Ulrich Jasper, Experte der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (ALB).

Interview

„Jeder zehnte Milchbauer wird dichtmachen“

München - Ulrich Jasper, Experte der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (ALB), spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über die Situation der Milchbauern und die Aussichten für die Betriebe.

Herr Jasper, Milch ist in Deutschland so billig wie nirgend sonst in Europa. Was heißt das für das Leben auf dem Lande?

Die Bauern machen mit jedem Liter Milch Verlust, haben ihre Reserven aufgebraucht, machen Schulden. In normalen Jahren entscheidet jeder 50. Bauer, seine Tiere abzuschaffen. 2015 war es jeder 25. Geht das so weiter, wird 2016 jeder zehnte Milchbauer dichtmachen. Die Kühe werden exportiert oder sie kommen zum Schlachter.

Was wird aus den Bauern und Höfen, wenn die Kühe weg sind?

Die Bauern werden ihre Feldern abernten und dann versuchen, diese zu verpachten. Derzeit geht das jedoch kaum, weil die möglichen Pächter auch alle Verlust machen. Das war mal anders, als überall Biogasanlagen entstanden und Flächen für den Maisanbau gebraucht wurden. Doch dann hat die Bundesregierung die Förderung wieder zurückgefahren. Der Acker ist zurzeit nicht mehr so gefragt. Große Ställe sind es aber schon.

Wer will die Ställe?

Wenn sie groß und modern genug sind, übernimmt die samt Kühen ein anderer Betrieb. Das ist ein Konzentrationsprozess, der regional wirkt. In den ohnehin schon viehdichten Regionen wie in Niedersachsen oder Bayern nimmt die Zahl der Tiere zu, während die Kuh aus anderen Regionen verschwindet. Das Paradoxe: Es wird nicht weniger gemolken. Es bleibt zu viel Milch auf dem Markt, der Preis wird nicht steigen.

Wie steigt der Preis?

Ohne Koordination geht es nicht. Die Bauern brauchen Anreize, weniger Milch zu produzieren.

Sie können der Kuh nicht vorschreiben, wie viel Milch sie gibt!

Sie können aber den Kühen beispielsweise weniger Kraftfutter geben. Sie können die Kälber statt mit Milchpulver wieder mit Milch groß ziehen. Das hört sich wenig an, aber das kann den Markt drehen.

Den Markt drehen?

Die EU-Kommission hat den Bauern und ihren Genossenschaftsmolkereien dieses Jahr erlaubt, untereinander Absprachen über die Milchmenge zu treffen. Die Molkereien könnten den Bauern, die weniger liefern als derzeit, einen Bonus von wenigen Cent für jeden eingesparten Liter zahlen. In der Praxis hat sich dieses Modell bereits bewährt.

Geld für keine Arbeit, wer soll das zahlen?

Die Bundeskanzlerin hat rund 100 Millionen Euro Hilfe angekündigt. Nur will sie davon Steuererleichterungen, Bürgschaften und Kredithilfen zahlen. Das hilft alles nichts gegen die Preiskrise. Warum sollte die Regierung, wenn es schon Steuergeld sein soll, dies nicht für den Weniger-Liefer-Bonus einsetzen? Dieser könnte obendrein vom Handel unterstützt werden, wenn er zusagt, Milch einige Cent teurer zu verkaufen und den Aufschlag in einen Fonds zahlt – gegen das Milch-Überangebot.

Agrarminister Schmidt hat die ALB nicht zum Milchgipfel geladen....

Der Minister hat nur die geladen, die das „Immer-billiger-System“ vorangetrieben haben und die Krise so verursacht haben. Dabei ist die Industrialisierung der Agrarwirtschaft in der Gesellschaft umstritten. Ein starker Minister würde darauf reagieren.

Das Interview führte H. Gersmann

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