Räte von Kolbermoor: Mit auf dem Bild ist Bürgermeister Edmund Bergmann (vorne, 2. v.l.), der den Gemeindetag aus der Taufe hob.

Rhesus-Affen im Rathaus und Zocken fürs Hallenbad

München - Es geht um wagemutige Bürgermeister, tödliche Steuern und Gemeinde-Eber. In den bayerischen Gemeinden ist der Teufel los. Heute, damals, immer. Zeit für eine kunterbunte Geschichte aus den Herzen der Rathäuser – pünktlich zum 100. Geburtstag des Bayerischen Gemeindetags.

Es ist eine unmögliche Geschichte. Die Geschichte der 2022 Gemeinden, Märkte und Städte, die dem Bayerischen Gemeindetag angehören. Man kann sie nicht erzählen. Auch nicht zum 100-jährigen Jubiläum des Verbands, Gründungstag 25. Februar 1912. Gründungsort: „Das Sieber’sche Gasthaus“ in Kolbermoor, Rosenheimer Straße 14. Man kann nur eines machen: durch die Jahrzehnte galoppieren, durch die Rathäuser; und von Kleinigkeiten erzählen, von Winzigkeiten.

Zum Beispiel vom Geld, sprich den Gemeindefinanzen, Bürgermeisters Hauptsorge. Es ist das Jahr 1958, und in Schongau wählen sie den Lederfabrikanten Otto Ranz zum Rathaus-Chef. Er sagt: „Wenn wir eine halbe Million gewinnen können, wäre das eine Grundlage fürs Hallenbad.“ Grundlage für eine atemraubende Edel-Therme, grad gut genug für Schongau. Der Finanz- und Verwaltungsausschuss findet’s prima und winkt die Idee durch: ein Lottoschein pro Woche, Einsatz 2,10 Mark, einzulösen bei Schreibwaren Einzinger. So berichtet es damals das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Der Kämmerer, Ordnung muss sein, bestimmt die Zahlenkombination; und schon beginnt die Zockerei fürs Gemeinwohl.

3387 Mark und 35 Pfennig tragen sie im Laufe der Jahre in den Schreibwarenladen. Es passiert, was passieren muss: ein fieser Verlust häuft sich an. Lediglich 1186,35 Mark an Gewinnen bringt die mit der Abwicklung betraute Sekretärin wieder zurück ins Rathaus. Frustriert geben die Schongauer das Projekt Super-Schwimmbad auf; obendrein bekommt der Bürgermeister Ärger vom Prüfungsverband öffentlicher Kassen. Man habe noch keinen Fall angetroffen, heißt es, in dem öffentliche Gelder zum Glücksspiel eingesetzt wurden. Der Bürgermeister sagt: „Ich hatte ohnehin ein ungutes Gefühl.“

Bürgermeister, das ist ein ganz spezieller Job; irgendwas zwischen Seelsorge, Magie, Management, Machtpolitik und Kaffeekranzerl im Altenheim. Oft König, manchmal nur Grüß-Onkel.

Klar, es ist himmelschreiend ungerecht, hier zum Geburtstag von den kleinen und großen Ausrutschern der Rathaus-Chefs und Kommunalpolitiker zu erzählen, bei all den kraftraubenden Gebietsreformen, Gemeinderatssitzungen, auszuweisenden Gewerbegebieten und wegweisenden Infrastrukturprojekten. Aber manche Geschichten, die sind einfach zu gut, um sie zu verschweigen.

In Otterfing im Kreis Miesbach zum Beispiel zettelte der Gemeinderat Beilhack vor vielen Jahren eine emotionale und hochoffizielle Debatte an. Es ging um die Frage: Hut oder kein Hut?

Beilhack bestand vehement auf seiner Kopfbedeckung, gerade während Gemeinderatssitzungen. Nur vor dem Richter und dem Herrgott nehme er sie ab, erklärte er, sonst nie. Wer solche Sitzungen erleben durfte, kann sich als glücklicher Mensch schätzen. Ein Leben lang hat er einen Schwank auf Lager.

In Feldafing am Starnberger See versuchte der exzentrische Sammler und Autor Lothar-Günther Buchheim die Vereidigung des neu gewählten Bürgermeisters zu verhindern – durch andauernde und lautstarke Zwischenrufe während der Sitzung. Erst eine herbeigerufene Polizeistreife sorgte für Ordnung im Sitzungssaal. Die Vereidigung ging daraufhin problemlos über die Bühne. Allerdings mit anderthalb Stunden Verspätung.

Am Starnberger See erzählen sie sich heute auch noch eine andere Geschichte: die vom alten Bürgermeister Ücker. Er war ein Arbeitstier, keinen Tag Urlaub hat er sich gegönnt. Im Rathaus der Gemeinde Berg war er dauerpräsent. Der Grund: Er traute seinem Stellvertreter nicht über den Weg. Er fürchtete, dieser könne verheerende, unwiderrufliche Entscheidungen fällen – wenn sich ihm nur die Möglichkeit böte. Deswegen vermied er jedes noch so klitzekleine Machtvakuum.

Ein Rathaus ist kein Ponyhof. Dort herrschen manchmal raue Sitten, aber oft geht’s bei den Herren Bürgermeistern auch kunterbunt zu. Davon kann Rudi Reimer ein lustiges Lied singen, der Alt-Bürgermeister von Scheyern im Kreis Pfaffenhofen an der Ilm, heute 74 Jahre alt.

Als Rathaus-Chef hatte er mal einen ganz speziellen Auftrag: Im Fundbüro wurde, ja tatsächlich, ein Rhesus-Affe abgegeben. Da das Fundbüro praktischerweise in der Wohnung des Bürgermeisters untergebracht war, hatte Reimer plötzlich ein Haustier. Und was für eines: „Der Affe hat im ganzen Haus rumgetobt“, erinnert sich der Altbürgermeister.

Die Amtsgeschäfte standen augenblicklich still. Keine Zeit mehr. Weil Winter war, war dem Tier zudem ein bisserl kalt. „Da ist der Affe einfach aufs Dach geklettert und hat seine Haxen in den Kamin gesteckt“, sagt Reimer. Und da man gerade als Bürgermeister für die Dinge in seinem Fundbüro verantwortlich ist, kletterte Reimer dem Tier regelmäßig nach.

Nach zwei Tagen, endlich, hat sich der Besitzer gemeldet. Es war der Nachbar.

So sieht er aus, der Alltag von kommunalen Würdenträgern: Er ist unberechenbar. Egal, ob eine Sau durchs Dorf getrieben wird oder ein Affe durch den Ort turnt. Verantwortlich ist man für beides. Der Bürgermeister wird’s scho richten.

Seit es Bürgermeister gibt, ist das so. Geändert hat sich in den letzten 100 Jahren aber trotzdem allerhand. „Wir haben uns von der Obrigkeits- zur Dienstleistungsverwaltung entwickelt“, sagt Josef Mend, Bürgermeister von Iphofen in Unterfranken und Vizepräsident des Bayerischen Gemeindetags.

Der Bürger muss im Einwohneramt längst nicht mehr „Haltung“ annehmen. Manche langjährige Dienstbeamte waren kleine Monarchen, die sich nur ungern beim Kaffeetrinken stören ließen. „Die Leute kamen noch ängstlich ins Rathaus“, sagt Mend.

Ja, so war das früher. Das waren die Zeiten, als die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr noch mit Traktor, Radl oder Ackergaul zum Einsatzort kamen.

Die Zeiten, als der Amtstierarzt noch alle zwei Jahre die in der Gemeinde ansässigen Hunde untersuchte. Die Liste der inspizierten Hunde war Grundlage für die Hundesteuer, weswegen kurz vor dem Termin in manchen Gemeinden immer ein großes Hundesterben einsetzte. Vielleicht war es Sparsamkeit, womöglich Geiz, auf jeden Fall war es erbarmungslos.

Es waren auch die Zeiten, als es noch „Faseltiere“ gab, das sind Gemeinde-Bullen und Gemeinde-Eber, die für stetigen Nachwuchs zuständig waren. Die Einheimischen brachten ihr Vieh zum Faseltier und ließen es dort decken. Die Gemeinde kassierte ein „Sprunggeld“. Die künstliche Besamung hat diese gemeindliche Einnahmequelle dann versiegen lassen.

In all den Jahren stand der Bayerische Gemeindetag den Dörfern als Ratgeber zur Seite. Als Sprachrohr der Kommunen. Als Ober-Lobbyist all der Rathaus-Chefs im Freistaat. Bereits in der Anfangszeit gibt der junge Verband eine eigene, detailreiche Zeitung heraus: den „Bayerischen Bürgermeister“.

Ellenlang haben sie dort schon mal die „Schaummassfrage“ erörtert. Dabei ging es um den Abstand des Füllstrichs von Masskrügen zum oberen Rand in der Dorfwirtschaft. Durch eine Versetzung des Strichs nach unten wollte man dem Missstand des zu schlechten Einschenkens ein für alle Mal ein Ende bereiten. Eine ganz pragmatische Lösung.

Keine Frage ist zu banal, alles, was den Dorffrieden fördert, war auch eine eingehende Untersuchung im „Bayerischen Bürgermeister“ wert.

Klar, auch der Fortschritt ging nicht spurlos am Gemeindetag und seinen Mitglieds-Dörfern vorüber. Inzwischen kann man im Internet den Angelschein beantragen und jedem Gemeinderatsmitglied gleich noch eine E-Mail schreiben. Früher waren Bleistift und Rechenschieber des Beamten wichtigste Werkzeuge. Nach und nach eroberte die IT-Technik auch die Rathäuser. Die ersten Kopierer waren so teuer wie ein Auto und so groß, dass sie das halbe Büro ausgefüllt haben.

Ob er will oder nicht, nirgends hat der Bürger so hautnah mit dem Staat zu tun wie in seinem Dorf, in seinem Rathaus. Hier wird das Leben verwaltet, gelocht und abgeheftet. Im Gemeinderat entscheiden sie über seinen neuen Wintergarten, Spaßbäder, die Friedhofsgebühren und den Zuschuss für den Sportverein. Im Standesamt sagt er „Ja“ zu seiner großen Liebe. Im Rathaus läuft alles zusammen – Herz, Schmerz, Geburt, Hochzeit, Tod.

Es ist der Ort, an dem der Satz des guten alten Aristoteles – der Mensch ist ein politisches Wesen – am schnellsten zur Wahrheit wird. Auch wenn man auf die „da oben“ schimpft und der Herr Minister ein Rindviech ist, keine Politik gibt’s nicht, keine Politik geht nicht. Das lernt man spätestens, wenn sie im Gemeinderat über die hoffentlich Ruhe bringende Schallschutzmauer diskutieren. Weil: Alles ist Politik. Und oft genug Kommunalpolitik.

Das Gute wie das Schlechte. Das Absurde wie das Schlaue. In Schongau, wo der zockende Bürgermeister Ranz so gerne eine schmucke Therme wollte, aber beim Lotto kein Glück hatte, da gab es damals doch noch ein Happyend. Allerdings bloß für den Kämmerer.

Er hat privat mit den Glückszahlen der Stadt weitergespielt. Zigtausende Mark habe er gewonnen, heißt es.

Stefan Sessler

Ausstellung

In den Räumen des Bayerischen Hauptstaatsarchivs ist ab heute und bis zum 30. März die Ausstellung „100 Jahre Bayerischer Gemeindetag“ zu sehen. Ludwigstr. 14, München. Sonntag bis Freitag, 10 - 18 Uhr.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Motorradfahrer stößt mit Lastwagen zusammen und stirbt
Zell am Main - Ein Motorradfahrer ist in Unterfranken frontal mit einem Laster zusammengeprallt und gestorben. Der Biker wollte gerade Überholen, als es zu dem schlimmen …
Motorradfahrer stößt mit Lastwagen zusammen und stirbt
Mann findet große Geldsumme und reagiert sehr edelmütig
Biessenhofen - Von wegen, das Geld legt nicht auf der Straße: Ein 57-Jähriger hat bei einem Bahnübergang im schwäbischen Biessenhofen einen satten Geldbetrag gefunden. …
Mann findet große Geldsumme und reagiert sehr edelmütig
Sattelzug kippt um und verursacht hohen Schaden
Auf der A7 verursachte ein Sattelzug einen Unfall mit hohem Sachschaden. Dem Fahrer wurde nicht grundlos der Führerschein entzogen.
Sattelzug kippt um und verursacht hohen Schaden
Drogenkurier mit fünf Kilogramm Amphetamin erwischt
Eine Verkehrskontrolle beim Autobahnkreuz Nürnberg wurde einem ungarischen Drogenkurier zum Verhängnis. Seine Ware wird er wohl nicht mehr transportieren können.
Drogenkurier mit fünf Kilogramm Amphetamin erwischt

Kommentare