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Bilder: Die Beweise gruseliger Verhöre

"Ja, ich bin eine Hexe"

Nördlingen - Teufelsglaube, Daumenschrauben, falsche Geständnisse: In Nördlingen wacht der Stadtarchivar über Verhörprotokolle von Hexenprozessen aus dem 16. Jahrhundert. Es sind Zeugnisse einer gesellschaftlichen Tragödie.

Ehrfürchtig streicht Stadtarchivar Wilfried Sponsel über das angegilbte Papier. Nur selten nimmt er die historischen Dokumente aus ihren Kartons. Die unscheinbaren Pappkisten lassen nicht erahnen, welcher Schatz im engen Magazin des Nördlinger Stadtarchivs verborgen liegt. Zu viel Licht könnte den losen, mit Tinte beschriebenen Blättern schaden. An manchen Stellen ist die Schrift über die Jahrhunderte verblasst, doch das meiste ist lesbar. Es sind Verhörprotokolle aus einem dunklen Kapitel der kleinen schwäbischen Stadt - sie stammen aus der Zeit der Hexenverfolgungen im 16. Jahrhundert.

Sponsel steht im Leseraum des Stadtarchivs, der an ein vollgestopftes Wohnzimmer erinnert. An den Wänden Regale mit unzähligen Büchern, davor ein wuchtiger Schreibtisch. Über dem Schreibtischstuhl eine schwarze Jacke, die auf den ersten Blick den Eindruck erweckt, es sitze dort jemand. Ein ruhiger Arbeitsplatz. Zwei- bis dreimal im Jahr kommen Interessierte vorbei und wollen die Verhörprotokolle einsehen - meist Studentinnen, Schülerinnen oder Wissenschaftlerinnen.

Verhörprotokolle von Hexenprozessen aus dem 16. Jahrhundert

Verhörprotokolle von Hexenprozessen aus dem 16. Jahrhundert

„Es ist selten, dass sich ein Mann für das Thema interessiert“, sagt Sponsel. Es seien eben Frauenschicksale, um die es hier gehe. „Die Männer waren ja die Täter.“ Männer, die Frauen unter Folter zwangen, sich als Hexen zu bekennen. Die ihnen Geständnisse entlockten, die keinen Wahrheitsgehalt enthielten, weil fast jede unter Schmerzen nahezu alles gestand: Ja, sie sei auf einem Besen geritten, ja, sie habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, ja, sie sei böse, böse, böse. Manchmal genügte es schon, den Frauen die Foltergeräte bloß zu zeigen.

Einmal allerdings seien es zwei ältere Männer gewesen, die einen Blick in die Akten hätten werfen wollen, sagt Sponsel. Nachfahren Rebekka Lemps, die im September 1590 auf dem Scheiterhaufen starb. Sie war von einer anderen angeklagten Frau der Hexerei bezichtigt worden und ins Verlies gekommen, als ihr Mann gerade auf Geschäftsreise war. Nach fünfeinhalb Wochen Haft und mehrfacher Folter schrieb sie ihm einen Brief.

Der Stadtarchivar räuspert sich und übersetzt das alte Deutsch der Mutter von sechs Kindern: „Ich bin so unschuldig wie Gott im Himmel. Wenn ich nur ein bisschen von solch einer Sache wüsste, so wollte ich, dass mir Gott den Himmel versage. Oh du herzlieber Schatz, wie geschieht meinem Herz. Oh weh, oh weh meiner armen Waisen.“ Sie habe also gewusst, dass sie nicht mehr heimkommen werde, sagt der Archivar.

Die beiden Nachkommen Rebekka Lemps hätten nach der Lektüre mit den Tränen gekämpft. „Das hat mich sehr berührt.“ Seit 1999 ist Sponsel Stadtarchivar in Nördlingen und wacht über die Verhörprotokolle. „Wir sind hier wirklich sehr gut bestückt. Es ist sensationell, wenn man sieht, wie gut die Akten erhalten sind.“ Das Stadtarchiv ist in einem gelben Eckhaus am Weinmarkt untergebracht. Der Ort spielte in der großen Nördlinger Hexenverfolgungswelle zwischen 1589 und 1598 eine große Rolle.

In unmittelbarer Nähe des Platzes lebten besonders viele angebliche Hexen - allein zwölf der rund 35 Verurteilten, die während oder nach der Folter ein Geständnis ablegten und ihr Leben auf dem Scheiterhaufen verloren. Nachbarinnen denunzierten sich hier wohl gegenseitig, wenn sie den bohrenden Fragen schließlich nachgaben: „Wer war mit dir zusammen dort? Wer saß vorn auf dem Besen?“ Unglaublich, sagt Sponsel, wie pragmatisch die Fragen gewesen seien.

Unter der Folter verdächtigte eine Frau die andere - vielleicht am ehesten die, mit der sie noch eine Rechnung offen hatte. So zog ein Hexenprozess den nächsten nach sich, folgte einer Verbrennung die andere. Die Protokollführer hatten viel zu tun in den neun Jahren. Sie füllten Akte um Akte. „Es war eigentlich nach Recht und Ordnung“, sagt Stadtarchivar Sponsel. „Man wollte die Ordnung aufrechterhalten. Nichts war schlimmer in einer Stadt wie Nördlingen, als gegen Gottes Ordnung zu verstoßen.“ Eine Ordnung, die eigentlich von den Menschen selbst aufgestellt worden sei. In der Zeit um 1600 zählte Nördlingen etwa 8800 Einwohner.

Damals ging die Angst um in der Reichsstadt. Zum einen davor, selbst der Hexerei bezichtigt zu werden. Zum anderen war da die Furcht vor der Macht des Teufels und den angeblichen Hexen. Wegen Seuchen und Naturkatastrophen hatte sie sich im Spätmittelalter ins Unermessliche gesteigert. Papst Innozenz VIII. erließ 1484 die „Hexenbulle“ und gab damit der Inquisition freie Hand zur Verfolgung und Verurteilung vermeintlicher Hexen und Ketzer. Eine Welle von Hexenprozessen folgte.

Außerhalb der Stadtmauern Nördlingens liegt, umwachsen von Bäumen und Büschen auf einer kleinen Anhöhe, der Hexenfelsen. Touristen schlendern vorbei, Schilder geben Auskunft über die Steinformation. Kaum vorstellbar, was hier vor gut 400 Jahren geschah. Hier, auf dem Felsen, seien die angeblichen Hexen verbrannt worden, sagt die Nördlinger Stadtführerin Heidemarie Greiner. Lodernde Flammen, verzweifelte Schreie - ein weithin sichtbares Zeichen sollte der Felsen sein, ein Zeichen, dass in Nördlingen Recht und Ordnung herrschte. „Der Glaube an den Teufel hat das Ganze ermöglicht. Neid, Missgunst und Habgier haben gereicht, um es in Szene zu setzen.“

Viele der zu Beginn einer Verfolgungswelle angeklagten Frauen seien Heilerinnen oder Hebammen gewesen, sagt Greiner. Sie führt das auch auf Berufsneid von Ärzten zurück. „Später war es dann ein Schneeballsystem quer durch alle Schichten.“ Die Qualen der vermeintlichen Hexen sind unvorstellbar. Die Stadtführerin erzählt von Daumenschrauben, von Streckbänken und vom „spanischen Stiefel“, der nach innen mit Nägeln ausgestattet gewesen sei und den die Peiniger ihren Opfern um Schienbein und Wade gelegt hätten.

Sie erzählt vom Aufziehen der Frauen am Strang - an den Armen hochgezogen und manchmal noch mit einem Stein an den Füßen beschwert, wurden sie auf- und abgeschnellt. Zwischen den Folterungen darbten die Angeklagten im Verlies auf fauligem Stroh vor sich hin. Sie bekamen Suppe, mit Glück vielleicht ein Stück Brot, wie Greiner erzählt. Mehrere Frauen starben an den Folgen der Folter, so dass nur noch ihre Leichen auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden konnten. „Ich identifiziere mich so stark damit, dass ich nach jeder Stadtführung fertig bin.“

Besonders beeindruckend ist die Geschichte von Maria Holl, an die ein hölzerner Brunnen auf dem Weinmarkt erinnert. Die Frau wurde den Akten zufolge 62 Mal gefoltert - und doch widerstand sie und war nicht zu einem Geständnis zu bewegen. Kleine Zugeständnisse, um der Folter zu entgehen, widerrief sie kurze Zeit später.

Gott der Allmächtige werde sie bei der Wahrheit erhalten und sie nimmer schwach darin werden lassen, sagte Holl einem Akteneintrag zufolge am 11. Dezember 1593. Jesus Christus solle ihr beistehen und sie aus dieser Not retten. Mangels eines Geständnisses war das Inquisitionsverfahren nach 334 Tagen und Nächten Kerkerhaft zu Ende - Holl wurde am 11. Oktober 1594 entlassen. „Es gibt keine Erklärung für diese Frau“, sagt Greiner.

Schriftlich wurde Maria Holl das Versprechen abgenommen, sich wegen Inhaftierung und Folter nicht zu rächen. Stadtarchivar Sponsel schaut auf das Dokument in seinen Händen und sagt: „Sie hat wohl eine ganz besondere Gabe gehabt: Widerstandskraft. Sie ist mental nicht abgesackt.“ Mit Holl seien die Hexenprozesse in Nördlingen schleichend zu Ende gegangen, sagt Stadtführerin Greiner. „Die Frau hat ganz einfach keine neuen Namen mehr genannt.“

Sie war allerdings nicht die einzige Frau, die trotz Folter kein Geständnis ablegte - und sie war auch nicht die einzige, die deswegen wieder aus der Haft entlassen wurde. Mindestens 43 Menschen wurden in den neun Jahren der großen Nördlinger Verfolgungswelle als Hexen bezichtigt. Gegen 40 davon erhob der Rat der Stadt Anklage mit peinlichem Verhör, der Folter. Vier Frauen gaben trotz der Schmerzen kein Geständnis ab und wurden schließlich wieder freigelassen.

Obwohl weitaus die meisten der Angeklagten Frauen waren, gab es auch einige der Hexerei bezichtigten Männer - zwischen 1589 und 1598 waren es in Nördlingen zwei. Einer von ihnen erhängte sich am 2. August 1598, vielleicht aus Furcht vor der für den nächsten Tag angekündigten Folter, wie Dietmar-H. Voges in einem Buch über Nördlingen schreibt. Die Leiche des Mannes wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der zweite Mann gestand bereits bei der ersten Folterung und bezichtigte dabei auch seine Frau, die Mutter von vier Kindern war, der Hexerei.

Nördlingen bildete mit seinen Hexenprozessen keine Ausnahme. Die Verfolgung erreichte von Südfrankreich ausgehend im 16. und frühen 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt - in katholischen wie in protestantischen Gebieten Deutschlands. In drei großen Wellen sollen hier rund 100 000 Menschen als angebliche Hexen in den Flammen der Scheiterhaufen gestorben sein, zehn Prozent davon Männer. Den letzten Hexenprozess auf deutschem Boden gab es 1775 in Kempten.

Im Magazin des Stadtarchivs hockt Sponsel vor einer Unmenge an Pappkartons mit der Aufschrift „Kriminalakten“, darunter auch die Akten der Hexenprozesse. Wie viele genau es sind, kann er nur schätzen. „70 vielleicht“, sagt er. Mancher Besucher sei verwundert, dass die Akten nicht in digitaler Form vorlägen. Aber was nütze das bloße Digitalisieren? „Es bleibt das alte Schriftbild, das man lesen können muss.“

dpa

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