40 Jahre Luftrettung: Mit der Landkarte am Steuerknüppel

München - Die deutsche Luftrettung feiert in diesen Tagen 40-jähriges Bestehen. Der ADAC gilt dabei als Pionier, der mit dem Münchner Hubschrauber „Christoph 1" einen Umbruch im Rettungswesen einleitete.

Die Anfangstage waren abenteuerlich - gefährlich und teuer ist die Luftrettung allerdings noch immer.

Der Regen prasselt gegen die Scheibe, dumpf rattern die Rotoren. Erhard Keil fährt mit seinem Finger über eine Landkarte, mit der anderen Hand hält er den Steuerknüppel. Die Zeit drängt, Keil muss den Einsatzort finden, doch er hat die Orientierung in der Suppe aus Wolken und Regen verloren. Kurz entschlossen zieht er die Maschine nach unten, fliegt im Tiefflug zur nächsten Ortschaft. Ein Blick aus der Kanzel aufs Ortsschild, auf den Kompass - jetzt weiß er wo es lang gehen muss.

Es ist eine Geschichte aus den Anfangstagen der Luftrettung in Deutschland. „Es war eine Pionierzeit“, sagt Erhard Keil, heute 60 Jahre alt, ADAC-Rettungspilot der ersten Stunde. Die Episode dokumentiert, wie improvisiert es in deutschen Rettungshubschraubern in den 70er und 80er Jahren zuging. Doch in 40 Jahren ist aus der Improvisation ein hochprofessioneller und unverzichtbarer Bestandteil des Rettungswesens geworden: 70 Standorte gibt es deutschlandweit, der ADAC betreibt davon 33 mit 45 Hubschraubern.

Der Automobilclub stationierte am 1. November 1970 mit dem „Christoph 1“ den ersten deutschen Rettungshubschrauber am Krankenhaus Harlaching. Es war der erste Schritt für einen Umbruch im Rettungswesen: Damals nahm die Zahl der Unfalltoten dramatisch zu - auch deshalb, weil Sanitäter die Verletzten einfach nur möglichst schnell in die Klinik brachten. Der neue Ansatz: Der Arzt muss schnell zum Patienten, damit er schon vor Ort mit der lebensrettenden Behandlung beginnen kann.

Doch die Rettungs-Pioniere wie Erhard Keil hatten es nicht leicht. Kein Navigationsgerät an Bord, nur Kompass und Karte. Die medizinische Ausrüstung war ziemlich spärlich. Erhard Keil berichtet von einer alten Militärtrage und einem ziemlich schweren Defibrillator. Inzwischen sind die Helikopter wie fliegende Intensivstationen ausgestattet. Das liegt auch daran, dass es inzwischen gesetzliche Vorschriften für die Luftrettung gibt. Ausstattung und Ausbildung des Personals sind genau geregelt.

Bei aller Technikaufrüstung hat sich der Job der Luftretter kaum verändert - er ist immer noch hochanspruchsvoll, belastend und gefährlich. Keil erinnert sich an viele prekäre Situationen, etwa Bergungen in den Alpen. Am Jubiläumsgrat zog einmal innerhalb von wenigen Minuten dichter Dunst auf, während der Rettungsassistent an der Winde hing. „Wir haben schnell die Winde eingezogen. Es ging gerade noch gut“, sagt Erhard Keil.

Jederzeit muss die Besatzung hellwach und aufmerksam sein. Die Katastrophe droht immer. 1971 stürzte eine Christoph 1-Besatzung ab, weil der Heckrotor des Hubschraubers bei der Landung in München-Allach eine Hauswand touchierte. Der Notarzt starb, die beiden anderen überlebten. Oft müssen die Luftretter auch in der Stadt landen - am belebten Goetheplatz etwa. „Da geht es noch, weil es keine Tram-Oberleitungen gibt“, sagt Keil. Dennoch: Der Wind der Rotoren wirbelt Äste und Steine durch die Gegend, zerfetzt Markisen und Jalousien.

Die schnelle, kompromisslose Lebensrettung hat ihren Preis: Ein Einsatz kostet die Krankenkassen pro Minute 50 Euro. Auf 64,5 Millionen Euro beziffert der ADAC die jährlichen Aufwendungen - die nach Club-Angaben nicht voll gedeckt würden. 800 000 Mal starteten die ADAC-Maschinen in den 40 Jahren zu Notfall-Einsätzen. Erhard Keil weiß für seine Zeit beim „Christoph 1“: „Wir haben definitiv vielen Menschen das Leben gerettet.“

Stefan Mühleisen

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