Sondererhebung

PISA: Jeder Fünfte bei Alltagsfragen überfordert

Berlin/München – Wirtschaftlich weltweit Spitze, beim Problemlösen aber nur gutes Mittelmaß: Deutschland behauptet sich in einem neuen Schülervergleichstest international nur im oberen Mittelfeld.

Jeder fünfte 15-Jährige in Deutschland ist mit dem Lösen von Alltagsproblemen überfordert. Das zeigt eine Sondererhebung des fünften Pisa-Schulvergleichstest. Zu den Aufgaben zählte etwa der Kauf einer Fahrkarte am Automaten, das Einstellen einer Klimaanlage und eines MP3-Players sowie die Suche nach der besten Verbindung auf einem Stadtplan. Alles in allem sind die deutschen Teenager aber leicht besser als der Durchschnitt der Industrieländer.

Die Spitzenreiter unter den 44 OECD-Staaten kommen einmal mehr aus dem fernen Osten: Singapur, Korea und Japan, gefolgt von Macau, Hongkong, Shanghai und Chinesisch-Taipeh. Singapur erreichte in dem Test 562 Punkte, Deutschland 509 Punkte. Kolumbien als Tabellenletzter kam auf 399 Punkte. Die asiatischen Staaten laufen auch Finnland den Rang ab – dem Land, das bei den ersten Pisa-Studien vor nunmehr über zehn Jahrennoch Pisa-Sieger war. Die Finnen sind – immerhin – noch die besten Europäer. Die deutschen Schüler landeten je nach Aufgabenstellung auf den Plätzen 12 bis 21, und damit unmittelbar vor den USA, Belgien und Österreich.

Die weltweit 85 000 Schüler – in Deutschland 1350 – mussten für die Alltagsprobleme am Computer Lösungen finden. Die Tests fanden 2012 statt, auch an 43 bayerischen Schulen. Die Hauptergebnisse von „Pisa 2012“ wurden schon im Dezember vergangenen Jahres veröffentlicht, beim jetzt nachgeschobenen Teil zum Problemlösen handelt es sich um eine Sonderauswertung von Tests, an denen nicht alle Schüler teilgenommen hatten.

Die 15-Jährigen in Deutschland blieben laut OECD hinter den Erwartungen zurück, die nach den Ergebnissen des Vorjahres in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften möglich schienen. Dies gilt laut OECD vor allem für das schwächste Drittel: Von diesen erreichen fast 20 Prozent nicht einmal das Basisniveau (Level zwei). In Japan und Korea sind dies weniger als sieben Prozent.

Zu den leistungsstärksten Problemlösern gehören in Deutschland rund 13 Prozent der 15-Jährigen. In Japan und Korea sind dies aber deutlich mehr als 20 Prozent. „Beispielsweise können im Durchschnitt 56 Prozent der Schüler in Korea und Singapur, aber nur 31 Prozent der Schüler in OECD-Ländern ein ihnen nicht vertrautes technisches Gerät, das nicht mehr richtig funktioniert, wieder funktionstüchtig machen.“ Buben sind übrigens besser als Schülerinnen. In der Spitzengruppe sind in Deutschland zu 60 Prozent Jungen und nur zu 40 Prozent Mädchen vertreten.

Die Ergebnisse zeigen auch, dass beim kreativen Problemlösen soziale Herkunft weniger prägend sind als sonst. Gleichwohl thematisiert der Hauptautor der Studie, Francesco Avvisati, auch dies: Kinder aus ärmeren Familien hätten „oft keinen Zugang zu den besten Schulen und Lehrern“. Das sei auch beim Lösen differenzierter Probleme ein Nachteil.

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Die Frage ist erneut, was die Konsequenz aus diesem Pisa-Test sein sollte. Nicht alles könne in der Schule gelehrt werden, warnt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands und Leiter eines Gymnasiums in Deggendorf. „Schülern beizubringen, wie man technische Geräte bedient, ist nicht Aufgabe der Schule und kann sie auch nicht sein.“ Einen engen Zusammenhang zwischen normalen Schulleistungen und technischer Gerätekomnpetenz gebe es nicht – auch Kinder aus unteren sozialen Schichten, die in Mathe oder Deutsch schlecht abschnitten, seien beim Bedienen etwa eines Handys fitter als viele Lehrer. Meidinger zweifelt sogar daran, die Studie mit der Schule in einen Zusammenhang zu stellen. „Das ist keine Schulleistungsstudie.“

Bayerns Kultusministerium hegt solche Zweifel nicht. Es wertete das Resultat als insgesamt „erfreulich“. Die Kompetenzorientierung im neuen bayerischen „LehrplanPlus“ sei der richtige Weg.

Günter Voss und Dirk Walter

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