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Endlich angekommen: Khalil Khalil hat es geschafft. Der Software-Entwickler aus Syrien hat bei dem IT-Unternehmen Pentasys in München Arbeit bekommen. Nicht weil er Flüchtling ist – sondern weil er Experte ist auf seinem Gebiet.

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Job-Vermittler für Flüchtlinge: "Endlich erkennt jemand, was ich kann"

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München - Viele Flüchtlinge haben in ihrer Heimat eine Ausbildung abgeschlossen. Um in Deutschland in ihrem Beruf arbeiten zu können brauchen sie Hilfe. Ein neugegründeter Verein vermittelte bereits 17 Mal mit Erfolg.

Khalil Khalil will kein Mitleid. Und er will keine Sonderbehandlung. Was er will, ist Professionalität. Und die Chance, zeigen zu dürfen, was er kann.

Der 27-Jährige ist Syrer. In seiner Heimat hatte er sechs Jahre lang als Software-Entwickler gearbeitet. Dann begann der Krieg. Vor zehn Monaten floh er mit seinem Bruder nach Deutschland. Und lange fühlte es sich so an, als hätte er nicht nur seine Familie zurückgelassen – sondern seine ganze Identität.

„Die ersten drei Monate waren die schlimmsten“

In Deutschland war er nur noch Flüchtling. Einer von tausenden. Sein Uni-Abschluss, den er nicht nachweisen kann, seine Berufserfahrung, sein Wissen – all das zählte nichts in den Flüchtlingsunterkünften. „Die ersten drei Monate waren die schlimmsten“, erzählt Khalil. Drei Monate durfte er nichts tun als warten. Dann bekam er die Erlaubnis, Arbeit zu suchen. Doch Hoffnung, irgendwann wieder in seinem Beruf arbeiten zu können, hatte er kaum.

Bis er Helmut Blank kennenlernte. Blank gehört zum Helferkreis in Ottobrunn (Kreis München), die beiden kamen in der Traglufthalle, in der Khalil untergebracht war, ins Gespräch. Blank war damals auf der Suche nach jemandem, der ihm hilft, eine Webseite zu bauen. Khalil half gern – und Blank merkte schnell, dass er es mit einem IT-Spezialisten zu tun hat. „Wir haben Spitzenkräfte in den Traglufthallen und Unterkünften sitzen – wir wären dumm, wenn wir dieses enorme Potential nicht nutzen würden“, sagt Blank. Und Khalil sagt: „Ich war froh, endlich jemanden gefunden zu haben, der erkannt hat, was ich kann.“

Perfekt Englisch, fast fehlerfrei Deutsch

Seit fünf Monaten arbeitet der 27-Jährige für das mittelständische IT-Unternehmen Pentasys in München. Blank kannte die Firma gut – und hat den Kontakt hergestellt. Viel mehr musste er nicht tun. Khalil hatte einen hochprofessionellen Lebenslauf, spricht perfekt Englisch und inzwischen fast fehlerfrei Deutsch. Martin Lehnert, der Leiter des Personalmanagements bei Pentasys, war schnell überzeugt, dass der Syrer ideal in sein Unternehmen passt – und stellte ihn ein. Bei Blank erkundigte er sich, wie viel Asyl-Bürokratie auf ihn zukommt. Es war weniger, als erwartet – inzwischen ist Khalils Verfahren abgeschlossen. Er ist anerkannt. Nächste Woche zieht er in eine eigene Wohnung.

Es soll kein Einzelfall bleiben

Khalils Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte. Und Helmut Blank möchte nicht, dass sie ein Einzelfall bleibt. Als langjähriger Unternehmensberater kennt er viele Firmen, ist gut vernetzt. Das will er nutzen, um weitere Erfolgsgeschichten anzustoßen. Gemeinsam mit sechs anderen erfahrenen Unternehmern gründete er im Februar einen Verein – das Arrive Institute. Als Schirmherren haben sie die Europa-Abgeordnete Angelika Niebler und den Landrat Christoph Göbel aus dem Kreis München gewonnen.

Der Verein Arrive Institute schreibt mit den Flüchtlingen professionelle Lebensläufe, gibt Tipps, wie sie sich bei Vorstellungsgesprächen präsentieren müssen, bringt Flüchtlinge mit den richtigen Unternehmen in Kontakt und löst ein großes Problem: „Die meisten Menschen haben nach ihrer Flucht keine Zertifikate über ihre Ausbildung“, sagt Blank. Arrive Institute arbeitet mit einem Unternehmen zusammen, das sogenannte Kompetenztests mit den Flüchtlingen macht – sie bekommen dadurch ein Nachweis über ihr Können und ihre Stärken.

Für Unternehmen eine wertvolle Hilfe, um den passenden Bewerber zu finden, sagt Personalleiter Lehnert. Er nutzt seine langjährige Erfahrung im Personalmanagement, um den Verein zu unterstützen – mit Tipps, worauf es bei Bewerbungen und Gesprächen ankommt.

17 Flüchtlinge erfolgreich vermittelt

Arrive Institute gibt es seit knapp fünf Monaten. Vier Unternehmen sind bereits Kooperationspartner, 17 Flüchtlinge sind erfolgreich vermittelt. Jetzt geht es Helmut Blank und seinen Mitstreitern vor allem darum, die Internetseite www.arrive-ev.de bekannter zu machen. Besonders unter Asyl-Helfern.

Er könnte viele Erfolgsgeschichten erzählen. Aber er hat auch andere Geschichten erlebt. Zum Beispiel die eines arabischen Literaturwissenschaftlers, der in seiner Heimat Uni-Vorlesungen hielt. Blank fragte am Lehrstuhl der Arabistik der LMU an, ob es Arbeit für den Mann gäbe. Man sagte ihm, er könne in Deutschland höchstens Taxifahrer oder Eisverkäufer werden. „Wenn wir so denken, vertun wir eine große Chance“, sagt Helmut Blank. „Wir haben die Welt bei uns zu Gast – daraus müssen wir etwas machen.“

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