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Die "Münchner Zeitung" vom 25. Dezember 1915

Vor 100 Jahren

Weihnachtsfriede 1915: Atempause im tobenden Ersten Weltkrieg

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München - Dass es bei der Kriegsweihnacht 1914 an den Fronten einen kurzen Frieden gab, ist bekannt; weniger aber, dass sich die Verbrüderungsszenen 1915 wiederholten. Das Weihnachtswunder, Teil 2, sozusagen.

Weihnachten 1915 stecken die deutschen Truppen tief in Frankreich fest. Der so genannte Stellungskrieg ist allen Generälen ein Gräuel. An der Ostfront gibt es Fortschritte. Wilna in Litauen ist vor einigen Wochen erobert worden – wieder ein Sieg für Paul von Hindenburg, der schon Ende 1914 durch die Schlacht bei Tannenberg zum deutschen Mythos geworden ist.

Die „Münchener Zeitung“ bringt im Dezember 1915 täglich Nachrichten von den Fronten. Sie hat vier Rubriken: „Der Balkankrieg“; „Das Ringen im Westen“; „Von der See“ und „Der Krieg im Osten“. „Am Hartmannsweilerkopf“ (im Elsass – d. Red.) wurden in erfolgreichen Kämpfen über 1500 Franzosen gefangen genommen“, meldet die Zeitung an Heiligabend. „Im Kaukasus wurden russische Angriffsversuche zurückgewiesen.“ Im Mittelmeer wird der japanische Dampfer „Yusaka Maru“ versenkt. Wohin man auch blickt in Europa: Überall herrscht Krieg.

München ist weit weg von den Fronten. Aber die Lage ist gleichwohl ernst. In einer Todesanzeige trauert die Bayerische Handelsbank um sechs gefallene Bankangestellte. Das Orthopädie-Fachgeschäft Paul Samberger annonciert künstliche Beine und Arme. Das Haus Breiter in der Dachauer Straße in München bietet „sämtliche Militär-Effekten“ feil – Koppeln, Achselstücke, Wickel-Gamaschen – „praktische Geschenke für Weihnachten“. Ein Hersteller wirbt für „König Ludwig Feigen-Kaffee“, „aus garantiert prima spanischen Essfeigen hergestellt“. Platz ist aber auch für folgende Anzeige: „Skikurse Miesbach am Stadelberg“ – Skifahren im Krieg also.

Und in der Zeitung steht auch die Rubrik „Weihnachten bei Hof“. Daher wissen wir, dass König Ludwig III. und Königin Marie Therese mehrere Gottesdienste in der Allerheiligen-Hofkirche besuchen.

Weit weg, an der Westfront, erlebt der Münchner Romanist Victor Klemperer das mit, was die Engländer als „Christmas truce“, als Weihnachtsfriede, bezeichnen (und was die Zeitung komplett verschweigt). Dass es in den Weihnachtstagen 1914 Verbrüderungsszenen vor allem an der Westfront gab, ist bekannt; weniger bekannt ist, dass sich dies 1915 erneut ereignete. Wieder gab es ein kleines Weihnachtswunder. Klemperer, ein Jude, der durch seine Tagebücher über die Jahre der NS-Zeit posthum berühmt wurde, war 1915 Soldat an der Westfront, stationiert in Wavrin nahe Lille in Nordfrankreich. Er berichtet über den 24./25. Dezember 1915:

„Dass man gerade heut Grabendienst hatte, gewiß, es war nicht schön, aber die Engländer würden auch Weihnacht feiern. Der Flachbahnsepp, das speziell auf den Graben gerichtete Geschütz, schwieg seit dem Nachmittag und würde sicherlich auch morgen schweigen, und vielleicht käme es gar wieder zu einer Verbrüderung wie im vorigen Jahr. ,Die haben so gute Zigaretten!’ – ,Aber trockener als wir wohnen sie drüben auch nicht. Es ist doch überall das gleiche Elend!’“

Im Graben, berichtet Klemperer weiter, brauen sie sich einen Grog; irgendjemand hat Rum aufgetrieben.

„Da erschien der Feldwebel, man merkte ihm eine gewisse Erregtheit an: ,Alle herauskommen, das Gewehr mitnehmen. Ihr zeigt euch, aber mit leeren Händen und freundlichem Gesicht. Und winkt freundlich ab – herüberkommen dürfen sie auf keinen Fall.’“

Draußen stehen schon die Leute aufrecht, Kopf und Brust ragen frei über den Wall hinaus – was an gewöhnlichen Kriegstagen den sicheren Tod bedeutet hätte. Jetzt nicht. „Ich trat heran“, schreibt Klemperer. „Vor uns das niedrige Stacheldrahtgeflecht, dann ein Stück freies Feld, dann das Drahtgeflecht und der braune Wall der Engländer.“ Auf dem Wall standen zwei, drei Dutzend Engländer, waffenlos, sie schwenkten ihre Mützen. Klemperer hört „merry Christmas“ und „happy Christmas“. Bei den Deutschen heißt es: „Nöt schießen – aber drüben bleiben, drüben bleiben!“ Die Engländer bieten ihre Zigaretten an, die Deutschen gehen auf sie zu, zögerlich zwar, aber sie kommen näher.

Doch der Weihnachtsfriede währt nur kurz. Noch ehe Klemperer ganz drüben ist beim Feind, kracht es schon. Eine Warnungssalve, schreibt Klemperer, aber sie reicht aus, dass die Engländer sich blitzartig in die Deckung werfen. „Ihr Sauteifi von Artilleristen“, schimpft ein bayerischer Kamerad, „wenn man euch braucht, seid ihr zu faul zum Schießen, und jetzt versalzt ihr uns das bisschen Frieden.“ Immerhin blieb es aber den Rest des Tages ruhig an Klemperers Abschnitt.

Weit weg, daheim in Bayern, geht Pfarrer Kaspar Wurfbaum seiner Arbeit nach. Gottesdienste, Armenfürsorge, Krankenbesuche. Zwischendrin notiert er in sein Tagebuch die Weltlage. Es ist hart auf dem Land. Am 16. Dezember schreibt Wurfbaum, beim Schuster in Hüttelkofen seien fünf Kinder an Diphterie erkrankt. Der dreijährige Engelbert überlebt das nicht. Am 21. Dezember wieder schlechte Nachrichten: Zwei Gemeindebürger – sie gehören dem bayerischen Leiber-Regiment an – sind verwundet. Granatsplitter und Brustschuss. Doch Wurfbaum glaubt weiter fest an den Sieg. Seine Neujahrs-Predigt ist hochpolitisch und befasst sich mit den „Kriegserfolgen des Jahres 1915“, Wurfbaum schreibt: „Wenn auch die Völker müde sind des Krieges, so dürfen doch die Deutschen und ihre Verbündeten nicht den Frieden um jeden Preis anbieten; es wäre die abscheulichste Undankbarkeit gegen unsere Krieger, wenn wir nach deren unvergleichlichen Leistungen mit einem geknechteten und zerstückelten Vaterland uns zufrieden geben würden.“

Doch von einem Frieden war man Ende 1915 noch weit entfernt. Just zur gleichen Zeit laufen in Berlin die Vorbereitungen für einen Großangriff auf Verdun (der dann im Februar 1916 beginnt). Über die Absicht schreibt der Chef des Generalstabs, Erich von Falkenhayn, eine „Weihnachtsdenkschrift“, die er später wie folgt zusammenfasst: „Wir waren entschlossen, Frankreich durch Blutabzapfung zur Besinnung zu bringen.“ Klemperer ahnt, dass etwas bevorsteht – Anfang Dezember gibt es in seinem Abschnitt, weit ab von Verdun, einen ersten Alarm zum Gaskrieg.

Fast zeitgleich notiert er Gespräche, die er mit einem Unteroffizier geführt hat. Die Stimmung an der Front verdüstere sich doch mehr und mehr, sagt der Mann. „An einen vollkommenen Sieg sei ja nicht mehr zu denken, und wenn man sich noch länger ausblute und die Unzufriedenheit noch länger anwachsen lasse, um nachher doch nur Remis zu machen, dann sei die Revolution unvermeidlich.“

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