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Blick nach oben: Karin, 33, und Alex, 34, aus Karlsruhe haben es sich vorm Watzmannhaus gemütlich gemacht. Himmlisch.

125 Jahre Watzmannhaus – eine Hütte voller Geschichten

Seit 125 Jahren kommen die Bergfexe hierher. Das Watzmannhaus ist eine Hochgebirgshütte mit einem Panorama und einer Geschichte, die den Atem rauben. Ein Besuch auf 1930 Metern – bei einem Wirt, dem es vor den Talmenschen graust. Und bei Wanderern, die noch verwegener sind als anderswo.

Vielleicht ist es keine schlechte Wahl, mit Wolfgang Ambros, dem Liedermacher, dem König des Austropops anzufangen, um diesem Berg auf die Schliche zu kommen. Er hat dem Watzmann ein schaurig-schönes Denkmal gesetzt. Er hat ihn noch größer gemacht als seine 2713 Meter, die er eh schon aufs Maßband bringt. Hören wir einfach mal rein:

Watzmann, Watzmann,

Schicksalsberg,

du bist so groß

und i nur a Zwerg.

Vül hat’s schon pockt,

am Berg aufi g’lockt,

g’folgt sans ihm tapfer,

oba da Berg,

der wüll sei Opfer.

Schicksalsberg. Opfer. Tapferkeit. Es gibt wahrscheinlich keinen bayerischen Berg, der aufgeladener ist mit Geschichten, der bekannter ist, der es faustdicker hinter den Ohren hat als der Watzmann. Geht man hoch aufs 125 Jahre alte Watzmannhaus, der berühmten Zwischenstation auf 1930 Metern für die noch berühmtere Überschreitung, und fragt die Bergsteiger und die Touristen aus Nah, Fern, Bamberg, Karlsruhe, Österreich, Slowenien, Frankreich, Italien, Amerika, Australien und sonst wo, warum gerade dieser Berg, dann sagen sie alle das Gleiche. Nämlich das: Hier muss man mal gewesen sein. Diesen Berg muss man mal gemacht haben.

Weiter, immer weiter nach oben: Der Watzmann ruft. Aber bis dahin ist es noch ein weites Stück.

Der Watzmann – er ist nicht nur das zentrale Bergmassiv der Berchtesgadener Alpen, sondern auch eine deutsche Weltmarke. Ein ewiger Mythos. Ein Kletterer aus München sagt, während er auf der Terrasse übergemütlich eine Halbe Bier trinkt, weil er heute einen Haufen Zeit hat, weil er vorher die Überschreitung abgebrochen hat, weil es schlotterkalt war, weil er nur ein paar Meter weit gesehen hat weiter oben am Berg und weil es Wahnsinn gewesen wäre weiterzugehen, er jedenfalls sagt: „Am Wochenende ist hier Halligalli.“ Am Wochenende geht die Luzi ab auf dem Watzmannhaus. Das hat man vom Weltruhm: Hochbetrieb. Grad jetzt in den Sommermonaten.

Dann halt eine Halbe: Ralph (r.) und Wulf pausieren. Für die Überschreitung ist es heute zu kalt.

Ein bösartiger Gast hat das Watzmannhaus auf einer Hütten-Bewertungsseite im Internet folgendermaßen beschrieben: Das Watzmannhaus habe den Charme einer Autobahnraststätte. Das ist natürlich Blödsinn. Weil eine Autobahnraststätte mit einer so überwältigenden, glücklichmachenden und gleichzeitig Seele massierenden Aussicht gibt’s nirgendwo und wird’s auch in hundert Jahren nirgends geben. Aber, was man schon sagen muss: Das Watzmannhaus ist nicht gerade ein gemütliches Hüttchen – es ist ein gewaltiger Brummer. Anzahl der Übernachtungsplätze: 215. Im größten Schlafsaal haben 36 Wanderer Platz. Da muss man im Vollbelegungsfall einigermaßen schmerzfrei, schnarchresistent oder halt im Besitz von Ohrstöpseln sein.

Im Kaiserschmarrn-Stress: Hüttenwirtin Annette Verst, 41. Sieben Kilo macht sie an guten Tagen.

Mitarbeiterin Sonja, 26, aus Buchloe sagt: „Hier ist’s kuschelig. Das ist das Lager, für die Leute, die nicht reserviert haben.“ Ja, so ein Leben auf der Hütte ist kein Zuckerschlecken und kein Luxusurlaub. Nicht für den Wanderer, soll es ja auch nicht. Und schon gar nicht für den Hüttenwirt. Bruno Verst, 61, steht jeden Tag in aller Herrgottsfrüh auf. Sein Arbeitstag hat 15 Stunden und mehr, aber Punkt 22 Uhr will er dann auch mal seine Ruhe haben. Dann zieht er den Stecker aus seinem Telefon. So erzählt er es. Denn die Wanderer, sie rufen im Minutentakt auf der Hütte an. Selbst spätabends. Ein Wahnsinn. „Haben Sie noch ein Bett am soundsovielten frei? Was kostet die Nacht? Und das Frühstück?“

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Solche Fragen muss das Wirtsehepaar am laufenden Band beantworten. Aber eben nur bis 22 Uhr. Danach zünden sie Kerzen an, machen ein Flascherl Rotwein auf und Bruno Verst legt eine CD von Vivaldi, den Beatles oder den Stones ein. Zum Entspannen. Zum Runterkommen hoch oben auf dem Berg.

Glückwunsch, altes Haus! Die Hütte feiert heuer 125. Geburtstag.

Dieses Leben hier oben, dafür muss man sowieso gemacht sein. Geografie-Student Johannes, 24, aus Eichstätt arbeitet gerade auf dem Watzmannhaus, es sind Semesterferien. Er zapft Bier, richtet den Fahnenmast, packt an, wo er soll. Kaum eine Minute, in der er nichts zu tun hat. Dennoch sagt er: „Ich hab noch nie so viel nachgedacht wie hier oben.“ Dieser Berg prägt einen, auch wenn man erst ein paar Tage oben ist. Bruno und seine Frau Annette, 41, sind die 15. Saison auf dem Watzmannhaus, immer von Mitte Mai bis Mitte Oktober. Der Hüttenwirt sagt: „Hier ist alles anders. Du bist einfach weg vom Schuss.“ Aber Bruno will auch weg vom Schuss sein. In den ersten Tagen, wenn er im Herbst wieder im Tal ist, erzählt er, geht er nicht vor die Haustüre. Er bleibt drin. Die schlechte Laune der Talmenschen geht ihm auf den Geist. Daran muss er sich immer erst wieder gewöhnen. Auf dem Berg, sagt er, „da hast Du nur normale Probleme“.

Blick nach unten: Das erwartet einen, wenn man die Hütte endlich erreicht hat. Ein grenzenlos schöner Blick ins Berchtesgadener Land.

Aber auch die können gewaltig sein: Kürzlich ist ihm auf dem Watzmannhaus das Wasser ausgegangen. Weil es ewig lang kaum geregnet hat und weil der Boden zuvor ewig lang zugefroren war, hat sich kaum Wasser in seinen großen Tanks gesammelt. Es hat gerade noch zum Kochen gereicht, aber nicht mehr für die sanitären Anlagen. Bruno musste mit dem Helikopter Dixi-Klos einfliegen lassen, die Waschräume waren jeden Tag nur für eine halbe Stunde geöffnet. Ausnahmezustand auf dem Watzmannhaus. Aber immerhin – ein normales Problem. Keine Weltpolitik oder sonst was Verkopftes.

Bitte lächeln – auf 1930 Metern: Wanderinnen machen gleich beim Watzmannhaus ein Foto-Shooting.

Ja, die Hüttenwirte, sie sind ein eigener Schlag. Das ist hier auf dem Watzmannhaus nicht erst seit der Regentschaft von Bruno und Annette Verst so. Auch der allererste Wirt war schon berühmt-berüchtigt. Sein Name: Johann Grill, von allen doch nur „der Kederbacher“ gerufen – nach seinem Hof in Ramsau. Der Kederbacher, Jahrgang 1835, war ein Mann mit kolossalem Bart und noch größerem Mut: Er hat die legendäre Watzmann-Ostwand als Erster durchstiegen, 1881 war das, zusammen mit dem Wiener Otto Schück. Und in 14 Stunden. Der Kederbacher gilt als der erste deutsche Bergführer. Gerne hat er Gäste auf schwer zugängliche Alpengipfel geführt. Über 50 Mal stand er selbst auf einem Berg, der 4000 Meter oder höher ist.

Da ist das Ding! Joshua, 12, holt sich den Hüttenstempel.

Manche Wanderer, heißt es, sind damals nur wegen des Kederbachers aufs Watzmannhaus gestiegen, denn der Bergfex war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Andächtig lauschten die Gäste in der Stube, wenn er von seinen alpinen Großtaten erzählte. Vielleicht hat er auch von Christian Schöllhorn aus München erzählt. Der Mann, mit dem das große Sterben am Watzmann beginnt. Schöllhorn ist der erste Ostwand-Tote, er stürzt 1890 in die Randkluft, 60 Meter tief. Als der Kederbacher vom Unglück hört, macht er sich auf Richtung Unglücksstelle, birgt die Leiche – und trägt sie ins Tal. Seit jenem Tag sind über 100 Wanderer an der 1800 Meter hohen Ostwand ums Leben gekommen. Hier kommt er her, der Ruf als Schicksalsberg. Als Berg der Extreme. Das gewaltige Alpen-Massiv, es hat die Menschen schon immer umgetrieben. Vor ewigen Zeiten haben sich die Einheimischen erzählt, der Gipfel des Watzmanns, die Mittelspitze, sei der Landeplatz der Arche Noah gewesen. Und spätestens die Entstehungs-Sage des Watzmann-Massivs lässt einen schaudern. Sie geht so:

Gedenken an den Watzmann-Erstbesteiger Stanic im Jahr 1800.

„König Watzmann aus dem Berchtesgadener Lande liebte weder Mensch noch Tier. Die Menschen zu quälen, die Tiere zu martern, war seinem grausamen Herzen süße Lust. So wie er dachten auch sein Weib und seine Kinder. Eines Tages sieht des Königs Auge ein altes Mütterlein mit dem Enkelkinde am Arme nächst einer kleinen Hütte ruhen. Ein teuflischer Gedanke durchzuckt sein Gehirn; er gibt seinem Rosse die Sporen und sprengt, ihm nach der ganze Tross, auf das alte Mütterlein los, das bald samt seinem Enkelkind unter seines Pferdes Hufen den grässlichsten Tod findet. Kurz darauf hetzt er die Hunde auf die Eltern des kleinen Kinds. Lachenden Angesichts schaut Watzmann dem fürchterlichen Morden zu. Doch plötzlich hebt das greise Mütterlein noch einmal die zerfleischte Rechte gegen Himmel empor und spricht einen entsetzlichen Fluch. Gott hört den Fluch. Die Erde erbebt, Feuer sprüht aus dem Boden. König Watzmann und die Seinen erstarren – zu Stein. Und blicken seitdem als mahnendes Wahrzeichen herab aufs Berchtesgadener Land.“

Eine gruselige Geschichte, die auf dem Watzmannhaus schon hunderte Male erzählt wurde. Gute Nacht, Wanderer! Heute schläfst Du neben Stein gewordenen Tyrannen. Träum süß.

Das Blut der verfluchten Familie soll am Fuße des Berges zu einem See zusammengelaufen sein: zum Königssee.

Kuschelzone: Hier wird geschlafen. Wanderer an Wanderer.

Ja, halbe Sachen machen sie hier am Watzmann nicht. Es ist alles etwas gewaltiger hier. Das Panorama. Die Besucherzahlen. Und auch der Hunger auf der Hütte. An guten Tagen macht Wirtin Annette gut und gerne sieben Kilo Kaiserschmarrn. Auch manche Wanderer, die herkommen, scheinen eine Ecke verwegener zu sein. Wulf, 35, aus München sitzt gerade auf der Terrasse. Mit seinem Spezl Ralph, 37, hat er von der Wimbachbrücke bis zur Hütte zwei Stunden und 15 Minuten gebraucht. Eine beeindruckende Zeit. Normal sind drei Stunden, für Preißn vier – so geht jedenfalls ein gscherter Spruch, den manch Einheimischer mit Wonne verwendet.

Aber jetzt hat Wulf schon wieder genug. Genug vom Watzmannhaus. Er nimmt einen Schluck Bier, dann sagt er: „Wenn ich eine Hütte sehe, dann überkommt mich eine unfassbare Langeweile.“ Er will ganz hinauf. Er will den Watzmann. Wie so viele vor ihm. Sofort. Aber erst morgen soll das Wetter besser werden.

Stefan Sessler

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