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Unter Dampf: Isar 2, der Kugelbau links mit Kühlturm, soll spätestens Ende 2022 vom Netz gehen. Isar 1, das Gebäude rechts neben dem Kühlturm, ist schon stillgelegt und soll nun abgerissen werden.

Anhörung

Isar 1: Hunderte Fragen zum Abriss

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Essenbach - Wie reißt man ein Kernkraftwerk fachgerecht ab? Am Dienstag beginnt in Essenbach bei Landshut eine Anhörung, in der es genau um diese Frage geht. Die Grünen misstrauen den Beteuerungen des Betreibers Eon.

Am 17. März 2011, Punkt 16 Uhr, endete in Essenbach ein Stück Atomzeitalter. Sechs Tage nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima schaltete Eon den mit Isarflusswasser gekühlten Siedewasserreaktor Isar 1 ab – nicht ganz freiwillig, sondern vom bayerischen Umweltministerium per Dringlichkeits-Anordnung dazu verpflichtet. Seit dreieinhalb Jahren liefert die Anlage, in Betrieb seit 1979, keinen Strom mehr.

Am Dienstag beginnt in der Essenbacher ESKARA-Turnhalle die Anhörung zu einem atomrechtlichen Genehmigungsverfahren, das von Umweltverbänden sowie den Grünen misstrauisch beäugt wird. „Wir wundern uns, warum Eon so aufs Tempo drückt“, sagt die Landtagsabgeordnete Rosi Steinberger. Schließlich gebe es noch gar kein Endlager für den radioaktiven Müll. Das Umweltministerium hat die Halle vorsorglich für drei Tage reserviert, da aus den Reihen der etwa 400 Einwender kritische Fragen zu erwarten sind. „Jeder darf seine Bedenken vortragen“, sagt Ministeriumssprecher Stefan Jocher.

Eon hat beantragt, die Anlage Isar 1 „rückzubauen“ – also abzureißen. Der Abriss, so heißt es im Sicherheitsbericht vom Februar 2014, könne „problemlos und ohne Risiko für die Mitarbeiter, die Bevölkerung und die Umwelt durchgeführt werden“. Was simpel klingt, ist hochkomplex. Eon rechnet, dass der Komplett-Abbau 2016 beginnen und 2026 abgeschlossen sein könnte – also etwa zehn Jahre dauert. Allein der Abriss des Reaktorgebäudes aus Stahlbeton mit einer Wandstärke zwischen 50 Zentimetern und 1,20 Meter dürfte eine Herausforderung sein. Gigantische Berge von Schutt fallen bei Isar 1 an, insgesamt 224 000 Tonnen. In einem „Zentrum zur Bearbeitung von Reststoffen und Abfällen“, kurz ZEBRA genannt, werden die Abfälle sortiert. Nur 3400 Tonnen, so beteuert der Stromkonzern, werden so radioaktiv sein, dass sie in ein Zwischenlager oder in das (noch nicht gefundene) „Bundesendlager“ transportiert werden müssten. Ein Großteil des Schutts sei hingegen unbedenklich und könne als normaler Bauschutt behandelt werden. Ist das wirklich so? Das Umweltinstitut München, einer der Einwender, fordert ein anderes Entsorgungskonzept und die Deklaration des Bauschutts als „sehr schwach radioaktiver Abfall“. Das ist jedoch nur ein Einwand: Die Abgeordnete Rosi Steinberger sorgt sich um das Abklingbecken von Isar 1. Dort liegen derzeit über 1700 abgebrannte Brennelemente. „Man darf nicht anfangen, das Ding abzureißen, solange hochradioaktives Material in der Badewanne liegt“, sagt sie etwas salopp. Zumindest müssten sie in Castoren-Behälter umgepackt werden. Außerdem gebe es ja noch gar kein Bundesendlager – wohin also mit den Brennstäben? Ähnliche Fragen kommen von den Städten Landshut und Vilsbiburg, zum Teil gab es auch Einwendungslisten, die die Grünen gesammelt haben. Kritisch hinterfragt wird auch, warum Eon (zusammen mit RWE) gegen die 13. Atomgesetznovelle Verfassungsbeschwerde eingelegt hat – mit Inkrafttreten des sogenannten Atomausstiegsgesetzes war im August 2011 die „Berechtigung zum Leistungsbetrieb“ für Isar 1 auch formell erloschen. Viele Fragen – doch die Abgeordnete Rosi Steinberger ist skeptisch, ob es ab Dienstag umfassende Antworten geben werde. Vielmehr sei „zu befürchten, dass die Bedenken abgewiegelt werden“, sagt sie.

Sollte Isar 1 abgerissen werden, ist das für Essenbach nur Phase 1 beim Ausstieg aus dem Atomzeitalter. Denn der Atommeiler Isar 2, bekannt durch den markanten Kühlturm, darf noch bis längstens Ende 2022 Strom liefern. Zwischen 2026 und 2036, so der ungefähre Zeitplan, könnte dann auch er abgerissen werden.

Dirk Walter

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