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John Demjanjuk klagt über Kopf- und Gliederschmerzen.

Demjanjuk krank - dritter Prozesstag fällt aus

München - Die Verhandlung gegen den mutmaßlichen NS- Verbrecher John Demjanjuk ist am Mittwoch wegen einer Erkrankung des Angeklagten ausgefallen.

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Stilles Gedenken im Demjanjuk-Prozess

Der 89-Jährige habe Zeichen eines Infekts mit erhöhter Temperatur und sei nach ärztlicher Einschätzung nicht transportfähig, sagte der Vorsitzende Richter Ralph Alt in München. Demjanjuk muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden während des Zweiten Weltkriegs im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen verantworten. Der gebürtige Ukrainer soll sich als Kriegsgefangener zur Kollaboration mit den Deutschen entschieden haben.

Der Prozess in München

John Demjanjuk: Der Prozess in München

Mehr als ein Dutzend Nebenkläger vor allem aus den Niederlanden, die in Sobibor teilweise ihre ganze Familie verloren haben, konnten am Mittwoch wegen der Aussetzung des Verfahrens nicht in den Zeugenstand treten. Die teils betagten Opferangehörigen sollten nun “nach Möglichkeit“ bei der Fortsetzung des Prozesses am 21. Dezember gehört werden, teilte das Gericht mit. Am Vortag waren die ersten Angehörigen von Opfern in den Zeugenstand getreten. In bewegenden Aussagen schilderten sie, dass sie bis zuletzt glaubten, ihre Verwandten reisten zu Arbeitseinsätzen in den Osten. Die meisten erfuhren erst nach dem Krieg die Wahrheit über die Massenmorde in den Gaskammern von Sobibor.

Die ersten beiden Verhandlungstage hatte Demjanjuk mit geschlossenen Augen in Decken gehüllt auf einer Trage vor dem Richtertisch zugebracht. Dennoch verfolgte er nach Aussagen des Arztes und der Dolmetscherin, die für ihn ins Ukrainische übersetzt, das Verfahren.

Demjanjuk leidet laut Richter Alt an einem Infekt. “Er klagt über Kopf- und Gliederschmerzen.“ Außerdem sei er heiser. Trotz fiebersenkender Mittel habe er am Mittwochmorgen eine Körpertemperatur von 37,5 Grad gehabt. Die tatsächliche Temperatur dürfte nach Auskunft des Arztes mit Blick auf die Wirkung der Medikamente um 0,5 Grad höher liegen, sagte Alt. Der Arzt habe es deshalb mit Blick auf bisherige Infektionen und die Vorerkrankungen von Demjanjuk nicht für vertretbar gehalten, dass von der Haftanstalt Stadelheim zum Justizzentrum gebracht werden. Der 89-Jährige leidet neben einer chronisch verlaufenden Bluterkrankung an Gicht, Herzschwäche und Bluthochdruck.

Eine Fortsetzung der Verhandlung im großen Saal der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim, in der auch früher schon einmal ein NS-Prozess geführt worden war, wurde bisher offenbar noch nicht in Betracht gezogen. Dies würde Demjanjuk die Transporte durch die Stadt ersparen.

Sein Anwalt Ulrich Busch legte am Mittwoch eine neue Haftbeschwerde ein. Eine Bezirkskommission zur Untersuchung von Verbrechen gegen das polnische Volk in Polen habe bereits die Vorwürfe wegen Sobibor geprüft und rechtskräftig festgestellt, dass dies nicht verfolgt werden könne. Deshalb könne Demjanjuk nun nicht wegen derselben Vorwürfe vor Gericht gestellt werden. Unter anderem mit dieser Begründung hatte Busch bereits die Einstellung des Verfahrens verlangt. Eine andere Haftbeschwerde war bereits vor Beginn des Prozesses abgelehnt worden.

dpa

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