamts (BLKA) ein. Ein Streiflichtscanner - auch Kolibri genannt - scannt den Kopf des Opfers Zehntelmillimeter für Zehntelmillimeter. Im Labor wird das Foto der Handykamera mit der Abbildung aus dem Scanner zusammengefügt. Auch der Turnschuh des Tatverdächtigen wird gescannt. Die 3-D-Animation liefert den Beweis: Die Verletzungen stammen vom Schuh des Tatverdächtigen.

Neuartige Verfahren wie diese dreidimensionale Erfassung von Tatorten oder die Hautschuppenanalyse helfen der bayerischen Polizei bei der Lösung schwieriger Fälle. Was es mit den forensischen Methoden auf sich hat, erklärten gestern Wissenschaftler des KTI in München.

Seit Juni 2010 setzt das KTI 3-D-Laser-Technologie ein, um Tatorte zu vermessen und „einzufrieren“, erklärt KTI-Leiter Guido Limmer. So kann der Tathergang eines Verbrechens vor realistischer Kulisse

Schon eine Hautschuppe kann einen Täter überführen. Die Analyse unter dem Mikroskop ist langwierig.

rekonstruiert werden. Ein Laserscanner vermisst den Tatort großflächig, ein Streiflichtscanner im Zehntelmillimeterbereich. Kein Film, sondern Realität in Farbe entstehe dadurch, sagt Limmer. Innerhalb der Animation kann die Perspektive nach Belieben gewechselt, Details und Personen hinzugefügt werden. Forensiker können Szenarien durchspielen. Vor Gericht sind die Animationen als Beweisstücke zugelassen.
Die Rekonstruktion des Tathergangs führt in manchen Kriminalfällen zur Aufklärung - wie im Fall des Nürnberger Schlägers. In anderen überführt die DNA den Täter.

Eine Methode des KTI ist das Suchen nach einzelnen Hautschuppen. Dazu werden Kleidungsstücke des Opfers oder Möbelstücke am Tatort mit einer Folie abgeklebt. Danach wandern die Klebefolien unter das Mikroskop. In Kleinstarbeit werden über Wochen hunderte Hautschuppen mit dem Skalpell entfernt. „Manchmal stammt nur eine

Wo stand der Täter, als die Kugel das Opfer traf? Eine dreidimensionale Animation simuliert verschiedene Schusslinien in einem Chemielabor, in dem eine Frau mit einer Pistole von hinten auf einen Mann geschossen hat.

vom Täter“, so Wolfgang Voll, Humangenetiker am KTI
Geht es darum, Tonaufzeichnung zu untersuchen, wendet das KTI als einziges deutsches Institut die „Electric Network Frequency“ (ENF) an. ENF bestimmt die Uhrzeit einer Film- oder Tonaufzeichnung. Grundlage sind Messungen der Stromfrequenz. Die Generatoren europäischer Stromerzeuger rotieren mit einer Frequenz von 50 Hertz. Leichte Schwankungen machen die Frequenz, die bei Bild- und Tonaufnahmen nicht hörbar mitaufgezeichnet wird, in jedem Moment einzigartig. Die Polizei kann Bänder aus Überwachungskameras oder Anrufbeantwortern auswerten, auch wenn ein Täter die Zeitanzeige manipuliert hat. Die Methode ist unfehlbar - vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer.

von Manuela Dollinger

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