Rehe auf einer Wiese
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Wie viele Wild verträgt der Wald? Diese Frage wird mit der geplanten Novelle des Bundesjagdgesetzes wieder leidenschaftlich diskutiert.

„Das Reh wird als Schädling behandelt“

Streit um neues Jagdgesetz: Wald vor Wild - Ohne Schutzmaßnahmen muss das gesamte Wild getötet werden

  • Beatrice Oßberger
    VonBeatrice Oßberger
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Zu viel Reh im Wald? Die geplante Novelle des Bundesjagdgesetzes löst heftige Reaktionen aus. Rehwild soll künftig vermehrt abgeschossen werden.

München – Die Auseinandersetzung um die Novelle des Bundesjagdgesetzes spitzt sich zu. In Bayern hat sich das „Netzwerk Wald mit Wild“ gebildet. Eine Initiative, der sich bundesweit Jäger, Waldbesitzer und Tierschützer angeschlossen haben und die sich nun laut in die Debatte um das Gesetz eingeschaltet hat. „Wir wollen das Wild im Wald schützen“, sagt Ernst Weidenbusch, Präsident des Bayerischen Jagdverbandes und Unterstützer des Netzwerks. „Deshalb darf das Gesetz in seiner jetzigen Fassung nicht in Kraft treten.“

In dem Streit geht es um die neuen Regeln zum Schutz vor Wildverbiss und die Frage, ob in deutschen Wäldern mehr Rehwild getötet werden muss. Um dadurch Verbiss-Schäden an jungen Bäumen zu minimieren, um wiederum dadurch den Umbau zu einem klimaresistenteren Wald voranzutreiben. Dahinter steht die Frage: Gibt es zu viel Rehwild im Wald?

Forstministerin Kaniber: „Nicht das Rehwild ist bedroht, sondern dessen Lebensraum, der Wald“

Auch in der CSU-Landtagsfraktion gehen die Meinungen hier auseinander: „Nein“, sagt der CSU-Abgeordnete Weidenbusch. „Schon heute wird Rehwild intensiv bejagt. Verbiss-Schäden lassen sich auch durch immer höhere Abschusszahlen nicht vermeiden.“ Seine Fraktionskollegin und Forstministerin Michaela Kaniber (CSU*) sagt hingegen: „Das Rehwild ist die häufigste Schalenwildart in Bayern und flächendeckend verbreitet. Nicht das Rehwild ist bedroht, sondern dessen Lebensraum, der Wald.“

Rund ein Drittel der jungen Laubbäume weisen laut Bundeswaldinventur Verbiss-Schäden auf, verursacht nicht nur, aber vor allem vom Rehwild. Die Tiere fressen gerne die jungen Triebe und Knospen an den Pflanzen ab, was zum Absterben der Pflanze führen kann. Gerade Laubbäume sind beim Waldumbau aber wichtig, sollen doch aus von Fichten und Kiefern dominierten deutschen Wäldern klimastabilere Mischwälder entstehen. „Ohne waldangepasste Schalenwildbestände können die vielfältigen Lösungswege von Bund und Ländern, unsere Wälder für die Zukunft zu sichern, nur schwerlich zum Erfolg führen“, sagt Kaniber. Der Abschuss des Wildes, heißt es in der geplanten Novelle, sei so zu regeln, dass die Verjüngung des Waldes im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen ermöglicht wird.

Novelle des Bundesjagdgesetztes: „Das Reh wird als Schädling behandelt“

Mit „Verjüngung des Waldes“ ist beides gemeint – die natürliche und künstliche Verjüngung, wie etwa die Aufforstung. „Blanker Unsinn“ sei diese Formulierung, sagt Weidenbusch. „Wer einen Wald will, in dem es keinerlei Verbiss-Schäden gibt, gleichzeitig die jungen Pflanzen aber nicht schützt, der muss das gesamte Wild töten. Anders geht das nicht.“ Weidenbusch fürchtet, dass die Jäger künftig sehr viel mehr Rehwild schießen müssen als bisher. „Das Reh wird in der Novelle als Wald-Schädling behandelt, das bekämpft werden muss“, kritisiert er und fordert eine Änderung der Vorgaben.

Bei Neupflanzungen soll der Waldbesitzer zu Schutzmaßnahmen verpflichtet werden. „Wer Ruhezonen für das Wild schafft und Äsungsareale oder Wildäcker, der lenkt das Wild von den Waldbereichen ab, in denen die neuen Bäume wachsen sollen“, sagt Weidenbusch. Andere Möglichkeiten seien die Umzäunung oder ein Verbiss-Schutz aus Plastik, der einzeln an die jungen Bäume angebracht wird. „Wenn ich im Wald unterwegs bin, habe ich die Clips immer dabei.“

Ministerin Kaniber verweist auf die Maxime Wald vor Wild

Ministerin Kaniber verweist auf den „jagdgesetzlichen Vorrang des Waldes“, der im bayerischen Waldgesetz festgeschrieben ist. „Das Ziel, unsere Wälder für die Zukunft zu sichern, werden wir allein durch Beratung und finanzielle Förderung schwerlich erreichen“, sagt sie. „Wir brauchen den Schulterschluss mit der Jägerschaft.“ Maßnahmen wie umfängliche Zäune oder den Verbiss-Clips hingegen erteilt die Ministerin eine Absage. „Unser Ziel kann es nicht sein, Plastik in großem Umfang als Einzelschutz in den Wald einzubringen.“ Auch wenn seltene Baumarten gegebenenfalls geschützt werden müssten.

Laut Novelle soll künftig die behördliche Abschlussplanung für Rehwild entfallen, Waldbesitzer und Jagdpächter sollen diese eigenverantwortlich auf Grundlage eines Vegetationsgutachtens durchführen. In den Grundsätzen wird dieses Prozedere in Bayern schon seit vielen Jahren praktiziert und kann auch beibehalten werden. Dafür sorgt eine Unberührtheitsklausel in der Novelle. „Wir sind froh, dass diese Klausel erreicht wurde“, sagt Weidenbusch, der nun auch in den anderen Punkten auf „Einsicht und Kompromissbereitschaft“ hofft. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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