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Kundschaft en masse: Die Schlepper passen ihre Mitfahrer meist direkt am Automaten ab. Beliebt sind die Routen nach Passau oder Nürnberg.

Fahnder im Einsatz

Jagd auf Bayern-Ticket-Betrüger

München - Ein Bayern-Ticket zahlen, zwanzig Mal kassieren. Das Geschäft mit den illegalen Mitfahrten lohnt sich und kostet die Bahn Millionen. Bei der DB verschnarchte man das Problem lange. Jetzt schickt der Konzern Fahnder los – mit ersten Erfolgen.

Herr Z. hat sich drangehängt an die, die sie bei der Bahn Schlepper nennen. Am Gleis in München hat er sie beobachtet, im Zug und am Zielbahnhof. Er hat auch gesehen, wie die Schlepper zusammen Pause machen und Mitfahrer austauschen, wenn einer zu viele hat. Bei der zweiten Fahrt haben Herr Z. und seine Kollegen die Reisenden dann angesprochen. „Die Mitfahrer waren sehr irritiert“, sagt er. Sie waren sich keiner Schuld bewusst.

Seit Monaten sind die illegalen Mitfahrten der Bahn ein Dorn im Auge. Das System ist einfach: Ein professioneller Pendler kauft ein Bayern-Ticket für 38 Euro und pendelt mit wechselnden Reisegruppen quer durch den Freistaat, fünf, sechs Strecken am Tag. Von jedem Mitfahrer kassiert er acht Euro. Die wissen nur teilweise, dass sie damit Betrug begehen – das ist auch Teil des Problems.

Zivilfahnder wie Herr Z. sollen Teil der Lösung sein. Im August hat die Bahn vier Mitarbeiter, zwei von der DB Sicherheit, zwei von der DB Regio, auf die Bayern-Ticket-Betrüger angesetzt. Elf Tage waren sie unterwegs, die prominenten Strecken von München nach Nürnberg, Passau oder auch Regensburg. Acht Schlepper konnten sie dingfest machen und der Bundespolizei übergeben, außerdem 18 Mitfahrer. Die Schlepper haben jetzt Hausverbot und eine Anzeige am Hals. Ihre „Opfer“ zahlten – 40 Euro, die man laut Fahrgastmarketing-Chef Reinhard Saß „nur ungern“ kassierte.

Bahn verliert durch das Problem viel Geld

Dass die Aktion erfolgreich war, ist eine Erleichterung für die Bahn in Bayern. Immerhin verliert sie durch die Geschäfte der Schlepper zwischen 500 000 und 1,4 Millionen Euro im Jahr – konservativ geschätzt. Außerdem, gesteht Saß, habe man zu spät auf das offensichtliche Problem reagiert: „Wir haben immer gesagt: In Bayern gibt’s das nicht.“

Dabei ist das Gegenteil der Fall. Zwischen 30 und 50 illegale Pendler vermutet Peter Bierling, Sicherheitschef bei der Bahn, allein in Bayern. Wenn’s gut läuft, verdient einer am Tag mehr als 100 Euro. Im Monat läppert sich das, keine Frage, dass die Schlepper ihr Geschäft halten wollen. Die Aktion mit den Zivilfahndern, sagt Herr Z., habe sich schon rumgesprochen, die gut organisierten Ticket-Betrüger werden vorsichtiger. Zuversichtlich stimmt das nicht, zumal es schon im August schwer genug war, den Verdächtigen zu folgen, die einfach in U-Bahnen flüchteten und dann weg waren.

Nicht die einzige Schwierigkeit im Kampf gegen die Schlepper. Geld zurückzufordern sei so gut wie unmöglich, sagt Reinhard Saß. „Wir haben ein großes Problem mit der Nachweisbarkeit.“ Außerdem vernetzen sich die Betrüger zunehmend über Mitfahrzentralen im Internet. Saß weiß das. Aber man sei „mit dem größten Anbieter schon im Gespräch“.

Der Fahnungs-Erfolg ist nicht Ende der Fahnenstange. Die Bahn will auch zukünftig mit der Bundespolizei zusammenarbeiten und testet neue – noch geheime – Konzepte, um die Schlepper im Zug zu überführen. Außerdem sollen Mitarbeiter bald an „Schwerpunktautomaten“ vor dem illegalen Geschäft warnen. Auch auf dem Bayern-Ticket wird sich etwas ändern. Ab Ende 2013 soll sich jeder Reisende eintragen müssen – bislang reicht der Name desjenigen mit der längsten Route.

Auch Herr Z. fahndet weiter – stichprobenartig, um’s den Schleppern nicht zu leicht zu machen. Es sind ja noch einige unterwegs.

Marcus Mäckler

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