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Vasile Stratulat zeigt in seiner renovierten Werkstatt ein Foto von der Flut, die seine Sattlerei traf.

Simbach am Inn kämpft mit den Folgen

Katastrophe jährt sich: Diese Flut hat alles verändert

Die Folgen der Flutwelle vom vergangenen Jahr sind in Simbach am Inn noch immer unübersehbar. Erst nach und nach kehrt der Alltag wieder ein. Wir zeigen, wie es in dem Ort zugeht.

Simbach am Inn - Seit einem Jahr ist in Simbach am Inn nichts mehr so, wie es einmal war. Am 1. Juni rauschte eine meterhohe Flutwelle durch den Ort. Fünf Menschen riss sie in den Tod und zerstörte viele Häuser. Noch heute zeugen Ruinen von dem Drama und machen Teile Simbachs zu einer Geisterstadt. „Diese Flut hat alles verändert“, sagen die Einwohner.

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Doch es gibt auch Hoffnung, wie das Beispiel von Vasile Stratulat zeigt. Seine Sattlerei war in den Fluten völlig untergegangen. Alles kaputt. Maschinen, Werkzeug, Leder, Sättel, Möbel. Rund 60.000 Euro Schaden. In nur 30 Minuten sei das Erdgeschoss des Hauses komplett mit Wasser vollgelaufen, erinnert sich Stratulat. 2,65 Meter hoch. Als die Schlammwelle kam, hatte er seinen Laden gerade für die Mittagspause geschlossen und war in die darüber liegende Wohnung gegangen. „Alles war wie immer.“

Wie Spielzeug wirbelte die Flutwelle die Autos durcheinander.

Autos und Baumstämme schwimmen am Fenster vorbei

Plötzlich habe er keine Autos mehr fahren gehört, stattdessen komische Geräusche. Als er aus dem Fenster blickte, stand die Straße meterhoch unter Wasser, Autos und Baumstämme schwammen vorbei. Stratulat ist sichtlich bewegt. Er geht in den Hinterhof und zeigt auf das schwer beschädigte Nachbargebäude. Es müsse abgerissen werden. Durch die offene Türe sieht man Schutthaufen und an der Decke große Risse. „Stopp! Einsturzgefahr“ steht an der Wand.

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Eigentlich habe er seinen Laden nicht wieder eröffnen wollen, sagt Stratulat. Zu tief saß der Schock. Doch Simbachs Bürgermeister Klaus Schmid habe ihm Mut gemacht. Der Sattler nahm einen Kredit auf und startete neu durch. Das Treppenhaus ist noch Baustelle, aber der Laden ist seit Jahresbeginn wieder am Leben. „Wir machen weiter“, sagt er. „Aber man denkt immer dran. Vor allem wenn es viel regnet schauen wir gleich aus dem Fenster.“

Eine fünf Meter hohe Welle aus Schlamm flutete am 1. Juni 2016 die Stadt Simbach am Inn.

Metzgerei startet am Jahrestag neu

Nicht weit entfernt von der Sattlerei steht eine weitere Wiedereröffnung bevor. Eine Metzgerei nimmt den Jahrestag der Flut zum Anlass für einen Neubeginn: „Es war ein schwieriges Jahr. Und wir sind froh, dass es vorbei ist“, sagt Inhaberin Helga Feyrer. Sie hat alle Hände voll zu tun.

Ein Monat nach der Flut: Simbach wirkt wie eine Geisterstadt

Andere Geschäftsleute winken ab, wollen über die Flut nicht mehr sprechen. „Es ist ganz unterschiedlich. Jeder verarbeitet es auf seine eigene Art und auf sein eigenes Herz hin“, sagt der Bürgermeister. Bei den einen gebe es noch Bedarf, sich die Seele freizureden. Andere wollten nichts mehr davon hören und sehen.

Diese Metzgerei eröffnet am Jahrestag der Monsterflut.

5,3 Millionen Kubikmeter Wasser und Dreck

Da ist es hilfreich, dass endlich auch die letzten Schlammberge beseitigt worden sind. 5,3 Millionen Kubikmeter Wasser und Dreck seien durch Simbach geschossen, bilanziert Bürgermeister Schmid. „Ich denke, wir haben noch einige Jahre zu tun, um wieder Normalzustand in Simbach zu haben.“ Der tiefer gelegene Teil Simbachs gleicht heute einer Geisterstadt.

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Kurz vor dem Jahrestag ist der Schlamm nun raus aus der Stadt. Und eines Tages werden wohl auch die blauen Kreuze von den Hauswänden verschwunden sein, mit denen die bereits nach Opfern durchsuchten Häuser markiert waren. Heute erinnern sie wie Mahnmale an die Katastrophe vom 1. Juni 2016.

Bis unter die Decke hatte sich die Flut ergossen. Vasile Stratulat hatte Glück. Er war in der Wohnung drüber.

So kam es zur Katastrophe

Ein „Jahrtausendhochwasser“ flutete am 1. Juni 2016 die Stadt Simbach am Inn. Experten der Universität für Bodenkultur in Wien haben das Ereignis rekonstruiert. Die minutiöse Reproduktion zeigt, wie sich am Vormittag des 1. Juni die Situation dramatisch zuspitzte. Am 31. Mai und 1. Juni 2016 regnete es insgesamt 37 Stunden. Die längste Dauer ununterbrochenen Niederschlags mit etwa sieben Stunden gab es am 31. Mai zwischen 7.20 und 14.25 Uhr. Die Regenzellen zogen zudem in Fließrichtung des Wassers und verschärften so die Lage. Am 1. Juni ab 11.11 Uhr wurde den Angaben nach das Gelände eines Sägewerkes geflutet und ab 12.30 Uhr das dort gelagerte Holz in Richtung Innenstadt geschwemmt.

Um 12.37 Uhr begann der Damm zu brechen. Die aus dem Dammbruch frei gewordenen Wassermassen erreichten um 12.55 Uhr den tiefer gelegenen Ortskern. Ungünstige Faktoren wie intensivster flächenhafter Niederschlag, die Zugrichtung der Schauerzelle in Fließrichtung, die Entstehung eines Netzes sogenannter Kleingerinne auf landwirtschaftlichen Flächen hätten zu einem äußerst hohen Abfluss geführt, der schließlich in einem Bruch von Bauwerken wie Brücken und Dämme mündete.

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