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Zweite Heimat: Richard von Weizsäcker mit Ehefrau Marianne beim Wandern im Isarwinkel – am morgigen Donnerstag feiert Richard von Weizsäcker seinen 90. Geburtstag.

Richard von Weizsäcker wird 90 - Isarwinkel die zweite Heimat

Berlin – Die Spree vor der Haustür, das Pergamon-Museum vis-à-vis, die Kanzlerin in der Nachbarschaft, der Berliner Dom nur einen Steinwurf entfernt – wir sind im Berliner Büro von Richard von Weizsäcker, dem Bundespräsidenten a. D.

Kurz vor seinem 90. Geburtstag an morgigen Donnerstag empfängt das „Staatsoberhaupt im Unruhestand“ unsere Zeitung zum Interview.

Trotz der imposanten Hauptstadtkulisse um ihn herum schwärmt Weizsäcker vom Isarwinkel, der ihm und seiner Familie zur zweiten Heimat geworden ist, erinnert an manch muntere Begegnung mit Franz Josef Strauß und erklärt, warum die Kenntnis der Geschichte Europas so wichtig für unsere Zukunft ist.

-Ohne Gratulationspoesie: Wer Sie liest, sieht und hört, glaubt kaum, dass Sie 90 Jahre alt werden. Befremdet Sie diese Zahl auch?

Darüber denkt man sehr wenig nach. Man hat sehr viel zu tun. Man ist in Verbindung mit sehr vielen Menschen, an denen einem liegt – sowohl privat als auch aus dem Bereich, in dem man beruflich praktiziert hat. Darüber hinaus gibt es ja nun wirklich genug Fragen, an denen man immer beteiligt war, über die man weiter mitdenkt und an deren Fortgang man innerlich mitarbeitet. Man hat also im Grunde genommen kein besonderes Bedürfnis, darüber nachzudenken. Ich steige nicht mehr auf die schönen Berge im Isarwinkel – da spüre ich natürlich deutlich mein Alter. Aber ansonsten geht das Leben weiter.

Richard von Weizsäcker im Isarwinkel

Richard von Weizsäcker im Isarwinkel

-Als gebürtiger Württemberger – Sie kamen im Stuttgarter Schloss zur Welt – und als „geborener Preuße“: Was hat Sie veranlasst, sich in Bayern, im Tölzer Land, mit einem Haus eine zweite Heimat zu schaffen?

Geborener Preuße? Also hören Sie mal! Einmal hat jemand, der gar nicht befugt ist, darüber zu sprechen, was einen Preußen ausmacht, nämlich ein Hamburger, mir gesagt, ich sei ja zum richtigen Preußen herangewachsen . . .

-. . . Sie meinen Helmut Schmidt . . .

Ja klar! (lacht) Aber zu Ihrer Frage: Ich bin sehr frühzeitig mit dem Freistaat Bayern in Berührung gekommen. Zum Ersten liegt das an der relativen kurzen Küste Bayerns am Bodensee, in Lindau. Dort hat eine meiner beiden Großmütter gelebt. Das war nach dem Ende des Krieges unser Refugium für die Familie, die wie doch alle Familien und Menschen nach diesem schrecklichen Krieg und der bösen Zeit erst einmal wieder irgendwo eine neue Heimat suchte. Das hat sich in Lindau so entwickelt, dass wir immer wieder Familienfeste dort gefeiert haben.

-Und wie kam es zum Sprung nach München?

In der Nachkriegszeit kam es rasch dazu. München war alsbald ein zentraler Ort des Wiederaufbaus. Später hat es sich ergeben, dass drei von meinen vier Kindern nach München gekommen sind. Einer ist zu unserem großen Schmerz vor anderthalb Jahren gestorben, er war Professor an der Kunstakademie in München und zutiefst mit München, aber auch mit Tölz und dem Isarwinkel verbunden. Ein anderer Sohn ist nach wie vor Professor an der Technischen Universität, meine Tochter ist Publizistin und lebt in München. Die Familie ist sozusagen im Freistaat Bayern niedergelassen.

-Bayern wurde also Ihre zweite Heimat?

Ja. Und dann sind wir fast durch eine Verkettung von glücklichen Zufällen mit dem Isarwinkel bekannt geworden und haben uns dort in Wackersberg ein Domizil geschaffen, das wir nun seit über dreißig Jahren kurz im Sommer und kurz im Winter aufsuchen.

-Haben Sie den bayerischen Dialekt am Anfang überhaupt verstanden?

Die Sprache habe ich schon verstanden. Wer sich in München in der Straßenbahn ein bisschen ins Gedränge begibt, versteht ganz gut die Ausdrücke, die zu hören sind. Ich habe mich jedenfalls immer sehr wohlgefühlt. Die Zeit, als zwischen den Königreichen Württemberg und Bayern große Distanzen bestanden, liegt weit zurück. Napoleon hat die Landkarte ja umgezeichnet. Und auf diese Weise ist Schwaben eben ein Bestandteil des Freistaates Bayern geworden.

-Was bedeutet Ihnen Ihre Gemeinde Wackersberg?

Was wir dort erleben, in dieser großen Gemeinde benachbart zu Tölz, hat unser Leben immer wieder ganz besonders bestimmt. Unser verstorbener Sohn hatte dort sein Atelier. Und als er verstorben ist, war die Anteilnahme, man kann buchstäblich sagen des ganzen Dorfes, etwas tief Bewegendes, was wir niemals vergessen werden. Diese Art von Dorfgemeinschaft, bei allen unterschiedlichen Interessen, die es unter Nachbarn immer gibt, haben wir eben nie in unserem Leben zuvor so wohltuend verspürt. Ich bin als Kind in allen möglichen Teilen der Welt gewesen. In Kopenhagen, in Bern, in Frankreich und Großbritannien. Dann habe ich später in Hauptstädten gelebt, in Bonn und Berlin. Aber das, was wir in Wackersberg für den eigenen Lebenswert verspüren – das erfüllt uns wirklich tief mit Dankbarkeit.

-Nun hat das politische Bayern Ihre Aktivitäten nicht immer nur wohlwollend verfolgt, etwa Ihr Eintreten für die Ostverträge...

.... das war aber kein bayerisches Spezifikum. Ich habe es sehr frühzeitig als Aufgabe meiner Generation empfunden – nachdem ich selber am ersten Tag des Zweiten Weltkrieges als junger Soldat in Polen miteinmarschiert bin und dort meinen älteren Bruder schon am zweiten Kriegstag beerdigt habe –, das uns Mögliche zu tun, um in Zukunft endlich besser zu verstehen, wer unser polnischer Nachbar ist und wie wir mit den ehemaligen Kriegsgegnern in Kontakt kommen. Die Polen waren erst am Ende des Ersten Weltkrieges, nach der polnischen Teilung durch Russland, Preußen und Österreich, wieder ein souveränes Land geworden. Und später wurden sie das erste Opfer des Zweiten Weltkrieges. Wir sind da einmarschiert, ohne zu wissen, was die Gründe für den Angriff waren. Das hat uns am Ende ja selber schwer getroffen durch die massiven Verluste eigener Heimatgebiete. Aber mit den Polen in Kontakt zu kommen und eine Nachbarschaft aufzubauen, die sich auf die Dauer halten lässt, habe ich als Aufgabe empfunden. Und das hat mich in der Tat dazu gebracht, in der Zeit, als der Warschauer Vertrag geschlossen und ratifiziert werden musste, auch im Rahmen meiner eigenen Partei sowie der CSU auf Widerspruch zu stoßen.

-Eine der prominentesten Stimmen war dabei Franz Josef Strauß. Wie war Ihr persönliches Verhältnis zu dem CSU-Vorsitzenden?

Mein Verhältnis zu ihm hatte immer ganz unterschiedliche Entwicklungen – wie zu anderen Menschen auch. Angefangen hat die Beziehung von Strauß zu meiner Familie damit, dass ich einen älteren Bruder hatte, Carl Friedrich von Weizsäcker. Der war Physiker und hatte in den 50er Jahren zusammen mit anderen Physikern eine Denkschrift geschrieben, wonach die deutschen Physiker nicht bereit seien, wissenschaftliche Vorarbeiten zum etwaigen Aufbau eigener Kernwaffen für Deutschland zu leisten. Strauß war damals Verteidigungsminister und davon nicht angenehm berührt. . .

-Und wie war es mit Ihnen?

Es ging immer auf und ab. Als ich Regierender Bürgermeister von Berlin-West war, hatte Franz Josef mich auch einmal zu sich eingeladen. Ich saß ihm in seinem Amtszimmer gegenüber an einem Tisch. Daraus wurde zunächst einmal eine Art Verhör. Strauß hatte einen großen Aktendeckel mit Papieren, holte das erste Papier heraus und sagte: ,Am soundsovielten haben Sie zu diesem Thema das und das gesagt. Warum?’ Ich habe so sachlich und ernsthaft wie möglich die Gründe genannt. Dann kam das nächste Blatt, so ging das weiter – mit der ihm eigenen strengen Sachkenntnis. Bei einem anderen Besuch in Berlin – ich war immer noch Regierender Bürgermeister – hielt er eine Rede und gab anschließend ohne dass ich davon wusste, eine Pressekonferenz. Nach einigen Anmerkungen über die Teilung Berlins erklärte er, er wolle noch eine persönliche Bemerkung anschließen. Für den Fall, dass ich Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten würde, wolle er nur sagen, er persönlich und seine CSU würden das unterstützen. Das hatte er gesagt, vermutlich ohne es Helmut Kohl vorher zu erzählen. (lacht).

-Also Ihr persönliches Verhältnis zu ihm war gut?

Es war immer voller Interesse und voller Respekt dafür, wie viel er für das Ansehen Bayerns zuhause in Deutschland und in der ganzen Welt getan hat.

-Sie sind zusammen mit Helmut Schmidt Herausgeber einer Buchreihe über die europäischen Nachbarn. Haben Sie Sorge, dass sich die Deutschen zu wenig mit ihren Partnern in Europa beschäftigen?

Nein. Das Motiv dafür ist einfach. Wir Deutsche haben ja erst 1871 unsere Nation zustande gebracht. Es war ja damals nicht ganz leicht, die Bayern zu überzeugen, da mitzumachen. (schmunzelt) Alle unsere Nachbarländer hatten äußerst gemischte Gefühle, was das für Folgen für Europa und sie selbst haben würde. Man möge immer bedenken: wir haben neun Nachbarländer. Nur Russland, China und Brasilien haben mehr als wir. Unsere Nachbarschaftsbeziehungen waren fast immer schwierig oder mindestens kompliziert. Jetzt haben wir sechzig Jahre lang in Europa keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr. Mit allen unseren Nachbarn leben wir zum ersten Mal in unserer Geschichte in Frieden. Das ist eine unglaublich bewegende Entwicklung in der Geschichte. Daran zu erinnern und in die Entwicklungen dieser Nachbarländer einen besseren Einblick zu gewinnen – das war für Helmut Schmidt und mich der Grund, gemeinsam diese Reihe herauszugeben. Es tut uns Deutschen immer gut, das, was wir europa- und außenpolitisch vorhaben, auch einen Moment lang von den Nachbarn her zu bedenken. Was sie zu sagen haben.

-Haben Sie Sorge, dass die junge Generation, die nie die Schreckenserfahrung des Krieges machen musste, den Wert „Frieden“ zu selbstverständlich nimmt?

Zum Glück ist Frieden wenigstens in Europa zur zeitgeschichtlichen Gewohnheit geworden. Deswegen halte ich es immer für besonders wichtig, langfristig in die Geschichte zurückzublicken, um zu erkennen, wie es war und wie es sich entwickeln kann, wenn man nicht gebührend aufpasst. Aber jetzt sind wir doch an einem Punkt angekommen, wo wir in der Europäischen Union zusammengehören. Und was man über die Europäische Union denken soll und zu ihr beitragen kann, da kommen mitunter ja auch recht muntere Beiträge aus ...

-... Karlsruhe?

. . . aus der Hauptstadt des Freistaates Bayern! (lacht) Aus Karlsruhe aber auch. Ich darf hinzufügen: Ich finde es vollkommen richtig, wenn in dem Urteil über den Lissabonner Vertrag darauf hingewiesen wird, dass die nationalen und regionalen Parlamente sich beteiligen sollen – nicht nur das Europaparlament. Trotzdem gilt es dabei immer daran zu denken: Das, was in einem Landesparlament in Bezug auf Europa bedacht, beschlossen und geäußert wird, muss sich immer daran orientieren: Wir haben keine wirklich andere als eine gemeinsame europäische Zukunft. Damit das funktioniert, sind selbstverständlich Ermahnungen und Rückfragen legitim. Aber letzten Endes doch in einem europäischen Sinn. Das sollte in allen Landtagen zu hören sein.

-Was ist für Sie das Ziel Europas? Die „Vereinigten Staaten von Europa“?

Was wir in Europa bilden, ist etwas, was es in der Geschichte noch nie gegeben hat. Europa ist kein Staat. Europa ist keine Nation. Es ist ein Bündnis von Nationen. Es ist aber auch nicht nur ein internationaler Vertrag. Was daraus auf die Dauer wird – das werden unsere Enkel und Urenkel genauer definieren.

Interview: Alexander Weber

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