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Die Herausforderer: Die Wildschweine machen Bayerns Jägern und Landwirten Sorgen.

Neue Strategie

Jäger und Landwirte im Kampf gegen die Wildsau

München - Die Lebensbedingungen für Wildschweine sind seit einigen Jahren ideal in Bayern. Eine klare Strategie gibt es bislang nicht. Zwischen Jägern und Landwirten hat es oft gekracht. Nun haben sie in großer Runde nach Lösungen gesucht. Erstmals gemeinsam.

Rainer Grüter weiß, mit wem er es zu tun hat. Der Gegner lernt schnell, er ist blitzgescheit. Und er fordert Bayerns Jäger gewaltig. Es reicht längst nicht mehr, nächtelang auf dem Hochsitz auszuharren. Grüter ist lang genug Jäger, um zu wissen, dass die stetig steigenden Wildschweinzahlen im Freistaat nur gemeinsam in den Griff zu bekommen sind. „Wir Jäger allein können das nicht schaffen“, sagt er. „Wir müssen uns mit den Landwirten zusammentun.“

Daran – so schien es – ist es in den vergangenen Monaten immer wieder gescheitert. Statt konstruktiver Gespräche gab es vor allem Schuldzuweisungen. Die Jäger warfen den Landwirten vor, zu viel Mais anzubauen und damit perfekte Lebensbedingungen für das Schwarzwild in Bayern zu schaffen. Und die Bauern klagten über durchpflügte Felder und warfen den Jägern vor, zu wenig Wildschweine zu schießen. Gestern sind beide Seiten erstmals zu einem ganztägigen Treffen zusammengekommen – um gemeinsam Lösungen zu finden.

Rainer Grüter: Jäger aus Egenhofen

Rainer Grüter aus Egenhofen (Kreis Fürstenfeldbruck) ist mit großen Erwartungen zu der Tagung des Landwirtschaftsministeriums nach München gefahren. „Wir müssen auf oberster Ebene endlich das hinbekommen, was im Kleinen schon relativ gut funktioniert“, sagt er. Die Verbandsspitzen hätten schon viel früher auf die Basis hören sollen.

Das glaubt auch Alfred Robold, Landwirt aus dem Regensburger Raum. Er baut Kartoffeln an – und hat viel Ärger mit Wildschweinen. Auf eine gemeinsame Tagung von Bauern und Jägern hofft er schon lange. In seiner Gemeinde Schierling arbeitet er längst eng mit seinen Jagdpächtern zusammen. Der 59-Jährige holt sich vor der Aussaat ihren Rat. Und auch sonst setzt er sich regelmäßig mit ihnen zusammen. „Dabei geht es die erste Viertelstunde meistens sehr emotional zu.“ Aber genau deshalb funktioniert die Zusammenarbeit so gut, ist er überzeugt. Jeder darf sich den Frust von der Seele reden – danach werden gemeinsam Lösungen gesucht. Das erhofft er sich nun auch von den Verbandsspitzen. „Wir müssen wirklich alle Mittel diskutieren, wenn es um die Wildschweine geht“, sagt er.

Alfred Robold: Landwirt aus Schierling

So sieht das auch Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU). Es müssen neue Jagdmethoden geprüft werden, forderte er bei der Tagung. Eine Möglichkeit könnten die bislang verbotenen Nachtsichtzielgeräte sein, damit die Jäger die Wildschweine bei Dunkelheit besser erkennen können. Das Ministerium hat die Geräte im Rahmen eines Projekts testen lassen – und ist zu einem positiven Fazit gekommen, was Effektivität, Tierschutz und Sicherheit bei der Nachtjagd angeht. Verstärkt sind auch revierübergreifende Jagden mit Hunden und Treibern angedacht. „Mit herkömmlichen Methoden allein werden wir das Problem nicht lösen“, sagte Brunner. Denn selbst die intensive Bejagung mit einer Rekord-Abschusszahl von 68 000 Tieren im Jahr hatte die weitere Ausbreitung des Schwarzwilds und die stetig wachsende Population nicht stoppen können. Das Risiko für Autofahrer wird größer. Erst am Freitagmorgen ist bei einem Verkehrsunfall mit einem Wildschwein eine 43-jährige Frau bei Schrobenhausen ums Leben gekommen.

Bis zum Frühjahr will Brunner einen Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen vorlegen. „Wir müssen jetzt mit dem Diskutieren aufhören und endlich handeln“, sagte auch Bauernpräsident Walter Heidl. Als Partner – nicht als Gegner. Dafür müsse die Jagd attraktiver gemacht werden, findet Jürgen Vocke, Präsident des Bayerischen Jagdverbandes. Der Staat könnte beispielsweise Gebühren für die Untersuchung erlegter Tiere erlassen oder sich um die Erhaltung von Schießständen kümmern. Jäger Rainer Grüter wünscht sich außerdem ein bisschen mehr Verständnis. Dafür, dass die Jäger ganze Winternächte auf dem Hochsitz verbringen, um ein Wildschwein zu schießen. „Als Pensionär kann ich das machen“, sagt der 67-Jährige. „Aber wer noch voll im Berufsleben steht, kann das nicht leisten.“

Katrin Woitsch

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